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Krefeld
Inklusion: Eine Mutter spricht Klartext

Krefeld: Inklusion: Eine Mutter spricht Klartext
Gabriele Brand ist Mutter eines Kindes mit Förderbedarf, das eine inklusive Klasse einer Krefelder Gesamtschule besucht. Sie ärgert sich über mangelnde personelle Ausstattung, die keine wirkliche Unterstützung ermöglicht. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Gabriele Brand wirft den Verantwortlichen "Mängelverwaltung auf Kosten unserer Kinder" vor. Von Bärbel Kleinelsen

Kinder unabhängig machen, ihre Stärken ausbauen und an Schwächen arbeiten: Im Haus von Familie Brand wird Inklusion gelebt. Ihrem lernbehinderten Sohn, der Konzentrationsschwierigkeiten und eine stark ausgeprägte Rechenschwäche hat, bietet Mutter Gabriele Brand ständig neue Herausforderungen.

Im Hof gibt es Hühner, um die sich der Zwölfjährige kümmert und so ganz nebenbei lernt, Verantwortung für andere zu übernehmen. Seit zwei Jahren bastelt der Fünftklässler mit seinem Vater an einem Mofa und übt dabei seine motorischen Fähigkeiten. Mit seiner Mutter backt er und geht einkaufen. "Er hat kein Gefühl für Mengen und kann deswegen auch nur sehr schwer mit Geld umgehen. Wir trainieren gezielt das Einkaufen, damit er bald auch alleine klar kommt", erzählt die Mutter.

Gezielte Förderung erwartet Gabriele Brand erst recht in einer Schule. "Als unser Sohn auf die weiterführende Schule wechselte, haben wir uns über ein Jahr lang über die Inklusions-Angebote der Krefelder Schulen informiert und uns auch vor Ort umgesehen und mit Lehrern gesprochen. Hätten wir damals ehrlich erfahren, wie schwierig die Umsetzung der Inklusion in fast allen betroffenen Schulen ist, hätten wir uns höchstwahrscheinlich gegen eine Regel- und für eine Förderschule entschieden", erklärt Brand wütend.

Sie bemängelt, dass es an qualifiziertem Personal fehle, um allen Kindern gerecht werden zu können. Im Fall ihres Sohnes, der den Förderschwerpunkt Lernen hat, und an einer Gesamtschule unterrichtet wird, stimme schon die Klassengröße nicht. "Eigentlich sollten die Inklusions-Klassen mit zwei Lehrern besetzt sein und höchstens 25 Schüler haben, davon fünf Förderkinder. Tatsächlich sind in unserer Klasse bereits jetzt 26 Schüler, darunter neun Förderkinder, die zurzeit noch 14 von 32 Stunden pro Woche durch eine Förderlehrerin unterstützt werden." Und im kommenden Schuljahr werde es noch schlimmer, erzählt Gabriele Brand. "Dann kommen 17 neue Förderkinder an unsere Schule, und die Klasse meines Sohnes muss etwa ein Drittel der 14 Förderstunden abgegeben, damit auch die Neuen entsprechend unterrichtet werden können."

Doch schon die aktuelle Situation, in der nur wenige Stunden ein zweiter Lehrer anwesend sei, führe zu erheblicher Unruhe im Unterricht. "Die Lehrer geben sich wirklich alle Mühe, sind motiviert und engagiert. Aber sie sind tagtäglich am Limit, wenn sie Kinder mit dermaßen unterschiedlichen Kenntnissen und Fähigkeiten unterrichten müssen. Das geht an die Substanz, das sieht man den Lehrern deutlich an", beschreibt Gabriele Brand die Situation. Lerninhalte blieben bei allen Kindern auf der Strecke. "Da geht eine ganze Generation Kinder verloren, und keinen interessiert es", ärgert sich die Mutter und warnt: "Wie sollen diese Kinder später die Herausforderungen einer Ausbildung schaffen? Ob Chaos in der Schule geherrscht hat, interessiert doch den Ausbilder nicht."

Die Krefelderin begann, sich gegen die miserable schulische Unterstützung ihres Kindes zu wehren. Sie sprach mit Lehrern und Schulleitung und telefonierte sich durch die Büros der Verantwortlichen bei Stadt und Land. Ihre Erfahrung: "Alle geben mir recht, aber keiner fühlte sich verantwortlich. Immer heißt es: ,,Ich bin nur der Mängelverwalter'. Das kann doch nicht sein. Wo bleibt der Protest dieser Mängelverwalter? Wo die Einwände der gebildeten Menschen, die sich mit Schule beschäftigen?"

Ihr Anliegen vertritt Gabriele Brand inzwischen in mehreren Ämtern, als Klassenpflegschaftsvorsitzende, Elternvertreterin in der Schulkonferenz und 2. Vorsitzende der Eltern der Inklusionsgruppe. Auch auf Landesebene ist sie aktiv. Aktuell hat sie sich in einem Brief an den Ausschuss für Schule und Weiterbildung gewandt, der am kommenden Dienstag tagt, und fragt: "Wie steuert die Stadt Krefeld der offensichtlichen Verschlechterung der Bedingungen für inklusiven Unterricht an allen Krefelder Schulen entgegen?"

Wichtig wäre ihr vor allem eins: ein ehrlicher Austausch zu diesem Thema über Stadtgrenzen hinweg. Brand: "Vielleicht hat ja irgendwo eine Schule bereits eine Lösung gefunden, die man übernehmen könnte. Solange jedoch die Probleme weiter unter den Teppich gekehrt werden, wird sich gar nichts ändern. Und unsere Kinder sind die Verlierer."

Quelle: RP
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