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Krefeld
Haus Lange: Die Briten ziehen wieder aus

Krefeld: Haus Lange: Die Briten ziehen wieder aus
Die Herrschaften sind nicht zu Haus: Das güldene Hausmädchen der fiktiven Bewohner von Haus Lange empfängt die Besucher nur noch bis Sonntag. Dann endet die Ausstellung des skandinavischen Künstlerduos Elmgreen & Dragset an der Wilhelmshofallee. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Es war aufsehenerregend und witzig: Mit ihrer Idee das Museum Haus Lange zum neuen Zuhause einer vor dem Brexit geflüchteten Familie zu machen, haben Dragset & Elmgreen viele Besucher angesprochen. Die Ausstellung endet. Was bleibt, ist ein Katalog. Eine Nachlese. Von Petra Diederichs

Räumliche Veränderungen rücken die eigene Perspektive oft zurecht. Und auch die Veränderung eines Raumes kann helfen, Sichtweisen völlig neu zu justieren. Eines der gelungensten Beispiele dafür ist die Ausstellung "Die Zugezogenen", bei der das skandinavische Künstlerduo das Haus Lange für eine fiktive Familie möbliert haben. Aus der Museumsvilla, in der Künstler meist Arbeiten zeigen, die sich mit der Bauhaus-Architektur und der Lehre Ludwig Mies van der Rohes auseinandersetzen, haben Michael Elmgreen und Ingar Dragset ein Wohnhaus gemacht.

Das Interieur ist edel, wie man es für eine Villa in Krefelder Bestlage erwarten kann. Mobiliar und Accessoires sind real. Aber die Familie, in deren Leben die Besucher in der Villa spazieren können, ist erfunden. Und je mehr Details der Betrachter sich zu einem Bild von den unbekannten Bewohnern zusammenpuzzelt, desto mehr Ungereimtheiten tun sich auf.

Mit Erwartungen spielen, sie brechen, den Museumsbummler in eine Behaglichkeit locken, die einer wachsenden Irritation weicht, das ist ein Idealfall von Kunst. Das haben die Krefeld so zuletzt erlebt, als der amerikanische Konzeptkünstler John Baldessari Haus Lange ans Meer verlegte, indem er die Fenster mit Backsteinen zubaute und in den Fenstern die Aussicht auf die kalifornische Wüste und den Ozean vortäuschte. So etwas bewegt und bleibt im Gedächtnis.

Und es setzt Fantasien frei. Der Kunstkurs der bischöflichen Montessori-Schule hat sich mit den "Zugezogenen" beschäftigt und die familiären Mikrostrukturen analysiert. Der leblos im Gartenpool treibende Körper hat die Interpretationen beflügelt. Annika Dyllong und Eva Kehrbusch haben in bestem Krimi-Jargon eine polizeiliche Bestandsaufnahme verfasst, in der es um den vorsätzlichen Mord an einem George Michael geht, aber auch Kindesmisshandlung und Regierungsspionage eine Rolle spielen. Zwei Mitschüler haben einen Abschiedsbrief verfasst, in dem der Familienvater, der sich dann im Pool das Leben genommen hat, seinem Sohn seine ausweglose Situation erklärt. In anderen Interpretationen verschwimmen die Wahrnehmungen eines fiktiven Ichs, das nicht weiß, ob es sich in einem Alptraum befindet oder auf dem Scheitelpunkt einer existenziellen Krise. Mal heißt die Mieterfamilie von der Wilhelmshofallee Meier und ist von Bochum nach London ausgewandert, bevor der Brexit sie zurück nach Deutschland trieb, mal ist es die englische Familie Watson, die in der Villa paranormale Phänomene erlebt.

Die Ausstellung von Elmgreen & Dragset endet am Sonntag. Ein letzter Besuch empfiehlt sich schon deshalb, weil im Museumsshop jetzt der Katalog zur Ausstellung erhältlich ist. Es ist die erste deutschsprachige Publikation zu Elmgreen & Dragsets Werk seit fast 20 Jahren. Der Katalog erscheint bei Koenig Books, London, und wird von Magdalena Holzhey, Kuratorin der Krefelder Kunstmuseen, herausgegeben. Das in enger Zusammenarbeit mit den Künstlern entwickelte und gestaltete Buch dokumentiert in zahlreichen Abbildungen ihre auch überregional stark beachtete Einzelausstellung im Museum Haus Lange.

Ein Essay von Magdalena Holzhey und Mit-Kuratorin Irina Raskin führt in die Ausstellung ein und beleuchtet ihre vielen Bedeutungsebenen im Kontext des Werks der Künstler. Mark Taylor, Professor für Architektur an der Universität von Newcastle (Australien), erweitert von Elmgreen&Dragset ausgehend den Fokus auf Motive des Wohnens in Kunst, Literatur und Architektur.

Der Katalog ist mit einem Grußwort von Ursula Sinnreich und Fritz Behrens versehen, einem Vorwort von Katia Baudin und Texten von Magdalena Holzhey, Irina Raskin und Mark Taylor. Er umfasst 144 Seiten (Deutsch/Englisch). In den Museumsshops kostet die Publikation 25 Euro, im Buchhandel 29,80 Euro. Am Sonntag, 27. August, gibt es eine letzte Kuratorenführung. Treffpunkt ist um 15 Uhr im Museum Haus Lange, Wilhelmshofallee.

Quelle: RP
 
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