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Krefeld
Jubel für Stück zur Zeitgeschichte

Krefeld. In einem Auftragsstück behandelt das Theater die aktuelle Situation in Deutschland mit seinen Zuwanderern. Der Abend zeigt Annäherung und Hilflosigkeit, Wut und Angst. Die Premiere von "Kein schöner Land" wurde mit standing ovations gefeiert. Von Petra Diederichs

Einen ganz schönen Brocken haben Lothar Kittstein und Hüseyin Michael Cirpici da auf die Bühne des Gemeinschaftstheaters gehievt. Man kann sich vorstellen, dass sie beim Schreiben des Auftragsstücks "Kein schöner Land" eine Wesensverwandtschaft mit Sisyphos gespürt haben. Wie soll man Flüchtlingsströme, Einwanderungsregelungen, Schicksale und Gefühle, die sich kaum einordnen lassen, packen; wie Ereignisse, die sich überstürzen, greifbar machen, von Willkommens-Teddybären und Gewalteskalationen gleichermaßen erzählen, wenn alles sich stetig ändert?

Das Autorenduo hat dokumentarisches Material aus Interviews mit Geflüchteten, Nachrichten und Zeitgeist-Erfassungen verbunden zu einer anderthalbstündigen Kakophonie von Meinungen, Vorurteilen und Standpunkten, realen, irrealen und surrealen Ängsten, Platitüden, Grausamkeiten und Lächerlichkeiten. Und immer ist darin einer auszumachen, den man zu kennen glaubt. Vielleicht mitunter sogar man selbst.Der Kniff: Es gibt keine feste Identifikationsfigur. Die Gesinnungen wechseln die Personen - und umgekehrt. Wie alles, was an einem Tag politische Gewissheit ist, am nächsten schon über den Haufen geworden wird, blitzen hier Augenblickswahrheiten auf.

Das Publikum sitzt mittendrin im Chor der zahllosen Stimmen. Regisseur Matthias Gehrt lässt keinen Zweifel daran, dass sich diesem Thema niemand entziehen kann. Es geht alle an, und das zeigt das Publikum mit langem Beifall und standing ovations für Ensemble, Regieteam und Autoren. Wenn auch am Ende nur wenige zaghaft in das Schlusslied "Kein schöner Land" einstimmen. Unter die Haut ist der Abend wohl vielen gegangen.

Esther Keil, Helen Wendt, Joachim Henschke, Michael Ophelders, Ronny Tomiska und Christopher Wintgens bilden - im Zuschauerraum verteilt sitzend - einen Chor, den Jonathan Hutter dirigiert: "Muss i denn zum Städtele hinaus", das ist deutsche Sehnsucht, glockenklar und wunderschön. Da taucht auf der Bühne, die Gabriele Trinczek in einen vertraut wirkenden Gemeindesaal verwandelt hat, in dem überall im Land Chöre ihr Repertoire proben und Gemeinschaft pflegen, ein Fremder auf. Einer aus Afrika, mit Anzug, Dreadlocks und Plastiktüte (Kostüme: Petra Wilke).

Und er will "mitmachen, bitte!". Sofort erheben sich Stimmen aus der Masse, vorsichtige Ablehnung, Neugier, Hilflosigkeit. Mantra-artig betet man dem Eindringling vor, wie er sich einfügen soll in deutsche Ordnung. Die Landschaft soll er schön finden, weil alles grün ist, und es mögen, dass es hier kühl ist. Jubril Sulaimon spricht als Fremder höflich nach, was ihm vorgebetet wird. Nur der ewig fegende Hausmeister (Michael Grosse) bläst hilflos und Unheil ahnend die Wangen auf. Hier wird es keine Happy-End-Integration eines Außenseiters mit traumatisierender Vergangenheit geben. Hier geht es um mehr, um nicht Absehbares.

Denn der Flüchtling hat nicht nur eine Biografie, auch wenn sich 37 Tage Folter beim Geheimdienst leitmotivisch durch den Abend ziehen. Er ist Afrikaner, ist Syrer oder Iraker, steht für Geflüchtete aus Afghanistan, Marokko, Kosovo... Das zwingt den Chor zu Reaktionen, Positionen, Reflexionen. Erinnerungen an die Lieblingsspeise aus der Kindheit, an Lieder von früher, an die eigenen unerfüllten Hoffnungen blitzen auf. Und wenn die Ratlosigkeit allzu groß wird, bieten die Volkslieder Zuflucht, vertraut, idyllisch, wertbeständig.

Kein Klischee lassen die Autoren unerwähnt. Doch die Schauspieler produzieren keine Sprechblasen, sie füllen jede Position mit Emotionen: vom unbedarften Teenie, der mit seiner Liebe zu einem Asylbewerber "wenigstens einen Menschen retten will, wo tausende sterben", von der zweifelnden Frau, ob der Mann ihre Liebe oder nur seine Aufenthaltserlaubnis will, bis zum Pedanten, der auf die Ordnung des deutschen Systems pocht. Und oft wird es ganz leise im Saal - etwa wenn Hutter als Dirigent mahnt: "Das Volk muss zusammenstehen", weil der Feind nicht der Asylant ist, nicht der Moslem: "Der Feind sitzt in Berlin" und will das Volk spalten: "Hartz IV gegen Arbeiter, Arbeiter gegen Mittelstand, Mittelstand gegen Reiche". Wenn manches Mantra auch allzu oft wiederkehrt, was das letze Drittel unnötig längt, überzeugt der Abend, der keine Antworten bietet, aber viele Fragen noch lange nachklingen lässt.

Quelle: RP
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