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Serie Heimat
"Wie erklären Sie einem Alien Karneval?"

Serie Heimat: "Wie erklären Sie einem Alien Karneval?"
Christian Cosman, seit 111 Tagen neuer Präsident der Prinzengarde, vor dem Zeughaus in Bockum: Die Prinzengarde hat das einst ruinöse Gebäude zu einem Schmuckstück gemacht – meist in Eigenarbeit. Cosman sagt: „Das war vor 30 Jahren so: Die Männer haben wie selbstverständlich gesagt: Wir sind dann mal weg – auf der Baustelle.“ Heute geht das nicht mehr ohne weiteres, weil sich die Familien verändert haben. FOTO: Str�cken,Lothar
Krefeld. Der Karneval verändert sich, verliert auch an Stellenwert - dennoch ist er ein starkes Stück Heimat unter neuen Bedingungen. Wir sprachen mit Christian Cosman, mit dem neuen Präsidenten der Prinzengarde, über Trends und Ziele seiner Arbeit.

Sie sind 111 Tage im Amt als Präsident der Prinzengarde. Mit Ihnen übernimmt die nächste Generation das Ruder. Hat sich der Karneval verändert? Haben sich die Karnevalisten verändert?

Cosman Sicher haben sich Rahmenbedingungen verändert. Rainer Küsters hat die Garde 30 Jahre mit herausragendem Erfolg geleitet. Ohne ihn würde die Prinzengarde nicht da stehen, wo sie heute steht. Als er 1986 Präsident wurde, war sie ein renommierter Karnevalsverein. Es gab einen Herrenabend, aber es gab keinen Steckenpferdverleihung, es gab keine großen Aufzüge, das Zeughaus war eine Ruine, es gab keinen Fuhrpark mit heute sechs Wagen für den Karnevalszug. Er hat all das angepackt; ich weiß nicht, ob ich heute den Mut dazu hätte.

Inwiefern?

Cosman Nehmen Sie das Zeughaus. Das war abbruchreif. Rainer Küsters hat es per Erbpacht von der Stadt gekauft. Ursprünglich sollte es eine Garage für die Karnevalswagen werden. Dann haben die damals Aktiven gesehen, was es für ein schönes Gebäude ist, und haben es als Veranstaltungshalle saniert; das Meiste in Eigenarbeit. Das war vor 30 Jahren so. Die Männer haben wie selbstverständlich gesagt: Wir sind dann mal weg - auf der Baustelle.

Und das würden die Frauen heute nicht mehr mittragen?

Cosman So kann man das nicht sagen. Die Familien haben sich verändert. Männer und Frauen sind oft beide berufstätig; die Familienzeiten sind knapper geworden; Mann und Frau stehen gleichberechtigt vor der Aufgabe, das Familienleben zu gestalten. Da kann sich nicht mehr einer einfach über Wochen und Monate auf eine Baustelle verabschieden.

Der Karnevalsverein ist keine Heimat mehr, sondern Bedrohung für die Heimat?

Cosman Aber nein. Die Prinzengarde ist für viele natürlich ein Stück Heimat. Aber wer Freude am Brauchtum hat, ist nicht mehr ausschließlich in einem einzigen Verein. Viele Gardisten sind auch in einem Schützenverein. Wir haben deutlich mehr Mitglieder, deren Zeit auf Anderes verteilt ist. So wird es schwieriger, Leute zu finden, die sich einen Samstag und Sonntag um die Ohren schlagen, um Dinge instandzuhalten. Man kriegt sie, aber es ist schwieriger geworden. So wäre ich sehr vorsichtig, heute als Verein die Verantwortung für ein ruinöses Zeughaus zu übernehmen. Umso wertvoller ist die Aufbauarbeit, die Rainer Küsters geleistet hat.

Dazu passt, dass die Karnevalsvereine immer weniger auf hausgemachten Karneval setzen und für ihre Sitzungen für teures Geld Profis zukaufen. Ist das nicht die falsche Richtung, weil die meisten Vereine den Wettlauf verlieren müssen? Müssten die Sitzungen nicht weniger Programm und mehr Party bringen?

Cosman Was unsere Steckenpferd-Sitzung angeht, würde das sicher nicht funktionieren. Wir müssen den Leuten schon etwas bieten, zumal wir bei 50 Euro für die guten Plätze liegen.

Das Steckenpferd ist sicher eine Ausnahme. Was ist mit der Vielzahl der anderen Vereine? Die machen teils Programm bis Mitternacht und darüber hinaus. Das bekommt man doch kaum qualifiziert gefüllt. Müsste man nicht dramatisch straffen und dann auf die Familiarität einer Party setzen, auf der alle alle kennen?

Cosman Ich denke, das ist ein Punkt, über den man reden muss. Wir werden unser Programm am Herrenabend straffen. Spätestens um halb zwölf fängt die Party an. Die Programme sind in der Tat oft zu lang.

Zumal die Stimmung in den Pausen immer gelöst und schön ist.

Cosman Ja. Ich möchte ohnehin grundsätzlich weg von dem Image, dass die Prinzengarde als elitär gilt. Ich werde andere Vereine so oft wie möglich besuchen und signalisieren: Wir sind eine Karnevalsfamilie. Ich glaube, dass der Karneval an Stellenwert verloren hat; und je mehr wir als Vereine nahe beieinander sind, desto besser für die Pflege des Brauchtums insgesamt. Bisher habe ich sehr viel Sympathie erfahren, wenn ich Einladungen gefolgt bin. Und ich möchte mich auch für andere gesellschaftliche Events öffnen. Die Prinzengrade ist in der Session sehr präsent, übers Jahr aber so gut wie unsichtbar. Das möchte ich ändern. Warum sollen wir uns nicht bei anderen Events in unserer Stadt präsentieren beziehungsweise an diesen beteiligen?

Ich habe den Eindruck, dass die entscheidende Stärke des Karnevals Familiarität ist. Man kennt sich. Wo sitzen die starken Gefühle im Karneval? Wie würden Sie das einem Alien erklären?

Cosman Familiarität ist ein wichtiges Stichwort. Auch wenn es abgedroschen klingt: Es geht um Spaß an der Freud, darum, den Alltag mal außen vor zu lassen. Das Berufsleben von heute ist dermaßen verdichtet - wenn es mal eine Phase gibt, in der diese Verdichtung zurücktritt, ist das eine fabelhafte Erfahrung. Sehen Sie, wir haben beide unser Handy hier liegen, weil wir erreichbar sein wollen und müssen. Beruf ist heute anders, drängender. Der Karneval ist eine Gelegenheit durchzuatmen.

Sie werden bald ihre erste Steckenpferd-Sitzung leiten - nervös?

Cosman Aber ja, ich habe einen Höllenrespekt davor.

Da wir gerade unter uns sind: Wer wird's?

Cosman (lacht) Das ist noch ein Geheimnis.

JENS VOSS FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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