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Krefeld
"Hamlet" - ein Seelenkrimi

Krefeld: "Hamlet" - ein Seelenkrimi
Vom Wahnsinn gezeichnet: Sophie Witte beeindruckt mit Stimme und schauspielerischer Leistung als Ophelia. FOTO: Matthias Stutte
Krefeld. Bravo-Rufe, Standing Ovations für den Sänger der Titel-Partie und Szenenapplaus für die Niederrheinischen Sinfoniker: Das Premierenpublikum toste. In "Hamlet" fügt sich alles bestens zusammen: Inszenierung, Musik, Optik und grandiose Stimmen. Von Petra Diederichs

Die wichtigste Antwort zuerst: Nein, es gibt keinen Totenschädel. Wenn Hamlet über Sein oder nicht Sein philosophiert, dann braucht er derlei Requisite nicht. Regisseurin Helen Malkowsky hat in ihrer Interpretation des berühmten Shakespeare-Stoffes das Seelenleben des labilen Dänenprinzen ohne Zaunpfahl-Symbolik aufgefächert. Und nicht nur Hamlets Psyche hält Ambroise Thomas' 1868 uraufgeführte Oper mit gehörigem Tempo in Fahrt. Malkowsky leuchtet in die emotionalen Verschlingungen aller Figuren. Dazu hat sie ein Ensemble, das nicht nur mit schönen Stimmen, sondern auch spielerisch punktet; ein Bühnenbild (Hermann Feuchter), das in seiner Klarheit an Shakespeares Globe Theatre erinnert, aber in dem jedes Detail sitzt; und Kostüme (Susanne Hubrich), die französische Eleganz zitieren, aber den Pomp humorvoll entlarven.

Fünf Akte, drei Stunden, lang kann das Publikum mitfiebern, -leiden und -bangen, sich an klug gewählten Bildern nicht sattsehen oder mit der Musik schwelgen. Wer mit ruhigem Puls verfolgt, wie Ophelia den Verstand verliert und ins Wasser steigt, der nimmt hochdosierte Blutdrucksenker. Es ist der Abend von Sophie Witte (Ophelia) und Rafael Bruck (Hamlet), die ihre Figuren mit fast überirdisch schönem Gesang und Innigkeit füllen. Dabei werden sie von einem Ensemble unterstützt, das die Latte hoch legt. Witte verkörpert die weltentrückte Zartheit Ophelias im Auge des Hurricane. Um sie herum fliegt alles aus der Bahn, nur sie ist zur Ohnmacht verdammt. In der berühmten "Wahnsinnsarie" bäumt sie sich vehement auf. Stark und klar wie ein Diamant ist ihre Stimme, aber selbst in den Spitzen noch voller Wärme und Gefühl. Auch Rafael Bruck zeigt Zerrissenheit. Er entwickelt sich vom unreifen Prinzen, der den toten Vater fürchtet, zum Mann, der nicht nur aus Rache, sondern für Gerechtigkeit das Schwert erhebt und mit der höfischen Gesellschaft, die nur auf eigene Vorteile schielt, aufräumt. Dass er sich am Ende nicht auf den Thron setzen wird, ist klar. Er wählt die Narrenkappe. Bruck ist ein Volltreffer. Der junge Bariton, der als Talent im Opernstudio gefördert wurde, nimmt nicht nur die musikalischen Herausforderungen der Partie mit Leichtigkeit, sondern auch die darstellerischen in diesem Seelenkrimi. Das Publikum huldigt ihm stehend.

Die Bildgewalt der Inszenierung beginnt schon zur Ouvertüre. Weil etwas schräg ist im Staate Dänemark, hängt der verwaiste Königsthron schief im Bühnenhimmel. Claudius, der den Bruder getötet hat, pflückt ihn sich herunter und setzt sich selbst die Krone auf. Matthias Wippichs runde Bassstimme strahlt Selbstbewusstsein in jeder Note aus (später wird er mit düsterem Timbre von Reue singen.) Der Opernchor - von Michael Preiser präzise aufgestellt - stimmt den Jubelgesang an, der bis in den Himmel steigen soll. Und das wird die Musik an diesem Abend mehrfach. Generalmusikdirektor Mihkel Kütson tritt mit den Niederrheinischen Sinfonikern tüchtig aufs Gaspedal. Im Graben donnert und brodelt es, da entfachen sich emotionale Gewitter und zarte Gesänge. Für ein lyrisches Bläsersolo gab es sogar Szenenapplaus. Manchmal klingt es fast nach Offenbach.

Solche musikalischen Pointen werden auf der Bühne aufgegriffen. Alles hat Leichtigkeit: Statt Friedhofsgrusel leuchten Taschenlampen hinter dunklem Stoff. Schiefe Rahmen sind Fenster zu Szenen aus dem Off oder angedeutete Fluchtwege. Manchmal steigt ein Narr heraus. Malikowsky hat die Randfigur zum zentralen Akteur erhoben, der ordnend ins Geschehen eingreift - als Stimme des toten Königs, der Rache fordert und im entscheidenden Moment mahnt, die Mutter zu verschonen. Andrew Nolen hat gesanglich wenige, aber vortreffliche Auftritte, ist sehr präsent und erhält am Ende großen Beifall, ebenso Janet Bartolova als elegante und kühle Gertrude sowie in kleineren Rollen Hayk Dèinyan, Carlos Moreno Pelizari, Kairschan Scholdybajew und Gereon Grundmann. Für alle gab es am Ende doch noch Totenköpfe - ein süßes Dankeschön der Theaterfreunde bei der Premierenfeier.

Hamlet (Rafael Bruck) zückt die Waffe gegen den König (Matthias Wippich) - der Narr (Andrew Nolen) ist entsetzt. FOTO: Matthias Stutte

Nächste Vorstellung: 9. Dezember, Kartentelefon 02151 805125.

Quelle: RP
 
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