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Krefeld
"Gibt es ein Leben vor 12 Uhr?"

Krefeld: "Gibt es ein Leben vor 12 Uhr?"
Beim Griff nach der "Krähe", gehalten von Stefan Erlenwein (r) und Jochen Butz (v.l.): die späteren Sieger Jonas Meyer und Max Kennel ("Das Lumpenpack"), Ingrid Kühne ("De Frau Kühne") und Lorenz Böhme ("Lorman"). FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Der Kabarett-Preis "Krefelder Krähe" ging am Samstag im Stadtwaldhaus an "Das Lumpenpack" - Max Kennel und Jonas Meyer aus Stuttgart. Auf den Plätzen folgten Lorenz Böhme alias Lorman und Ingrid Kühne als "De Frau Kühne". Von Mojo Mendiola

"Ausverkauft" vermeldete Jochen Butz stolz, als er am Samstag im stilvollen Stadtwaldhaus den Siegerabend im diesjährigen Wettbewerb um den Kabarett-Preis "Krefelder Krähe" eröffnete. Seinem Nachfolger als Krähen-Chef, Stefan Erlenwein, oblag es, "de Frau Kühne" aus Xanten als Drittplatzierte zu verkünden. Und wenn auch ihr ganzer Auftritt aus längst abgegriffenen Stereotypen über familiäres Verhalten an Festtagen und auf Urlaubsreisen, über Mütterprobleme mit 16-jährigen Söhnen und die hanebüchenen Unzulänglichkeiten von Ehemännern bestand, so lässt sich doch nicht leugnen, dass die "breit aufgestellte, mit ihrer Körperfülle kokettierende "Böse mit Herz" - so die Laudatio - beim Publikum bestens ankam.

In der Wertung der kombinierten Jury, die sich aus dem Krähen-Ensemble, einer Fach-Jury und dem Publikum der beiden Finalabende im März zusammensetzte, belegte Lorenz Böhme alias Lorman den zweiten Platz, hatte beim Publikum am Samstag aber leider einen weniger guten Lauf. Im Saal war man wohl nicht zu politischen Sarkasmen aufgelegt. Ob er nun Ursula von der Leyen mit ihrer schusssicheren Frisur durch den Kakao zog oder Wolf Biermann, der als Senior-Protestsänger nicht gereift, sondern sauer geworden sei wie alte Milch, oder ob er nach glanzlos verhungerten Anti-Merkel-Pointen den Helen Fischer-Hit "Atemlos" als Höhe- und Endpunkt der abendländischen Kultur geißelte - er kam einfach nicht so witzig über wie gehabt. Und eine Mixed Show, in der unterschiedliche Geschmäcker bedient werden sollen, funktioniert nun einmal anders als ein Kabarett-Abend, an dem ein einzelner Act vor seinem und nur seinem Publikum spielt.

Freunde geistigen Feuerwerks, nicht zuletzt auch die, die zutiefst bedauerten, dass man das Trio "Allen Earnstyzz" nicht aufs Treppchen gehoben hatte, kamen nach der Pause dennoch voll auf ihre Kosten. Die begehrte Trophäe, die überlebensgroße Krähenskulptur, ging an "Das Lumpenpack", und prompt stellten die beiden sich vor, welche surrealen Reaktionen das Teil wohl während der Bahnfahrt nach Stuttgart am nächsten Tag unter den Mitreisenden auslösen würde. Und gleich ihr erstes Lied über die zutiefst bewegende Frage "Gibt es ein Leben vor 12 Uhr?" war ein Knaller. "Knoppers um halb zehn" halten sie schlicht für ein Lügenmärchen, den "guten Morgen" für eine Erfindung der Kaffee-Industrie, und falls es doch einen Vormittag gebe, so sei der schon wegen der stets vor zwölf anfallenden Behördengänge eine einzige Ballung von Übeln. Der zweite Höhepunkt war ein Poetry-Slam-Solo-Vortrag von Max Kennel, in dem er spotttriefenden Wortwitz geradezu genial mit philosophischem Tiefgang verschmolz und zu dem Schluss kam, dass man Zufriedenheit in sich selbst suchen sollte, statt sich immer zwanghaft an anderen zu messen und so zum ewig unzufriedenen Wettbewerber zu verkommen.

Mit seinem Partner Jonas Meyer begab er sich sogar auf die Spuren des großen Heinz Erhard mit Gedichten wie diesem: "Es war einmal 'ne Schlage,/ die teilte sich entzwei./ Der Grund dafür ein Ausruf:/ 'Wir öffnen Kasse drei!'" - Tosender Applaus nach jeder Nummer, da war eine Zugabe einfach nicht genug.

Quelle: RP
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