| 00.00 Uhr

Krefeld
Kaminers Wunsch: Sonniges Europa mit Russland als Freund

Krefeld: Kaminers Wunsch: Sonniges Europa mit Russland als Freund
Wladimir Kaminer FOTO: Endermann
Krefeld. Der in Moskau gebürtige Autor setzte in der Kufa schlagfertige Pointen und schlug kluge, ernste Töne an. Ein ganz besonderer Abend. Von Gert Holtmeyer

Seine gut besuchte Lesung in der Kulturfabrik Krefeld sei die erste in diesem Jahr, ließ Wladimir Kaminer seine Zuhörer wissen. Eine Woche lang habe er kein Deutsch mehr gesprochen, bekannte der russische Berliner. Jetzt müsse er wieder "auf seine berufliche Sprache umschalten". Der 1967 in Moskau geborene Schriftsteller ("Russendisko") ist ein Meister der Pointen, in der freien Rede genauso wie in seinen Texten. Sein jüngstes Buch "Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß" steht auf dem Programm. Dabei will er gar nichts Persönliches über seine Frau verraten. Eher gehe es "um das magische Wesen der Frauen überhaupt". Was zum Beispiel hilft seiner Frau, die im Kaukasus aufwuchs und von daher Kälte verabscheut, gegen Winterdepressionen? Arztbesuche und Medikamente? Nein. Als wirksamste Gegenmittel, mit denen sich bis jetzt größere Gesundheitsschäden vermeiden ließen, haben sich herausgestellt: neue Kleider, neue Schuhe, neue Handtaschen.

"Familienprobleme" schätze der Verlag, denn "die sind gut für die Auflage". Kaminer belässt es nicht dabei; aus anderen Büchern und bisher unveröffentlichten Manuskripten bringt er Kostproben zu anderen Themen. Seine Erfahrungen als Vortragender auf Kreuzfahrtschiffen stecken voller witziger Beobachtungen. Aber hinter der humorvollen Fassade lässt er auch seine sehr ernsten Eindrücke durchscheinen. Er hat sich auch "jenseits der Touristenwege" umgeschaut. Armut, Schmutz, Elend und Verzweiflung sind ihm dabei nicht verborgen geblieben.

Ernste Thematik in witziger Verpackung: Dazu bietet ihm auch die Auseinandersetzung mit seiner russischen Heimat reichlich Gelegenheit. So etwas wie Gegenwart sei in kommunistischer Zeit kaum vorgekommen, das beherrschende Thema sei die Zukunft gewesen. Diese Zukunft sei heute Vergangenheit. Aber von der wollen die meisten Russen heute nichts mehr wissen, die Zukunft sei wichtiger als die Vergangenheit. Aber auf welchem Fundament lässt sich eine gute Zukunft aufbauen, wenn die geschichtlichen Wurzeln nicht verstanden werden?

Solche Betrachtungen erfolgen ohne Wehleidigkeit, im Gegenteil. Kaminer spießt Fehler und Unvollkommenheiten am menschlich allzu Menschlichen auf. Das Publikum kommt aus dem Schmunzeln und Lachen kaum heraus - wobei es die ernsten Botschaften keineswegs ignoriert.

Abschließend lässt Kaminer seine Zukunftsvision durchschimmern. Er wünscht sich "ein sonniges Europa mit Russland als Freund." Und weil er noch mehr zu erzählen hätte, hat er noch einen persönlichen Wunsch: "Wir sollten uns in Krefeld öfter sehen."

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Krefeld: Kaminers Wunsch: Sonniges Europa mit Russland als Freund


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.