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Krefeld
Hoffmanns schaurig schöne Erzählungen

Krefeld. Hinrich Horstkotte versetzt Offenbachs Oper mit überbordender Fantasie in eine Spukgeschichte mit 50er-Jahre Charme und surrealen Anklängen an Dickens und Harry Potter. Das Premierenpublikum jubelte. Von Petra Diederichs

In Lutters Keller ist mächtig was los. Nebel wabern durch den schummrigen Schankraum, und die Gäste mit den Burschenschaftskappen und den zipfeligen Hüten sind höchst seltsame Gestalten. Es wird noch ärger kommen. Personen verschwinden durch den Kamin, aus den Wänden wachsen Arme, Gemälde erwachen zum Leben, und die Porträts der Ahnengalerie verwandeln sich in rollende Augäpfel. Ein wahres Gruselkabinett hat Hinrich Horstkotte aus Jacques Offenbachs Erfolgsoper "Hoffmanns Erzählungen" gemacht.

Im 19. Jahrhundert war E.T.A. Hoffmann der bekannteste und gefeierteste Dichter der deutschen Romantik in Frankreich. Er war ein Universalgenie, und sein skurriles Betragen lieferte reichlich bühnentauglichen Stoff. Offenbach lässt den Dichter das Resümmé seines desolaten Liebeslebens ziehen - vier Frauen, vier gescheiterte Beziehungsversuche - und zitiert dabei lustvoll aus den damals dem breiten Publikum geläufigen Werken Hoffmanns, von den "Elixieren des Teufels" über den "Kater Murr" bis zum "Goldene Topf". Mit ähnlichem Genuss zitiert Horstkotte aus Schauernovellen und Science Fiction. In der Physiker-Szene fühlt man sich an Frankenstein und Dr. Caligari erinnert, etwas später glaubt man, mit Doc Brown zurück in die Zukunft zu fliegen, dann tauchen Figuren auf, die geradewegs Charles Dickens' "Weihnachtsgeschichte" entstiegen sein könnten oder einer Hoffmannschen Novelle. Und es würde nicht verwundern, wenn plötzlich Harry Potter aus dem Kamin rutschte oder hinter dem hämischen Höllengelächter aus dem Off Lord Voldemort steckte. Horstkotte lädt zu einem Höllentrip, der den Wohlfühlgrusel der Schauerromane aus den 50er Jahren zelebriert - wie ein Besuch auf der Nostalgie-Geisterbahn. Das ist so üppiges, in Sepia-Tönen abgedunkeltes Ausstattungstheater, dass man kaum weiß, wohin man gucken soll. Denn Bühnenbild und Kostüme hat der Regisseur eigenhändig entworfen und dabei nicht nur eine Klamottenkiste geöffnet. Horstkotte dreht an der Gagschraube, bis es knirscht. Das Publikum amüsiert sich bestens.

Wenn's auf der Bühne surreal tost, muss sich die Musik zurückhalten. So hat Offenbach seine Oper zwar mit vielen Farben, aber ohne Klanggewitter ausgestattet. Alexander Steinitz und die Niederrheinischen Sinfoniker widmen sich hingebungsvoll und mit großer Fabulierlust der musikalischen Basis für einen Klanggenuss.

Kairschan Scholdybajew, der als Hoffmann zu jeder neuen Dame in ewiger Liebe zerfließen muss, fächert die melancholischen Züge des Charakters auf und gibt ihm Tiefe, bewältigt aber auch kraftvoll die Höhen seiner anspruchsvollen Partie. Johannes Schwärsky als sein Rivale Lindorf, als schräger Optiker Coppelius und als jekyllhafter Dr. Mirakle besticht mit warmem, verlässlich vollem Ton. Zu den großen Überraschungen des Abends gehört Manon Blanc-Delsalle vom Opernstudio Niederrhein. Weil beide Besetzungen für die Muse erkrankt waren, sprang sie ein und meisterte ihre tragende Rolle mit fein austemperiertem Sopran, der zum Ende des Abends hell strahlte. Großen Beifall für Hoffmanns Damen: Sophie Witte verleiht der Olympia eine Pippi-Langstrumpf-Kessheit, die sie mit herzzerreißend schönen Koloraturen krönt. Sehr bewegend ist Izabela Matula als Antonia, die sich zu Tode singt. Sie legt die gesamte Farbkarte tiefer Gefühle in ihren Gesang. Lisa Kaltenmeier ist die in Sünden-Rot gewandete Kurtisane, die mit hellem Sopran auf Seelenfang geht. Hohen Unterhaltungswert haben Markus Heinrich, Matthias Wippich und Andrew Nolen in diversen Rollen. Das gesamte Ensemble einschließlich Margriet Schlössels (Stella) und James Park (Nathanael) machen ihre Aufgabe vorzüglich. Und der Chor hatte hörbares Vergnügen an den Trinkliedern und der Moritat von "Klein Zack". Fünf Minuten Applaus.

Quelle: RP
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