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Serie Kwm - Die Erste Woche
Im Museums-Studio greift Beuys' Idee

Krefeld. Im Kaiser-Wilhelm-Museum sollen spannende Aktionen für die Kunst interessieren. Im neuen "Studio 2" funktioniert das gut. Gestern verwirklichten dort Erwachsene ihre "Museumsträumereien". Von Petra Diederichs

Joseph Beuys hat Recht gehabt: Jeder ist ein Künstler. Das eigene Potenzial muss nur unter der oberen Schicht Schüchternheit freigelegt werden. Schöne Beispiele gibt es im "Studio 2" im Kaiser-Wilhelm-Museum. Das ist genau der Ort, wo jeder nach der eigenen Kreativität suchen darf.

Freundlich und aufgeschlossen blicken die drei Frauen Thomas Janzen an. Aber sie winken gleich ab, als der Museumspädagoge erklärt, bei der "Museumsträumerei" an diesem Nachmittag könnten sie auch selbst aktiv werden. Das Selbstbewusstsein, sich als Künstlerin zu begreifen, ist noch ein zartes Pflänzchen.

Eine zu einer Seite offene Box in der ersten Etage ist der Quell aller Inspiration. Hier darf, wer mag, mit bereitgestellten Requisiten spielen: bunte Tücher, eine Krawatte, ein Bilderrahmen, Spiegel, farbige Würfel, Stifte ... "Alles nur Angebote", sagt Museumspädagoge Thomas Janzen, der Idee und Konzept für das Studio 2 entwickelt hat. "Im Prinzip soll jeder machen, was ihm einfällt." Dabei kann er sich von einer installierten Kamera zwölf Mal fotografieren lassen. Danach stellt der Computer aus den Fotos eine Videosequenz zusammen, die dann auf dem großen Bildschirm jenseits des Kubus in die Endlosschleife eingefügt wird. Viele Akteure sind Kinder, die ohne Scheu in dem Raum agieren.

Mechthild Herber, Edith Brockmann und Bärbel Nacimiento fassen sich ein Herz und einen vergoldeten Bilderrahmen. Sie blicken durch, drehen den Rahmen, bewegen sich im Raum. "Es gibt zwei mögliche Ansätze", erklärt Janzen: "Entweder schießt man die zwölf Bilder zwar einzeln, aber doch möglichst so, dass sie etwas miteinander zu tun haben, oder man setzt eine bewusste Trennung." Klingt simpel, ist aber eine Kunst. Denn dazu muss das eigene Denken umgestellt werden. Nicht die Aktion und die Bewegung sind ausschlaggebend, sondern die Stopp-Momente, in denen die Kamera ausgelöst wird. Die Vorstellungskraft muss sich auf das fertige Foto konzentrieren und die Handlung vorab in zwölf Kapitel einteilen. Kunst muss man erstmal im Kopf können.

Edith Brockmann hat den Bogen raus: In zwölf Schritten schlingt sie ihren Schal zum Turban um den Kopf. "Man könnte auch die Fotos so machen, dass die Hände nicht zu sehen sind. Das wirkt dann, als würde sich das Tuch von alleine binden", sagt der Museumspädagoge. Daumenkino 2016.

Das kleine Studio ist inzwischen gut gefüllt mit Zuschauern. "Wenn man die Position eines Gegenstandes immer nur ein wenig verändert, dann sieht es aus, als würde er durch den Raum schweben. Wenn man in die Luft springt und immer dann fotografiert, wenn die Beine oben sind, wirkt es, als ob man fliegen könnte", sagt Janzen. "Dann kann man so auch übers Wasser gehen", scherzt ein Mann. Edith Brockmann greift die Idee auf. Sie möchte einen Vogel fliegen lassen. Zwölf Mal malt sie eine minimalistischen Möwe aus zwei Bögen an die Rückwand der Kreativzelle, jede ein bisschen tiefer, ein bisschen weiter nach links, ein bisschen kleiner. Das Resultat lässt alle staunen: Ganz puristisch, zart und fast poetisch fliegen die fein geschwungenen Linien aus dem Sichtfeld.

Jetzt weiß jeder, warum dieses Angebot "Museumsträumerei" heißt. Hier lernen Ideen laufen, bekommen Vorstellungen Flügel. Aber sie brauchen einen geistigen Unterbau. Dann kann jeder ein Künstler sein am Joseph-Beuys-Platz.

Quelle: RP
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