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Krefeld
Kangeiko: Die bei Wind und Wetter kämpfen

Krefeld. Widrige Umstände sind ausdrücklich erwünscht: Beim Kangeiko-Karatetraining fordern die Teilnehmer sich selbst heraus, wollen Wind, Wetter und dem inneren Schweinhund trotzen. Von Otmar Sprothen

Einzelne Windböen treiben den Wind fast waagerecht gegen die Wände der alten Mauern des Gewerbeparks auf dem ehemaligen Kasernengelände an der Mevissenstraße. Dem hässlichen Wetter zum Trotz hat sich an diesem frühen Samstagmorgen eine unerschrockene Gruppe Karateka im Vereins- und Trainingsheim Dojo Nakayama zum Kangeiko versammelt. "Kangeiko", das ist ein Spezialtraining bei Winterkälte.

Früh um sieben Uhr beginnt der erste über 3,5 km reichende Trainingslauf, der immer wieder von Konzentrationsübungen unterbrochen wird. An das gemeinsame Frühstück schließen sich weitere Läufe an. Am Ende des Übungstages steht schließlich das gemeinsame Zubereiten eines Shabu Shabu genannten japanischen Fondues. Denn das Fördern der Gemeinschaft ist wichtiger Bestandteil des Kangeiko.

Hinter dem sachlich-nüchternen japanischen Namen Kangeiko verbirgt sich der mit dem Sprachbild des "inneren Schweinehundes" gut umschriebene Grundwiderspruch, dass der einzelne Mensch zwar seine innere und äußere Gesundheit verbessern möchte, er aber nur allzu bereit ist, es sich bei unbequemen Rahmenbedingungen im Alltag bequem zu machen. Mit der antrainierten Überwindung seines inneren Schweinehundes arbeitet sich der Karateka ein Stück weiter auf dem Weg vor, die Bewegungsabläufe des Körpers seinem Willen zu unterwerfen und sucht physische und psychische Grenzen. Alle zwei Jahre jeweils an einem Wochenende im Januar richtet der Krefelder Karate-Club ein Kangeiko-Wochenende aus. Andere Klubs verteilen die Aktivitäten über eine Woche hinweg auf die Zeit vor Arbeitsbeginn - eine Härte, die nicht von jedem Karateka geteilt wird, der voll im Arbeitsleben steht.

Wer an Karate denkt, erinnert sich womöglich an Filme, in denen Ninja-Kämpfer mit martialischem Kampfgeschrei für ein rasches Ableben der verblüfften Gegner sorgen, nachdem sie zuvor mit der Handkante voluminöse Gegenstände malträtiert haben. "Hinter unserer Karate-Kampfkunst verbirgt sich keine Schlägerei, sondern ein Weg, Körper und Geist zu vereinigen", erklärt Karate-Trainer Günter Riemann das durchdachte Krefelder Konzept für körperliche Fitness, Disziplin und Selbstverteidigung. "Das Zerschlagen von Steinen oder Brettern gibt es bei uns nicht, Verletzungen sind bei uns ausgeschlossen."

In allen Übungsformen des in Krefeld praktizierten Karate darf kein Angriff wirklich "durchkommen". Jeder Angriff muss, obwohl mit voller Kraft durchgeführt, wenige Zentimeter vor dem Zielpunkt stoppen. Das fordert und entwickelt ein sicheres Auge und höchste Präzision der Körperbewegungen. Riemann demonstriert dies mit einem für Laien verblüffenden Beispiel. Von kurzen japanischen Rufen gesteuert geht er auf Karateka Thomas Helbig-Tillmanns los. Dieser wehrt, begleitet von Abwehrrufen, den Angriff ab. Da bricht Riemanns rechte Faust durch die Verteidigung und kommt wie vor einer unsichtbaren Wand dicht an Helbig-Tillmanns Kinn zum Stillstand, ohne das Kinn zu berühren. Ein solches "Kumite" stellt ein Partnertraining dar, wie es erst erfahrene Karateka beherrschen. Weitere Säulen des Karate sind die Grundschulung "Kihon", in der Abwehr- und Angriffsmechanismen für Arme und Beine einzeln oder in Kombination ohne Partner geübt werden, und "Kata", ein Kampf gegen mehrere imaginäre Gegner, bei dem jede Technik, jeder Schritt und jede Drehung genau festgelegt sind.

Bei Nakayama Karate Krefeld ist man sich sicher: Karate, wie es hier betrieben wird, ist eine die Gesamtpersönlichkeit festigende Sportart, deren Training individuell auf Alter und Leistungsfähigkeit des Karateka ausgerichtet werden kann. Der älteste Karateka des Klubs ist 63 Jahre alt. Es gibt eine Bambini-Gruppe. Für Kinder oder Jugendliche ist Karate vorteilhaft, denn es erzieht zur Selbstdisziplin. Auch Erwachsene erkennen die Vorteile einer Sportart, welche die körperliche Leistungsfähigkeit und somit das Selbstbewusstsein steigert. Nicht zuletzt rückt auch für manchen der Aspekt waffenloser Selbstverteidigung in den Vordergrund.

Quelle: RP
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