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Kinderschutzbund
Jedes vierte Kind in Krefeld ist arm

Kinderschutzbund: Jedes vierte Kind in Krefeld ist arm
Birgit August und Dietmar Siegert vom Kinderschutzbund wissen, dass die Probleme in ganz NRW in vielen Familien noch immer groß sind. Deswegen verabschiedete der Landesverband jetzt eine "Krefelder Erklärung". FOTO: bk
Krefeld. Bei seiner Fachtagung verabschiedete der Landesverband des Kinderschutzbundes eine "Krefelder Erklärung". Wir sprachen mit den Krefelder Vertretern Birgit August, Vorstandsvorsitzende, und Dietmar Siegert, Geschäftsführer, über das Papier.

Warum hat der Landesverband bei seiner Fachtagung in der Friedenskirche gerade jetzt eine "Krefelder Erklärung" formuliert? Probleme wie fehlende Bildung, Armut oder Gewalt gegen Kinder gibt es ja nicht erst seit diesem Jahr?

Siegert Das ist richtig. Trotzdem muss man leider feststellen, dass diese Themen aktuell wie eh und je sind. Wenn wir die Lebenswirklichkeit von Kindern in unserem Land betrachten, erfüllt uns das mit Sorge. Und auch in Krefeld sieht die Situation nicht besser aus. Noch immer ist jedes vierte Krefelder Kind von Armut betroffen. Und wenn wir von Armut sprechen, dann meinen wir nicht nur das Fehlen materieller Dinge. Es ist die Benachteiligung in vielen Bereichen wie Sport oder Kultur und die damit einhergehende Bildungsarmut, die uns Sorgen bereitet. Selbst wenn Vereinsbeiträge durch Fördergelder bezahlt werden, sind Eltern in dieser Situation oft so resigniert, verzweifelt oder perspektivlos, dass sie es nicht schaffen, ihre Kinder regelmäßig zu Terminen zu begleiten oder die finanziellen Mittel beim Amt zu beantragen. Das führt dazu, dass Kinder aus armen Familien im Vergleich mit Gleichaltrigen in vielen Dingen nicht mithalten können. Sie erleben weniger und haben dadurch weniger zu erzählen, schämen sich auch häufig für die Armut ihrer Eltern und sind durch die spezielle familiäre Situation in der Schule oft so abgelenkt, dass sie schlechte Noten schreiben und den Schulabschluss nicht schaffen.

Betrifft das auch Kinder mit Migrationshintergrund?

Siegert Es ist leider noch immer so, dass Familien mit Migrationshintergrund, wenn es um Kinderarmut geht, überproportional oft vertreten sind. Häufig erreichen diese Kinder auch keinen Schulabschluss, so dass die Defizite aus der Kindheit und Jugend ihr ganzes Leben beeinflussen. Und sehr häufig dazu führen, dass diese Kinder als Erwachsene ihren eigenen Kindern auch kein besseres Leben bieten und ihnen kein entsprechendes Vorbild sein können. Womit wir bei dem Problem wären, dass uns alle betrifft. Denn es sind besonders häufig bildungsferne Familien, in denen viele Kinder leben, während die Zahl von Kindern mit gut ausgebildeten Elternteilen weiter abnimmt. Das erklärt auch, wieso es nicht stimmt, dass der derzeitige konjunkturelle Aufschwung und die damit einhergehende Zunahme an Arbeitsplätzen die Zahl der Kinder in Armut reduziert. Für gering qualifizierte Arbeitnehmer hat sich nichts geändert. Es muss sich aber dringend etwas ändern, sonst hat unsere Gesellschaft schon bald ein riesengroßes Problem. Denn die Kinder aus bildungsfernen Familien werden es nicht schaffen, unsere Rente zu sichern. Und das ist nur eins von vielen Problemen, die dann auf uns zukommen werden. Deswegen ist es wichtig, dass unser Landesverband als politisches Gremium landesweit durch diese Erklärung auf die Misere aufmerksam macht und Politiker wach rüttelt, um Veränderungen anzustoßen.

Wie müssten solche Veränderungen aussehen?

August Es ist immens wichtig, junge Mütter an die Hand zu nehmen, sie anzuleiten, aber auch sie ernstzunehmen und auf Augenhöhe mit ihnen zu sprechen. Ihnen Wertschätzung entgegenzubringen und Verständnis für ihre Situation zu haben. Denn es ist ein unheimlich schwerer Weg, aus dieser Armuts-Spirale herauszukommen. Deshalb sind früh einsetzende Hilfsangebote, wie wir sie in Krefeld ja auch haben, so wichtig. Wir stellen immer wieder fest, wie motiviert und aufgeschlossen junge Eltern diesen Hilfsangeboten gegenüber stehen. Sie wollen es gut machen und saugen quasi jede Information auf, die sie im Umgang mit ihrem Kind bekommen. So interpretieren junge Mütter oft die Signale ihres Babys falsch und denken beispielsweise, wenn das Kleine schreit, das Baby würde sie ärgern. Das können Kinder in diesem Alter jedoch gar nicht. Wenn man diesen Irrtum aufklärt, ist häufig schon viel gewonnen. SIEGERT Bei der Fachtagung wurde darauf hingewiesen, dass frühe Bindungsstörungen später nicht mehr behoben werden können. Das heißt, dass ein Baby, dessen Eltern nicht mit ihm geredet, es nicht angelächelt oder getröstet haben, auch als Erwachsener Probleme im zwischenmenschlichen Bereich haben wird. Das emotionale Miteinander muss dieser Erwachsene mühsam lernen, ohne jemals wirklich ein Gefühl dafür zu entwickeln. Die Wahrscheinlichkeit ist entsprechend hoch, dass dieser Mensch, wenn er selbst Nachwuchs bekommt, zu seinem Baby auch keine gesunde Bindung aufbauen kann. Und genau an dem Punkt setzen die frühen Hilfen an. Unsere Mitarbeiter beraten junge Eltern und klären sie auf, wie wichtig es ist, dass ihr Baby eine Reaktion auf sein Verhalten bekommt. So verhindern sie, dass Bindungsstörungen überhaupt entstehen. Es kann aus unserer Sicht deswegen nicht sein, dass Zuschüsse für Frühe Hilfen von Jahr zu Jahr vergeben werden und trotz ihrer Bedeutung für die Zukunft der Kinder nicht aufgestockt werden. Gerade in einem so wichtigen Bereich brauchen die Freien Träger Planungssicherheit, um die Kontinuität ihres Angebots gewährleisten zu können. AUGUST Und es muss auch erkannt werden, dass Geld, das in Frühe Hilfen fließt, sich rentiert. Denn Familien, die durch dieses Angebot unterstützt werden, brauchen später viel weniger Hilfen zur Erziehung oder andere Fördermaßnahmen als Familien, die ohne fachliche Unterstützung ihr Kind aufziehen. Und diese Hilfsangebote, die bis zur Unterbringung in Heimen oder Pflegefamilien gehen können, sind dann im Zweifel richtig teuer und das über einen langen Zeitraum hinweg.

