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Krefeld
Heine-Texte für Fortgeschrittene

Krefeld: Heine-Texte für Fortgeschrittene
Auf der Studiobühne der Fabrik Heeder eröffnet Theaterintendant Michael Grosse dem Publikum den Denk- und Gefühlskosmos von Heinrich Heine. FOTO: Matthias Stutte
Krefeld. Zum zweiten Mal widmet Theaterintendant Michael Grosse dem Dichter einen Solo-Abend - mit Genuss und Anspruch. Von Petra Diederichs

Auf Michael Grosses persönlicher Bestenliste hat Heinrich Heine (1797-1856) einen Stammplatz. Das erzählt der Theaterintendant gerne, aber das könnte er spätestens seit "Das Testament" ohnehin nicht mehr verbergen. Zu lustvoll, packend und virtuos geht Grosse mit Lyrik und Prosa des gebürtigen Düsseldorfers um. In der ausverkauften Fabrik Heeder begeisterte Grosse jetzt das Premierenpublikum für Heines "Testament".

Es ist ein bisschen so, als blättere man mit einem Freund durch eine Heine-Prachtausgabe wie durch ein Familienalbum. Es gibt zahlreiche "Weißt du noch"-Momente, Versuchungen, Texte wie "Ein Jüngling liebt ein Mädchen" oder "Denk ich an Deutschland in der Nacht..." mitzusprechen. Dann tauchen sie wieder auf, die Gedichte, die seit der Schulzeit tief im Langzeitgedächtnis Moos angesetzt haben: "Die schlesischen Weber" und die "Traumbilder". Grosse versteht es, das kleine Format der Rezitation - mit nur einem Hocker und einer Holzwand auf der Studiobühne - zu einem großen Vergnügen zu machen. Er ist ein Vollblut-Komödiant, der mit Texten kunstvoll jonglieren kann. Er baut Lyrik, Prosa und klitzekleine Auszüge aus Heines Briefwechseln zusammen zu einer 70-minütigen Suite über einen großen Denker. Und das Publikum entdeckt gerne Bekanntes, Vergessenes und bisher noch Unbekanntes.

Im schwachen Lichtkegel steht Grosse auf der dunklen Bühne, an eine Säule gelehnt, und spricht "Das Testament". Von Heines bitterer Abrechnung mit seinen Zeitgenossen geht es danach tief hinein in die Denk- und Gefühlswelt des Mannes, der seine Heimat voll tiefer Verachtung verlassen hat und im französischen Exil mit "Zahnschmerzen im Herzen" gegen die Heimatlosigkeit ankämpft. In leichtfüßigen Versen tun sich emotionale Gletscherspalten auf.

Michael Grosse ficht mit dem verbalen Heine-Florett gegen die Missstände jener Zeit, drischt als Alter-Ego des Dichters auf dessen Kollegen ein, watscht Ludwig Tieck und Goethe ab, gießt Häme über jenes "Kunst-Zigeunertum", das sich als Kunst verstanden wissen will, und schießt mit saftigen Pointen auf Carl Maria von Weber, dessen "Freischütz"-Erfolg Heine zu den Ohren herauskommt. Es ist keine "Heine light", den Grosse seinem Publikum mit diesem vierten Solo-Programm vorsetzt. Nach dem erfolgreichen Abend "Ein Wintermärchen" ist die Heine-Auswahl jetzt ein Vermächtnis für Fortgeschrittene. Denn unter der eleganten Sprache glänzen Erkenntnisse, an denen sich auch im 21. Jahrhundert noch reiben lässt. Sein Gesellschaftsbild "Wir tanzen auf einem Vulkan - aber wir tanzen" ist schmerzlich aktuell, seine Definition vom "Patriotismus des Deutschen", der darin besteht, "dass sein Herz enger wird, sich zusammenzieht wie Leder in der Kälte, dass er das Fremdländische hasst" und nicht Weltbürger, sondern "nur ein Deutscher, ein enger Deutscher" sein will, könnte Heine als Antwort auf Pegida geschrieben haben. Gedanken über Charakter und Ethik finden Beifall des Publikums. "Schönheit und Genie sind eine Art Königtum, und sie passen nicht in eine Gesellschaft, wo jeder im Missgefühl der eigenen Mittelmäßigkeit alle höhere Begabnis herabzuwürdigen sucht, bis aufs banale Niveau", sagt Heine. Großer Beifall.

Quelle: RP
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