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Krefeld
Jürgen Becker beim IHK-Wirtschaftsforum

Krefeld: Jürgen Becker beim IHK-Wirtschaftsforum
Startfertig: Kabarettist Jürgen Becker (2.v.r.), IHK-Präsident Elmar te Neues (2.v.l.), Jürgen Steinmetz (r., Hauptgeschäftsführer IHK Mittlerer Niederrhein) und Jens Voß, Leiter der Krefelder RP-Redaktion als Mitveranstalter der "Impulse"-Reihe. Die Veranstaltung war außergewöhnlich gut besucht. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Das IHK-Wirtschaftsforum "Impulse" hatte einen besonderen Gast: Der Kabarettist Jürgen Becker philosophierte über "Rheinischen Kapitalismus" - 600 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft waren begeistert. Von Sven Schalljo

Wie das so ist bei gutem Kabarett: Es ist heiter und witzig, hat aber immer auch eine sehr ernste Seite. Die IHK hat zu ihrem diesjährigen Wirtschaftsforum einen besonderen Gast eingeladen: den Kabarettisten Jürgen Becker, der über das Mysterium des Rheinischen Kapitalismus sprach. Interessanterweise gab er einen ernsthaften Gedanken zu Protokoll, den zuvor auch IHK-Präsident Elmar te Neues in seiner Begrüßung der 600 Gäste zum Ausdruck brachte: Der rheinische Kapitalismus, sagte te Neues, verbinde liberale Grundwerte der freien Marktwirtschaft mit einem starken Sozialstaat - im Gegensatz zum Kapitalismus angelsächsischer Prägung in Großbritannien und den USA. Becker erläuterte später, rheinischer Kapitalismus herrsche in den Ländern entlang des Rheins - dort sei die Schere von Arm und Reich bei weitem nicht so weit geöffnet wie in Amerika. Auch Dänemark und Schweden liegen demnach am Rhein, weil der ja durch die Nordsee weiter dorthin fließt. Rheinische Geografie á la Becker: Nordeuropa - quasi rechtsrheinisch.

Wie aber konnte das Rheinland seine besondere Art des Kapitalismus gegen den um sich greifenden Puritanismus bewahren? Becker hat darauf eine einfache Antwort: Der Rheinländer hört nicht zu, und Protestanten können nicht schwimmen.

Vorfreude: Christoph und Rudolf Paproth von der "Dr.-Ing. Paproth GmbH & Co. KG Tiefbauunternehmung" mit Christoph Gommans (Volksbank, v.l.). FOTO: Lammertz Thomas

Mühelos fesselte der Redner seine Zuhörer - mit Witz ebenso wie mit historisch gesättigten Anekdoten. Immer wieder erntete er mit seinem kurzweiligen, pointierten Vortrag Gelächter und Applaus. So nahm er sein Publikum mit auf eine Reise von Adam und Eva bis hin in die heutige Welt.

Der Katholizismus predigt, so Beckers These, viele Dinge, die als Idee an sich Bestand haben. Beispiel: der Zölibat. Zu Zeiten Luthers, so stellt er fest, war dieser vom Klerus eher als theoretische Möglichkeit interpretiert worden. Eben als Wert an sich ohne Bezug zur Realität. "Der einzige Unterschied zwischen Ehe und Zölibat war ja damals die Tatsache, dass man in der Ehe nur eine Frau hatte", fasste er diese These zusammen.

Guter Dinge: Andrea Wanninger (Professorin für Organische Chemie an der Hochschule Niederrhein), CDU-Ratsherr Gregor Grosche mit Ehefrau Rebecca (v.l.). FOTO: Lammertz Thomas

Und auch die Menschen selbst hatten zu dieser Zeit mit Religion nicht viel zu tun. Zweimal am Tag beten, sonntags in die Messe und ansonsten Ablass bezahlen: Das war bereits alles, was der Gläubige nach Aussage Beckers zu tun hatte. In der Messe habe er überdies ohnehin nichts verstanden, denn diese fand auf Latein statt. "Hoc est enim corpus meum", die Wandlungsformel, die der Priester bei Erteilung der Kommunion sprach, sei nicht umsonst gemäß einer etymologischen Theorie die Herkunft der bekannten Zauberformel "Hokuspokus". Nach Luther aber hatte der Gläubige selbst fromm und gut sein - "und damit ging der Stress los". Dann sei das Furchtbare passiert: "die Heiligsprechung der Arbeit". Plötzlich hätten Arbeit und Strebsamkeit einen Wert an sich erhalten. Damit sei die Leichtigkeit aus dem Leben verschwunden, was sich heute vor allem im protestantisch dominierten, angloamerikanischen Wirtschaftsraum zeige. Ursache sei der Unterschied zwischen katholischem Universalismus, in dem allein die Idee zähle, und dem protestantischen Nominalismus, in dem zur Idee auch die Realität dieser Idee kommen müsse. Das Problem: "Dass innen und außen zusammenfallen, davon geht der Kölner erst mal nicht aus." Schließlich hätten die Menschen hier verstanden, dass der wirtschaftliche Erfolg langfristig am größten sei, wenn alle mittränken, wie es der bekannte BAP-Hit "drink doch eene mit" impliziere. Wenig später stimmte er das Lied "Der schönste Platz ist immer an der Theke" an, und das ganze Publikum sang mit.

Schließlich kam er auch auf Konrad Adenauer zu sprechen. Der erste Kanzler der Bundesrepublik habe diesen rheinischen Pragmatismus bis zur Perfektion getrieben. Lug und Trug im Sinne der höheren Sache, Lokalpatriotismus und Klüngel hätten durchaus zu seinem Programm gehört. So habe er mit falschen Agenturmeldungen und aus der Luft gegriffenen Gerüchten dafür gesorgt, dass Bonn sich in der Wahl der Bundeshauptstadt gegen Frankfurt durchsetzen konnte.

Ulrich Topoll, früherer Vorstandssprecher der Sparkasse, mit Karin Meincke, der unermüdlichen Förderin der Hospiz Stiftung Krefeld und anderer karitativer Einrichtungen. FOTO: Lammertz Thomas

Und noch etwas unterscheide die katholische von der protestantischen Lebensweise: das Essen. Ungenießbar in protestantischen Ländern wie England, USA oder den Niederlanden ("fast food" - in Beckers Übersetzung: fast Essen), eine Kunstform im überwiegend katholischen Frankreich oder Italien. Wenn alle Stricke reißen, dann hilft dem Rheinländer seine Art, lieber zu reden als zuzuhören. Statt 95 Thesen habe er einfach 95 Tresen verstanden; nach ausreichendem Alkoholkonsum habe sich die Sache mit der Reformation dann schnell erledigt.

Am Ende fand Becker auch versöhnliche Worte für die Protestanten. Denn, so sagte er, niemand suche sich seine Religion aus. "Wäre Margot Käsmann im Nahen Osten geboren worden - also in Dormagen oder noch weiter -, dann wäre sie Muslimin, tränke keinen Alkohol und wäre noch im Amt."

So klang der Vortrag in so etwas wie versöhnter Verschiedenheit der Konfessionen aus - Krefelds RP-Redaktionsleiter Jens Voß, der durchs Programm führte, wies abschließend darauf hin, dass an diesem besonderen Abend Universalismus und Nominalismus ineins fielen. Es gebe in der für solche Anlässe wie geschaffenen Halle des Gastgebers Mercedes Herbrand die universalistische Idee eines Imbisses - und selbigen am anderen Ende der Halle dann auch ganz nominalistisch real.

So mündete der Abend in viele gesellige Runden und angeregte Unterhaltungen.

Quelle: RP
 
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