Also gibt es aus Sicht des Kinderschutzbundes zu wenig finanzielle Unterstützung, um die landesweite Kinderarmut eindämmen zu können?

Siegert Sagen wir es mal so. Die finanzielle Unterstützung wird aus unserer Sicht falsch, nämlich nach dem Gießkannenprinzip, verteilt. Jeder bekommt was ab, ohne auf die örtlichen Gegebenheiten zu reagieren. Das mag sich gerecht anhören, ist es aber nicht. Ein Beispiel aus Krefeld. Gerade im Innenstadtbereich leben bei uns die meisten von Armut betroffenen Kinder. Kindertagesstätten und Grundschulen dort haben mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, als beispielsweise Kitas oder Schulen in Hüls, Bockum oder Traar. Der Kinderschutzbund plädiert deswegen dafür, solche besonders problembelasteten Institutionen finanziell gut auszustatten, damit sie ausreichend Personal einstellen und die Kinder in gepflegten, möglichst großzügigen Räumlichkeiten betreuen können. AUGUST Die Ausstattung der Räumlichkeiten darf nicht unterschätzt werden. Das haben wir selbst in einer unserer Einrichtungen erfahren. Nach einem Umzug in großzügigere Räumlichkeiten mit einem attraktiven Außenbereich hatten sich viele Probleme im täglichen Miteinander gelöst, ohne dass die Mitarbeiter ihr pädagogisches Konzept verändert hatten. Kinder benehmen sich in frisch sanierten Räumen einfach anders, sie schätzen die dort herrschende Ordnung und wollen sie erhalten.

Wenn wir von armen Familien sprechen, denken viele an Hartz IV-Bezieher. Ist das so richtig?

Siegert Nein, das ist zu kurz gedacht. Denn Kinder aus Hartz IV-Familien haben ein Anrecht auf Zuschüsse für Vereine, Musikschule, Klassenfahrten und vieles mehr. Viel härter noch trifft es die Familien, die trotz Arbeit nur knapp über dem Mindestverdienst liegen. Auf der Fachtagung wurde das Beispiel einer alleinerziehenden Mutter mit drei Kindern gebracht. Sie arbeitet als Erzieherin und ist wie sehr viele Erzieherinnen gut qualifiziert, hat sogar Abitur, wird aber trotzdem so schlecht bezahlt, dass sie ihren Verdienst durch staatliche Zusatzleistungen aufstocken muss. Dieser Gang zum Amt ist für sie deprimierend und beschämend. So etwas sollte es in einem reichen Land wie Deutschland nicht mehr geben.

Es braucht also mehr finanzielle Unterstützung für arme Familien, die ihnen allerdings nicht direkt zukommen sollte, sondern in den Ausbau von Hilfsmaßnahmen, in die materielle und personelle Ausstattung von Schulen und Kindergärten gesteckt werden sollte?

August Genau. Wir dürfen nicht vergessen, dass Kinder heute viel mehr Zeit in Schule oder Kindertagesstätten verbringen als früher. Das sieht man natürlich auch an der stärkeren Abnutzung der Gebäude. Gleichzeitig gestalten Pädagogen egal ob im Vormittags- oder Nachmittagsbereich heute maßgeblich den Alltag ihrer Schützlinge, übernehmen Erziehungsaufgaben und sind besonders für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern oft der einzige Ort, an dem sie gefördert werden. Die Bedeutung dieser Arbeit muss von der Gesellschaft gewertschätzt werden und sollte sich auch in einem angemessenen Gehalt für Erzieher und einer guten personellen und materiellen Ausstattung, gerade der Einrichtungen in Problemvierteln, zeigen. SIEGERT Der Schlüssel zum Erfolg im Kampf gegen Kinderarmut ist Bildung. Deswegen fordert der Landesverband in seiner Erklärung beitragsfreie Bildung vom Elementar- bis zum tertiären Bereich. Das bezieht sich auf alle damit verbundenen Kosten. Denn eins sollte allen klar sein. Kinder aus armen Familien haben ein höheres Risiko, Opfer von Gewalt zu werden, weil ihre Eltern vielfach mit der Situation überfordert und hilflos sind. Soweit sollten wir es als Gesellschaft gar nicht erst kommen lassen und möglichst früh unsere Hilfe anbieten.

Quelle: RP
 
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