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Krefeld
Kinder und der Krieg

Krefeld: Kinder und der Krieg
Eugen Gerritz (l.), der bei Kriegsende neun Jahre alt war, Michael Gilad, 1946 geboren und Vorsitzender Jüdischen Gemeinde Krefelds, sowie die Schauspielerin Anuschka Gutowski, die in "Kriegskind" eine traumatisierte Frau verkörpert, die unter den Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg leidet, den sie als Mädchen erlebte, beantworteten Schülerfragen. FOTO: ped
Krefeld. Außergewöhnlich intensiv und respektvoll verlief gestern eine Diskussion von Neuntklässlern mit Zeitzeugen über die Traumatisierungen des Zweiten Weltkrieges. "Wissen Kinder von der Gefahr?" und "Soll man die Täter, die heute alt sind, noch bestrafen?" waren einige Fragen. Von Petra Diederichs

Die deutsche Nationalhymne ist als feierlicher Auftakt bei Länderspielen absolute Normalität. Dass für Eugen Gerritz ungute Gefühle mitschwingen, hat einige der 16-Jährigen verblüfft, die gestern im Theater hinten links eine Aufführung von "Kriegskind" erlebt hatten. Es ist ein ungewöhnlich intensiver Vormittag, an dem die Schüler des Gymnasiums am Moltkeplatz und der Viersener Anne-Frank-Gesamtschule auch sehr fundiert und respektvoll mit Zeitzeugen diskutieren.

In Peter Gutowskis Stück wird eine alte Frau heimgesucht von den quälenden Erlebnissen ihrer Kindheit im Zweiten Weltkrieg. Die Aufführung beginnt mit einem Geräuschmix aus Sirenen und Fliegerlärm. Gerritz, der für die SPD lange NRW-Kulturpolitik gemacht hat, ist heute 80. Zu Kriegsende war er neun. Die Klangcollage weckt schlimme Erinnerungen an die Angst, mit der er nächtens im Luftschutzkeller gehockt hat. Und er erinnert sich an seine Grundschulzeit in seiner Geburtsstadt Xanten, als die Kinder vor dem Unterricht strammstehen mussten auf dem Schulhof und mit erhobener Hand die erste Strophe des Deutschlandliedes sangen, während die Fahne gehisst wurde. "Übergangslos folgte ,Die Fahne hoch, Reihen fest geschlossen. SA marschiert'", zitiert er. Das habe er als Kind so verinnerlicht, dass er noch viele Jahre lang das Horst-Wessel-Lied als logische Fortsetzung empfand. Eine Prägung wie eine Fessel. Die Schüler sind gebannt. Gerritz erzählt vom Unterricht, der ab der 3. Klasse im Bunker stattfand. "Versteht ein Kind die Gefahr im Krieg", will ein Schüler wissen, und was man denkt, wenn oben Bomben fliegen. "Man hat Angst, und viele beten", so Gerritz. "Einordnen kann man das alles nicht, aber wir wussten, was geschah, dass man kein Englisch spricht, bestimmte Lieder singt, andere nicht." Als die Familie zu Verwandten in die Nähe von Hannover und Hildesheim gezogen war, hat der damals Achtjährige jede Nacht den Feuerhimmel über den Städten gesehen. Unauslöschliche Erinnerung.

Befremdlich sei es gewesen, dass nach dem Krieg kein Lehrer und auch sonst niemand über die Gräuel gesprochen habe: "Alle hatten Fürchterliches gesehen, aber alle schwiegen. Weder in der Schule, noch im Geschichtsstudium bis 1959 habe ich etwas über den Nationalsozialismus gehört."

Viele schwiegen 50 Jahre und länger. Bei vielen lodert der verdrängte Schmerz im Alter wieder auf. "Das habe ich bei einem Praktikum im Altenheim miterlebt", erzählt eine Schülerin. Aus einer anderen Reihe kommt die Frage, ob es sinnvoll ist, die Täter, die heute sehr alt sind, noch vor Gericht zu stellen. "Es geht nicht um diese Menschen, sondern um die Gerechtigkeit. Solche Verbrechen dürfen nicht ungeahndet bleiben", entgegnet Gerritz.

Michael Gilad (Jahrgang 1946), Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, nickt. Er hat in der Kindheit und Jugend in Israel viel von der dunklen Vergangenheit gehört. Die Eltern waren schon früh deportiert worden, sind aber mit dem Leben davon gekommen. "Meine Mutter war eine der wenigen Überlebenden der Cap Arcona", erzählt Gilad. Mit dem Dampfer waren am 3. Mai 1945 die Häftlinge des KZ Bergen-Belsen verschifft worden: "Ohne Matrosen, ohne Kapitän", berichtet Gilad. Die britische Luftwaffe vermutete Soldaten an Bord und versenkte das Schiff. Fast alle starben. Gilads Mutter wurde von einem deutschen Küstenboot aufgenommen. Dass er heute in Deutschland lebe, sei für die Familie anfangs schwer gewesen. Ob er ein Theaterstück, das vom Leid eines deutschen Kriegskindes erzählt, denn angemessen finde? "Schuldfragen darf man nie an Kindern festmachen. Nicht alle Deutschen waren Nazis und Mörder." Und "ja", antwortet er, es gebe heute eine gute Erinnerungskultur in Deutschland. Begegnung und Gespräche seien wichtig - auch mit den Flüchtlingen. "Wir wollen Zeichen setzen gegen Fremdenfeindlichkeit." Immer, wenn in Israel Konflikte hochkochen, erlebe er auf der Straße Pöbeleien. Das bereite ihm Sorge: "Viele Flüchtlinge kommen aus Ländern, wo sie den Hass gegen Juden und Israel gelernt haben. Deshalb brauchen wir Integrationsprojekte." - Mehr als vier Unterrichtssunden sind die Schüler konzentriert bei der Sache - und beeindruckt auch von Anuschka Gutowskis eindringlicher Darstellung der traumatisierten alten Frau. "Ihr seid die, die künftig die Verantwortung für die Welt tragen und dafür sorgen müsst, dass so etwas nie wieder möglich ist", gab Peter Gutowski den Schülern mit auf den Weg.

Quelle: RP
 
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