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Krefeld
Halbzeit-Bilanz im Samtweberviertel

Krefeld: Halbzeit-Bilanz im Samtweberviertel
Die 25 Unternehmen im Pionierhaus an der Tannen- und Lewerentzstraße erbrachten im ersten Jahr 1028 vertragsbedingte Arbeitsstunden für soziale Projekt des Viertels. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Aus einem Quartier ohne großes Ansehen wird allmählich ein Ort, auf den die Bewohner stolz sind. Von Otmar Sprothen

Der "Große Viertelratschlag" ist die jährliche zentrale Veranstaltung, in der über den weiteren Werdegang des Projekts "Nachbarschaft Samtweberviertel" entschieden wird, wie es in dem Viertel im Bahnbezirk weitergehen soll. Rund 100 Besucher hatten sich zu dem Treffen im Südbahnhof eingefunden, das einer Halbzeitbilanz gleichkam, denn 2018 wird die Montag-Stiftung in den Hintergrund treten. Dann muss das soziale Projekt auf eigenen Füßen stehen.

Das Samtweberviertel gehört zu Krefelds buntesten Vierteln. Zu ihm zählen die Turnhalle Gerberstraße, der Hauptbahnhof, das Schwimmbad Neusser Straße, der Alexanderplatz und der Bereich um die Lewerentzstraße. Von Beginn an hatte die federführende Bonner "Montag-Stiftung Urbane Räume" das Projekt auf eine soziale Rendite für das Viertel ausgelegt. Die jährlichen Erträge aus der Vermietung des von 25 Unternehmen mit 60 Menschen genutzten Pionierhauses und des für Wohnen und Büros genutzten Torhauses führt die Stiftung direkt in die Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit. Das Denkmalensemble selber wird eine Mischung aus geförderten und frei finanzierten Wohnungen aufnehmen, deren Zuschnitt die Mieter mitbestimmen konnten. Büro- und Wohnungsmieter haben sich zu einer bestimmten Anzahl von Stunden verpflichtet, die sie in speziellen Projekten und Angeboten dem Viertel zugutekommen lassen. Projektleiter Robert Ambrée will 2017 alle Wohnungen vermietet haben. Er rechnet nach Abzug aller Unkosten mit einer Jahresrendite von 60.000 Euro, die von einer gGmbH verwaltet wird.

Die Verteilung der Gelder regelt der Viertelsrat auf Anregung durch den Viertelsratschlag. Der Viertelsrat ist ein bislang nicht gewähltes Gremium von zehn bis zwölf Personen, die in regelmäßigen Abständen zusammenkommen. Zu dessen "Graswurzelcharakter" sagt Hubert Fortmeier, der frühere Schulleiter der Josefschule. "Der Viertelsrat ist auf einstimmigen Konsens ausgelegt, kein Mehrheitsmodell. Dies ist ein hoher Anspruch, der aber keine Verlierer zurücklässt." Pastor Andreas Ulrich von der Freikirchlichen Evangelischen Gemeinde Gerberstraße macht Mut: "Das kann gelingen, ist aber sehr anstrengend. Wir praktizieren dies schon seit 160 Jahren."

In einer Diskussionsrunde mit ständig wechselnden Teilnehmern zeigten diese, wie stark sich in den vergangenen beiden Jahren die lose Vernetzung vieler Initiativen verfestigt hat. Inzwischen konnte mit der "Ecke" ein kleines Stadtteilcafé eröffnet werden, das ab April ein Frühstück anbietet; Elif Manaz wird ihre Kunstkurse für Kinder erweitern; die Pflanzgruppe, die bisher 15 Baumscheiben im Viertel ausgeschmückt hat, hat eine weitere in Angriff nehmen können, nachdem ein Baumpate gefunden worden war. Ein griechischstämmiger Rechtsanwalt wird demnächst seine Kanzlei in die Lewerentzstraße verlegen. Temperamentvoll bekannte er sich zu Krefeld: "Ich bin ene Krieewelsche Jong". Ein türkischstämmiger Kleinunternehmer will im Viertel bleiben: "Durch das Samtweberei-Projekt hat das Viertel enorm an Ansehen gewonnen", bekannte seine deutsche Partnerin. Das stimmungsvolle Kirschblütenfest soll auch in diesem Jahr wieder am Alexanderplatz stattfinden.

Zu einer engen Kooperation kam es mit der Bürgerinitiative "Rund um St. Josef". Um die Integrationsbemühungen zu intensivieren, wurden die Kontakte zur Caritas verstärkt. Ein Vertreter der beiden islamischen Gemeinden Saum- und Viersener Straße bat um Unterstützung für den vorgesehenen Bau einer Moschee. Kritik übte ein Bewohner kurdischer Herkunft, der die geringe Zahl der Integrationsangebote für Migranten bemängelte. Dies soll durch vermehrte Angebote zur Migranten-Selbst-Organisation aufgefangen werden.

Peter Ewertz ist Mitglied des Viertelsrats. Der Programmierer beendet demnächst sein Berufsleben: "Als ich von dem Projekt durch die Zeitung erfuhr, wurde mir sofort klar: Das Modell Samtweberei würde mir passen. Wenn ich demnächst über viel Zeit verfüge, könnte ich diese im Verein mit anderen nutzbringend einsetzen." Ewertz hat eine Wohnung in der Samtweberei angemietet und zieht demnächst dorthin. "Die neuen Mieter machen Mut. Sie sind aufgeschlossen für dieses Viertel und bringen Engagement und Zeit mit", freut sich Projektleiter Ambrée. "Jetzt müssen wir noch das Augenmerk auf junge Familien mit Kindern richten. Ein Teil der noch leerstehenden Wohnungen kann mit Wohnberechtigungsschein gemietet werden."

Quelle: RP
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