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Krefeld
"Hrant Dink": Poetisch, politisch und packend

Krefeld. Befremdlich und bewegend ist die Uraufführung von "Eine Schiffsladung Nelken für Hrant Dink" in der Reihe des außereuropäischen Theaters. Von Petra Diederichs

Als Fatih Akin vor einigen Jahren einen Film über Hrant Dink drehen wollte, fand der renommierte Regisseur keinen türkischen Schauspieler, der bereit gewesen wäre, die Rolle zu übernehmen. "Das muss ein Türke spielen", stand für Akin fest, und: "Die Türkei ist noch nicht soweit." Nun ist Hrant Dink - Armenier und türkischer Staatsbürger, Journalist und Verfechter der Demokratisierung der Türkei und der Rechte der türkisch-armenischen Minderheit - Titelfigur eines Stücks in der Fabrik Heeder. Den Text der Armenierin Anna Davtyan hat die ebenfalls armenische Regisseurin Zara Antonyan bildmächtig und sinnlich fordernd in Szene gesetzt. Die Uraufführung von "Eine Schiffsladung Nelken für Hrant Dink" erhielt langen Beifall. Heftig feiern mag man nach 90 derart intensiven Minuten nicht. Betroffenheit und die Gewissheit, noch vieles verdauen zu müssen, herrschen vor.

Hier spielt kein Türke den Journalisten Hrant Dink, der 2007 von einem damals 17-jährigen Türken auf offener Straße erschossen und Tage später von 100.000 Trauernden zu Grabe getragen wurde. Als Person taucht Dink nicht auf. Aus vielen verschiedenen Stimmen kann sich der Zuschauer seine eigene Annäherung erarbeiten: Denise Matthey, Joana Tscheinig und Jonathan Hutter sind Sprachrohre für Fakten, Poesie und Dramatik, wechseln ihre Positionen, mischen sie. Und sind dabei nicht auf Sprache begrenzt. Antonyan verlangt ihnen eine enorme Körperlichkeit ab - mit Bewegung, Tanz, Gesang. So entstehen Anmutungen von fernen, unfassbaren Geschehnissen. Was gesagt wird, erhält visuell eine zusätzliche, manchmal verstärkende, manchmal konträre Bedeutung. Die von Rina Rosenberg klug konzipierte Baukastenbühne lässt sich leicht verändern und dient als Projektionsfläche auch für Videoprojektionen. Symbolstarke Szene aus dem surrealen, in Armenien bekannten Film "Die Farbe des Granatapfels" illustrieren nicht das Bühnengeschehen, sondern verstärken es, brechen das wortwörtliche Verstehen, rufen neue Assoziationen hervor. Stephen Ochsner hat das komplexe Musikkonzept und Videodesign geschaffen.

Das ist viel - für die Akteure und für die Zuschauer. Der Völkermord an den Armeniern 1915 mit etwa 1,5 Millionen Toten, die Sehnsucht nach einem Armenien, das es so nicht mehr gibt, der tiefe Schmerz der Verfolgung und der Feindschaften, Hass und Gewalt, die Frau, die Sauerwasser zur Heilung verkauft und dafür eines Tages getötet wird, Atatürks Adoptivtochter, die als Kriegspilotin zur türkischen Volksheldin erhoben wird - alles klingt an. Antonyan bietet keine Figur, an der sich Mitleid entladen lässt. Sie schafft eine Distanz, die zwingt, Position zu beziehen, und anregt, selber den Spuren von Hrant Dink zu folgen. Wer ohne geschichtliche Vorkenntnisse im Publikum sitzt, kann sichschnell orientierungslos in dem hoch-poetischen Text und der oft wunderschönen Sprache Davtyans verheddern. "Buchstaben lösen Probleme, wenn sie aus Eisen sind. Wenn man keine hat, muss man Metall schmieden", heißt eine Überleitung von der Poesie zur Beschaffenheit typischer Säbelformen. Und wenn ab und an leise die alte Weise "Guten Abend, gut' Nacht" erklingt oder der Popsong "Stay with me", bleibt das Stück außereuropäisches Theater - befremdlich und dennoch berührend - nur um etwa ein Viertel zu lang.

Ein wichtiger Abend - auch durch das hervorragende Spiel von Matthey, Tscheinig und Hutter.

Aufführungen: 2., 8., 25. Oktober, 15. November, 8., und 23. Dezember. 90 Minuten ohne Pause. Fabrik Heeder, Virchowstraße 130. Kartentelefon: 02151 805125.

Quelle: RP
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