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Krefeld
Joseph Beuys - und sein Auferstehungssymbol

Krefeld: Joseph Beuys - und sein Auferstehungssymbol
Das Auferstehungssymbol im Alten Kirchturm in Meerbusch-Büderich. FOTO: Stadt
Krefeld. Joseph Beuys wollte nicht mehr. Er war erst 34 Jahre alt und steckte schon in der größten Sinnkrise seines Lebens. Er dachte an Sterben und an Tod. Er war depressiv. Mit der Arbeit am Mahnmal für die Toten der Weltkriege überwand der Krefelder Künstler eine lebensbedrohliche Sinnkrise. Von Norbert Stirken

"Ich wollte von der Erde verschwinden", sagte der gebürtige Krefelder in den 1950er-Jahren zu dieser physisch und psychisch kräftezehrenden Phase. Der noch unbekannte Beuys war leer und gefühllos. "Man hätte mir Stücke Fleisch vom Arm ziehen können", beschreibt er seinen Zustand. "Es war ein wirkliches Sterben."

Wenige Jahre später - 1958 - bekam Beuys von der Gemeinde Büderich den Auftrag ein Mahnmal für die Weltkriegstoten zu entwerfen. Es entstand das größte Kunstwerk des später weltberühmt werdenden Künstlers außerhalb des musealen Raums. Kein Kreuz, kein Kruzifix, sondern ein Auferstehungssymbol. Die Konzeption dazu erwuchs aus der Zeit der Krise und die der Genesung im niederrheinischen Kranenburg. Die Bauernsöhne Hans und Franz-Joseph van der Grinten wussten um den Zustand ihres Freundes und schlugen ihrer Mutter vor, die gerade Witwe geworden war, Beuys auf den Hof einzuladen, damit er sich erholen kann. Der handwerklich sehr begabte, aber schwache junge Mann kam aufs Land, arbeitete auf dem Feld, nahm aber immer wieder Auszeiten und zog sich zurück. Zusehen zu müssen, das ging der Mutter an die Substanz, und so machte sie Beuys liebevoll, aber in aller Deutlichkeit klar, dass er den Hof verlassen muss. Sie könne nicht zusehen, wie ein junger Mann sein so großes Talent vergeude. Auch andere hätten Probleme, ihr Mann sei gerade gestorben. Das alles gehe über ihre Kräfte. Fast schon rührend fragte Beuys, ob er noch einmal wiederkommen dürfe. Sie bejahte, und wenige Tage später war Beuys wieder in Kranenburg - mit neuem Lebensmut.

Einige Monate später bekam er die Chance, an einer Ausschreibung der Gemeinde Büderich - dem Wohnort seines Lehrers Ewald Mataré im heutigen Meerbusch - teilzunehmen. Auch Mataré war aufgefordert einen Entwurf für ein Mahnmal zu Ehren der Weltkriegstoten einzureichen. Er tat es nicht, versuchte aber die Politiker gegen Beuys zu beeinflussen. Die blieben standhaft, und so bekam der Krefelder einen wichtigen Auftrag, mit dessen Verwirklichung er sich endgültig aus der Depression arbeitete.

Drei Meter hoch und zwei Meter breit ist die als Auferstehungssymbol bezeichnete Skulptur aus Eichenholz, die frei schwebend an schweren Kettengliedern in einem alten Kirchturm in Büderich hängt. Zwei große rustikale Tore mit Einkerbungen der Namen der Weltkriegstoten aus dem Ortsteil gestatten den Blick ins karge Innere. Beuys hat eine neue Formensprache gefunden, die die Botschaft Erlösung transportiert. Für den jungen Künstler versinnbildlichte ein Kruzifix eher das Leiden Christi. Die Dornenkrone, die von Nägeln durchschlagenen Extremitäten, das von einer Lanze stammende Wundmal in der Brust des Sohnes Gottes - all das verband Beuys mit Schmerz und Leiden, mit Sterben und Tod. Die strenge Geometrie des Kreuzes unterstreicht die Gewalt. Das Kreuz ist eine Exekutionsvorrichtung, deren Zweck die letzte physische Erniedrigung durch gezielte Verlängerung der Todesqual ist, schreibt der Kunsthistoriker Holger Brülls.

Beuys findet eine Lösung für den Gedanken der Erlösung: Er versetzt die Rechtwinkligkeit in Bewegung durch Asymmetrie undeinen Schwung des Stamms nach links. Die Achsen verlaufen in einem Herzpunkt, der wie ein Schildpanzer Schutz liefert. Der Korpus des Gekreuzigten ist schon nicht mehr vorhanden, figuriert lediglich als bereits Auferstandener, aufgelöst in eine sehr verflüchtigte Gestalt. Das Auferstehungssymbol kommt mit einem absoluten Minimum an Physiognomie aus. Ein flach erhabenes Oval reicht als Andeutung des Gesichtsreliefs aus und umgibt es mit einem Nimbus. Der ist angelehnt an die traditionelle christliche Ikonografie und wirkt gleichsam als Heiligenschein. Beuys transformiert das Kreuz zu einem Lebenszeichen. Er lässt die illustrativen, vermenschlichenden Details nahezu ganz weg. Er wollte, so drückte es Brülls vor rund 20 Jahren in der Publikation "Kein Kreuz: Das Büdericher Mahnmal für die Toten der Weltkriege von Jospeh Beuys" aus, in dem Turm eine Stätte des Ausdrucks schaffen und zwar in möglichst anonymer und naturferner Form.

Beuys hat sich intensiv mit Themen wie Auferstehung und Erlösung beschäftigt. Er hat darin letztlich eine Abkehr des Menschen von der Passivität hin zur aktiven Bewusstseinsbildung verstanden. Ein Überwinden der Lethargie, ein Aufbruch in ein neues Leben. "Der Willen im Denken - nur das ist Wirklichkeit, und die geht über den biologischen Zustand des Körpers weit hinaus", erklärte der spätere Professor für Kunst an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf in einem Fernsehinterview.

Im Moment ist das Mahnmal in Büderich nicht zu besichtigen, weil die jeweils 450 Kilogramm schweren Torflügel und das Auferstehungssymbol in den Restaurationswerkstätten des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege aufgearbeitet werden. Sie sind dann ab dem 1. Mai im Museum Kurhaus Kleve in einer Sonderausstellung zum 30. Todestag sowie 95. Geburtstag des Künstlers zu sehen. Ab 11. September sind die Werke wieder am angestammten Platz.

Quelle: RP
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