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Krefeld
Holocaust-Gedenktag in Krefeld

Krefeld: Holocaust-Gedenktag in Krefeld
Nichts als eine Gabel ist nach einem Bombenangriff auf Krefeld übriggeblieben. Schüler der Waldorfschule haben diese und andere Stücke gesichtet und für die Besucher aufbereitet. Sie erinnerten an die vielen Schicksale von Opfern, die dem Holocaust und der Nazidiktatur zum Opfer fielen. Die Waldorfschule hat in diesem Jahr den offiziellen Gedenktag der Stadt ausgerichtet. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)
Krefeld. Zum internationalen Gedenktag für die Opfer des Holocaust erzählte "Hitlerjunge Salomon" Sally Perel in der Waldorfschule von seinem knappen Überleben und von neuen Befürchtungen. Schüler zeigten unterdessen eine Ausstellung über die Zeit von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg. Von persönlichen Schicksalen und perfiden Systemen. Von Henning Rasche (Text) und Thomas Lammertz (Fotos)

Als Erstes hat er an die Worte seines Vaters gedacht: "Sally, vergiss nie, wer du bist." Seine Mutter wiederum hatte ihm beim Abschied auf den Weg gegeben: "Du sollst leben." Und dann stand Sally da, mit seinen 16 Jahren, und erlebte, dass beide Sätze einander widersprachen, ja, sich sogar ausschlossen. Ein Soldat hatte ihn, den jungen Sally, gefragt, ob er Jude sei. Wäre es nach der Maxime seines Vaters gegangen, so hätte Sally antworten müssen: Ja, ich bin Jude. Doch dann wäre er kurze Zeit später im Wald erschossen worden. Er würde nicht mehr leben können, wie es sich seine Mutter so sehr gewünscht hatte.

Oberbürgermeister Frank Meyer (l.) und Michael Gilad, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde (r.), nehmen "Hitlerjungen Salomon" Sally Perel in ihre Mitte. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Sally Perel hat die Nazidiktatur überlebt. Und zwar nur, weil er als "Hitlerjunge Salomon" seinen Glauben, seine Religion verleugnete. Weil er sich als etwas ausgab, das er nicht war - und das verschwieg, was er war. "Ich spielte den Hitlerjungen nicht nur, ich wurde zum Hitlerjungen", sagte der 90-Jährige gestern nun vor Schülern, Lehrern und Vertretern aus Politik und Verwaltung in der Waldorfschule. Dort fanden in diesem Jahr die Feierlichkeiten zum internationalen Gedenktag für die Opfer des Holocaust statt. In jedem Jahr richtet eine andere Krefelder Schule den Tag aus.

Oberbürgermeister Frank Meyer, der schon eine Stunde lang vor dem offiziellen Teil mit Sally Perel gesprochen hatte, erinnerte an die "menschenverachtende Ideologie der Nazis". Meyer sagte, dass man die Geschichte der Nazizeit zwar vergessen könnten, so dass sie im Rückspiegel immer kleiner werde. Man könne aber die "Vergangenheit nicht einfach abheften", auch wenn es anstrengend und unbequem sei. Er sagte: "Die Opfer zu vergessen hieße, ihnen ein zweites Mal Unrecht zuzufügen." Es sei unsere "menschliche Pflicht" - auch und insbesondere aus der Geschichte heraus - den Menschen, die jetzt vor Krieg fliehen, zu helfen. Meyer sei stolz darauf, wie die Krefelder aktuell den vielen Flüchtlingen in der Stadt helfen. Aber der Oberbürgermeister warnte vor einer zunehmenden Radikalisierung an anderer Stelle. "Die Rhetorik bedient sich der gleichen Bilder wie vor 80 Jahren", sagte Meyer mit Blick auf zunehmende rechte Tendenzen und Bewegungen. Dem müsse man sich entgegenstellen, sagen: "Mit uns nicht".

Die Rheinstraße hieß in der NS-Zeit "Adolf-Hitler-Straße". FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Gerade wegen dieser Entwicklung seien Gespräche mit Zeitzeugen wie Sally Perel auch für junge Menschen von so großer Bedeutung. Zeitzeugen würden immer älter und demzufolge auch weniger. Frank Meyer stellte Sally Perel, der inzwischen in Israel lebt, aber häufig in Deutschland zu Vorträgen zu Gast ist, einige Fragen auf der Bühne der Aula in der Waldorfschule.

"Wann ein Krieg beginnt, wissen wir. Aber wann beginnt der Vorkrieg?", fragte Perel wiederum an das Publikum gerichtet. In einer solchen Phase des Vorkrieges befänden wir uns derzeit wieder in Deutschland, sagte Perel. "Man hat gedacht, dass die Menschen vernünftiger werden, aber das ist sehr enttäuschend", antwortete er auf die Frage von Frank Meyer, wie er die aktuelle "rechtspopulistische Rhetorik" im Land empfände. Und Perel weiter: "Das erinnert schon an die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Gefahr eines neuen Faschismus ist da."

Auch an homosexuelle Opfer erinnerten die Schüler. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Der Humanismus sei die Antwort auf alle menschenverachtenden Gedanken. Und Humanismus sei schließlich der Geist der Waldorfschulen. Deswegen sei dies ein guter Ort, um den Opfern des Holocaust zu gedenken, befand Perel. Schüler der Waldorfschule hatten eine Ausstellung über die Zeit von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg mit einem Krefelder Schwerpunkt vorbereitet.

Zwei Schüler führten die Besucher durch Klassenräume, in denen Fotowände, Videoinstallationen, Plakate und Bilder an Opfer und Schicksale der Nazidiktatur erinnerten.

Maja aus der achten Klasse der Waldorfschule hatte mit ihren Mitschülern eine Fahrradtour zu denkwürdigen Orten gemacht - und das Video während der Ausstellung vorgestellt. Sie waren etwa zum Bismarckplatz geradelt, wo die Nazis zwischenzeitlich ihre Kreisparteizentrale untergebracht hatten. Ursprünglich war das Gebäude als preußisches Landratsamt vorgesehen, erfuhren die Besucher von Maja. Doch dann kamen die Nazis.

Die Stufe 13 erinnerte auch an die vielen homosexuellen Opfer der Nazis, deren Liebe als Verbrechen geahndet und oftmals mit dem Tod bestraft wurde. Andere Schüler stellten einzelne Widerstandskämpfer vor, erzählten ihre Schicksale auf Plakaten und in Videos. Immer wieder kommen Zeitzeugen zu Wort, immer wieder schüttelt es den Besucher.

Während der Feier tanzte eine Schülergruppe sehr sanft und ausdrucksstark zu Nelly Sachs' Gedicht "Völker der Erde" und dem Trauermarsch von Felix Mendelssohn Bartholdy. Das eigentliche Gedenken zelebrierten zehn Zehntklässler, die stellvertretend zehn Opfer der Nazis und des Holocaust symbolisierten und deren Schicksale skizzierten. Jeder von ihnen trug eine Kerze.

Sally Perel, der "Hitlerjunge Salomon", hatte damals auf die Frage des Soldaten geantwortet: "Ich bin Volksdeutscher". Er hatte gelogen, seinen Glauben verschwiegen und wurde dafür mit dem Leben belohnt. Er hat diese Rolle nicht gespielt, betont Perel. "Ein Schauspieler darf sich Fehler erlauben. Ich durfte auf dieser Bühne des Schicksals keinen Fehler machen. Er hätte den Tod bedeutet."

Quelle: RP
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