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Kinder aus Fenster geworfen
Entsetzen in Krefeld über Familiendrama

Kinder aus Fenster geworfen: Entsetzen in Krefeld über Familiendrama
In diesem Viertel in Hüls hat sich die Tragödie ereignet. Die Gegend ist kein sozialer Brennpunkt, sondern gutbürgerlich. FOTO: Strücken
Krefeld. Eine Mutter soll ihre drei kleinen Kinder in der Nacht zu Montag aus einem Fenster der zweiten Etage eines Hauses in Krefeld-Hüls geworfen haben. Sie schweben in Lebensgefahr. Ein ganzer Stadtteil steht unter Schock. Von Joachim Niessen

Fassungslosigkeit herrscht am Montag im Krefelder Stadtteil Hüls, viele Menschen laufen mit Tränen in den Augen durch die Straßen, sind schockiert: Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen soll dort eine Mutter ihre drei, fünf, und sechs Jahre alten Kinder aus einem Fenster ihrer Wohnung in der zweiten Etage geworfen haben. Ein Fahrradfahrer hat um 4.45 Uhr auf seinem Weg zur Arbeit die kleinen Körper schwer verletzt auf dem Gehweg vor dem Haus entdeckt.

Der Mann alarmiert sofort die Polizei, die die Mutter in der Wohnung antrifft. Die 33-Jährige hat zwischenzeitlich versucht, sich das Leben zu nehmen. Alle vier Verletzten werden in Krankenhäuser transportiert. Die Mutter ist inzwischen außer Lebensgefahr. Zum Hergang und den Hintergründen macht sie bislang keine Angaben. Eine Beteiligung Dritter schließen die Ermittler bisher aus. Der Gesundheitszustand der drei Kinder ist auch am Montagnachmittag weiter kritisch.

Nachbarin spricht von Streit

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Für Nachbarin Martina Schulze hat sich das Geschehen für immer ins Gedächtnis eingebrannt: "Es war gegen 4.20 Uhr", erinnert sich die 50-Jährige, die nur wenige Meter neben dem Tatort lebt. Tränen laufen über ihr Gesicht: "Ich habe nichts gesehen, aber ich habe alles gehört. Es hat drüben einen Streit gegeben." Die Nachbarin, selbst Mutter eines Sohnes, macht sich Vorwürfe: "Vielleicht hätte ich anders reagieren und aufstehen müssen. Vielleicht hätte ich noch was verhindern können." Und wieder kommen die Tränen.

Auch andere Nachbarn sind durch ungewöhnliche Geräusch aus dem Schlaf gerissen worden – ein 16-Jähriger schreckt durch Geräusche eines Aufpralls auf der Straße aus dem Schlaf. "Ich wusste im ersten Moment nicht, was das war", sagt er leise. Auch Hildegard Stirken wird um diese Uhrzeit wach. "Ich habe etwas gehört. Ich dachte, es wäre das Wimmern von jungen Katzen." Doch beim Blick auf dem Fenster wird ihr schlagartig klar, dass etwas Furchtbares geschehen sein muss. "Da war der Radfahrer bei den Kindern, die auf dem Boden lagen. Dann kam auch schon ein Großaufgebot von Polizei- und Rettungswagen."

In Sekunden ist die Straße abgesperrt, Sanitäter kümmern sich um die drei kleinen Opfer. Einsatzkräfte der Polizei stürmen zur Eingangstür auf der Rückseite des Hauses und dringen in die Wohnung im Obergeschoss ein. Im Rest des Gebäudes ist es dunkel. Was in der Wohnung genau geschehen ist, sagen die ermittelnden Polizeibeamten nicht. Die 33-jährige Mutter soll versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Es wird von einem Messer gesprochen. Doch verlässlich ist auch das nicht.

Probleme in der Beziehung

Sicher ist, dass es in der Beziehung der jungen Frau Probleme gibt. Vor mehr als drei Jahren ist sie mit ihrem Mann in die Räume über der geschlossenen Kneipe am Ortsrand von Hüls eingezogen, berichten Nachbarn. Eine gepflegte Wohngegend, mit Einfamilien- und Doppelhäusern. Die 33-Jährige findet durch ihre Kinder in der Nachbarschaft ebenfalls schnell Freunde. "Sie ist eine tolle Mutter, die immer für ihre Kinder da ist", erinnert sich eine Bekannte. Doch dann scheint es in der Beziehung zu bröckeln. Der Vater zieht aus, nimmt sich wenige 100 Meter entfernt eine eigene Wohnung. Die Frau wird immer stiller, wirkt verängstigt und verwirrt, meidet den Kontakt zum Umfeld. "Aber den Kindern merkte man nichts an."

Im Frühjahr folgt ein weiterer Einschnitt. Die junge Mutter kündigt mehreren Bekannten offiziell die Freundschaft. "Warum wissen wir nicht", sagen sie. Die jungen Frauen rätseln. Ist es die Psyche? Oder die Belastung? Oder die Beziehung? Doch der Kontakt bleibt abgebrochen.

Bis vor vier Wochen. Da macht die 33-Jährige mit ihrem Mann und den drei Kindern einen Ausflug zum Hülser Berg. Ein letztes Mal sehen die beiden Jungs und das Mädchen ihre Freunde in der Ferne. "Die Eltern wollen wieder zusammen leben, hieß es vor einigen Tagen", berichtet eine Anwohnerin. Allerdings nicht in Hüls. Beide Wohnungen sollen gekündigt worden sein. Ein Beleg ist auch der Sperrmüll, der vor einigen Tagen auf dem Bürgersteig des Wohnhauses steht. Was anschließend in der Zeit bis Montagmorgen um 4.30 Uhr geschah, das versuchen die Ermittler der Polizei derzeit verzweifelt herauszufinden.

Mutter liegt schweigend in Krankenhaus

Helfen könnte hierbei die 33-Jährige. Doch sie liegt schweigend im Krankenhaus – während die drei kleinen Kinder auf der Intensivstation weiter um ihr Leben kämpfen. Hüls steht unter Schock – wie sich eine solche Tragödie in einem Stadtteil ereignen kann, in dem es intakte, starke Nachbarschaften gibt, in dem es keine Floskel ist, wenn es heißt, dass "jeder jeden kennt", und in dem auch die Kirchengemeinden noch stark bei den Menschen verankert sind, das fragen sich viele.

"Schrecklich" sagt St.-Cyriakus-Pfarrer Paul Jansen, als er durch unseren Anruf von dem Geschehen erfährt. Er weiß, dass auch ein relativ heiles Stück Welt wie Hüls nicht unberührt bleibt von solchen Schicksalen. Jansen erinnert sich an einen Fall, der ihm bis heute nachgeht: "Vor 25 Jahren ist es auch mitten in Hüls passiert, dass ein Mann sechs Monate unentdeckt tot in seiner Wohnung lag." Er war an einem Tag im August in seiner Wohnung verstorben und erst im März des darauffolgenden Jahres gefunden worden. "Wir müssen achtsam sein", sagt Jansen.

Und dabei ist Hüls kein Ort der Anonymität, im Gegenteil. Auch davon berichtet Pfarrer Jansen: Als vor einigen Jahren ein Hülser Mädchen in einem Ferienlager an einer ungeklärten, rätselhaften Krankheit - es wurde Meningitis vermutet - gestorben ist, war die Anteilnahme im Ort überwältigend. Allein zum Trauergottesdienst für den Jungen kamen knapp 1000 Menschen.

Quelle: RP
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