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Krefeld
Gruyters-Belegschaft: Lieber arbeitslos als weitermachen mit bisherigem Chef

Krefeld: Gruyters-Belegschaft: Lieber arbeitslos als weitermachen mit bisherigem Chef
An der Tannenstraße produziert die Gruyters Keksfabrik für Betriebskantinen, Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime sowie Großküchen, Hotels und Jugendherbergen - der angenehme Duft ist dort täglich weithin riechbar. FOTO: TL
Krefeld. Diese Entscheidung der Gruyters-Belegschaft dürfte nahezu einmalig in der Bundesrepublik sein. 40 Mitarbeiter votierten in einer geheimen Abstimmung in Konsequenz für den Verlust ihres Arbeitsplatzes, statt mit der alten Geschäftsführung einen Neuanfang zu versuchen. Von Norbert Stirken

Die Belegschaft der traditionsreichen Keksfabrik Gruyters hat sich in geheimer Abstimmung gegen den Sanierungsplan und damit gegen die Fortführung der Firma unter der alten Betriebsleitung ausgesprochen. Mehr als 90 Prozent der komplett anwesenden Mitarbeiter stimmten damit für den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Dieser Schritt ist ungewöhnlich, womöglich sogar einzigartig.

Aus Arbeitnehmerkreisen war zu hören, dass die Betriebsleitung für "atmosphärische und unternehmerische Mängel" die Verantwortung trage. Es sei der Belegschaft deshalb unmöglich, unter einer solchen Geschäftsführung einen Neuanfang zu versuchen.

Die Eigentümer der Wilhelm Gruyters GmbH, Karl-Heinz Maneke (links) und Peter Rinsch, hätten den Plan, das Unternehmen zu sanieren, aufgeben, sagt Anwalt und Insolvenzverwalter Claus-Peter Kruth. FOTO: WGG

Die von ihm angestrebte Eigensanierung der Wilhelm Gruyters GmbH könne nicht mehr umgesetzt werden, informierte Insolvenzverwalter Claus-Peter Kruth. Nach umfassender Überprüfung der wirtschaftlichen Situation hatte er zusammen mit den Eigentümern - die Gesellschafter Peter Rinsch und Karl-Heinz Maneke - einen Plan erarbeitet, um das Unternehmen zu sanieren und damit den Standort und die ganz überwiegende Anzahl der rund 40 Arbeitsplätze in Krefeld zu sichern.

Der Versuch, einen Investor zu finden, der Gruyters aus der Finanznot hilft, scheiterte. Stattdessen sollte eine Vertriebskooperation helfen, um Gruyters in finanziell sichere Gewässer zu führen. Die angestrebte Sanierung misslang laut Insolvenzverwalter deshalb, weil mit dem Betriebsrat keine Einigung über die notwendigen Sanierungsschritte für das insolvente Unternehmen gefunden werden konnte. Die Eigentümer hätten den Plan deshalb aufgegeben, erklärte der Jurist.

Dessen Plan sah unter anderem die Kündigung von vier Arbeitsverhältnissen vor (wir berichteten). "Die fehlende Unterstützung durch den Betriebsrat bedauere ich außerordentlich, insbesondere vor dem Hintergrund, dass in mehreren Verhandlungsrunden mit dem Betriebsrat bereits eine grundsätzliche Übereinkunft über anstehende Personalanpassungen erzielt war", sagt Kruth. Soweit sich nicht doch noch ein Investor finde, blieben ihm daher nur die Ausproduktion sowie die Schließung des Betriebs. Für die arbeitslos werdenden Kräfte solle ein Sozialplan aufgestellt werden.

Mit Ausproduktion sei, so die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten, gemeint, dass nunmehr für die Gläubiger die Insolvenzmasse gefüllt werden solle. Aufträge würden abgearbeitet und die Einnahmen für die Gläubiger und den Insolvenzanwalt gesichert.

"Ich bedaure ausdrücklich, dass nun viele Kolleginnen und Kollegen ihren Arbeitsplatz verlieren werden. Dennoch haben wir Respekt vor der Entscheidung der Beschäftigten.", so Marius Niering, Gewerkschaftssekretär der NGG in der Region Krefeld-Neuss. Der Betriebsrat habe sich in den Verhandlungen zur Sanierung sehr für den Fortbestand der Firma engagiert. Bereits Ende April seien sich Arbeitnehmervertretung und Insolvenzverwaltung einig über die Eckpunkte zur Fortführung der Keksfabrik mit entsprechenden Restrukturierungsmaßnahmen gewesen. In der vergangenen Woche hätten die Eigentürmer nachträglich schwerwiegende Änderungen an der verabredeten Abmachung gefordert. Diese Abweichungen hätten aus Sicht der Belegschaft die schwierige wirtschaftliche Situation verschlechtert und nicht zur Sanierung beigetragen.

Dazu Gewerkschafter Niering, der ebenfalls an den Verhandlungen teilnahm: "Der Betriebsrat hat zur Sanierung des Betriebes schon einige Zugeständnisse gemacht. Dass nach der Einigung noch weitere Punkte auf den Tisch kommen, ist nicht akzeptabel." In der Betriebsversammlung wurde offen und ausführlich über die zwei Alternativen gesprochen: Fortführung des Betriebs unter den geänderten Bedingungen des Arbeitgebers oder Ablehnung der Sanierung mit der Folge der Betriebsschließung. In der Versammlung machte die Belegschaft sehr deutlich, dass kein Vertrauen gegenüber der Geschäftsführung mehr besteht. "Eine Fortführung des Betriebs mit den vorgestellten Bedingungen ist für die Belegschaft nicht vorstellbar", sagte Niering.

Der Betriebsrat sei nicht bereit, sich den Schwarzen Peter für das Scheitern des Rettungsversuchs zuschieben zu lassen, heißt es aus der Arbeitnehmerschaft. Er habe auf weiter Gespräche gesetzt und sei verwundert, dass Eigentümer und Insolvenzverwalter dafür offenbar keine Basis oder keine Notwendigkeit mehr sehen.

Quelle: RP
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