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Krefeld
Kleine Fluchten mit Meret Becker

Krefeld: Kleine Fluchten mit Meret Becker
Eigentlich, so sagt Meret Becker in der Friedenskirche, könne sie gar nicht Gitarre spielen. Mit viel Selbstironie und ernsten Themen war die Tatort-Kommissarin und Sängerin zu Gast in Krefeld. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Meret Becker war zu Gast in Krefeld. Die Schauspielerin, vor allem bekannt durch ihre Rolle im Berliner Tatort, steht derzeit auch auf dem Höhepunkt ihres musikalischen Könnens. Wer die 49-Jährige in der Friedenskirche erlebt hat, weiß warum. Von Alexander Triesch

60 Sekunden säuselt, trällert, braust und singt die Frau. Sie sitzt ganz in weiß vor dem Altar, die Band hüllt sie in bizarre Klänge. Schlagzeug, Gitarre, Akkordeon, irgendwie ist jeder Ton jedes Instruments in den nächsten verwirbelt. Dann: Ende - nach nur einer Minute. "That's it", sagt sie und grinst. Es gibt heftigen Applaus. Von hunderten Händen, die fest zusammenklatschen, bevor es auch direkt weitergeht. Jetzt ein Song über Sehnsucht und Liebe, ein bisschen Wild Wild West mit coolen Cowboys, die auf noch cooleren Pferden reiten. Country, Pop, Jazz, Blues, alles verschwimmt. Meret Becker, so zeigt dieser Abend, sprengt die Grenzen der Kunst - falls es überhaupt je welche gab.

Moment, Meret Becker? Etwa die Neue aus dem Berliner Tatort? Kann die jetzt auch singen? Ja. So wie gerade einfach jeder singt? Nein. Becker, die 49-Jährige aus Bremen, die in den Neunzigern erste Erfolge im Fernsehen und auf der Bühne feierte, tourt in diesen Tagen bereits mit ihrem vierten Studioalbum durchs Land. "Deins & Done" heißt es, ein Konzeptalbum über quietschende Kakteen, über eine Königin im Schnee und kleine Eiskunstläuferinnen. Das klingt verstörend, aber wer die überwiegend englischsprachigen Zeilen anhört, der merkt schnell: Diese Frau hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Branche, manche sagen, sie steht heute auf dem Zenit ihrer Karriere. Zurecht.

Vorbilder hat Becker im Stammbaum. Die Eltern, Monika Hansen und Rolf Becker, sowie der Bruder Ben stehen seit vielen Jahren ebenfalls vor der Kamera. Aus diesem Privileg hat die Frau, die seit 2015 als Kommissarin Rubin in der ARD ermittelt, viel gemacht. Mehr noch: Sie fand einen Ausgleich in der Musik, weil, wie sie sagt, die Bühne sie nicht wie ihre Rollen fremdsteuert. Sie kann sie selbst sein. Heute ist die 49-Jährige ein musikalisches Talent, das zu groß ist für jede Schublade, das war den knapp 600 Besuchern in der Friedenskirche schnell klar.

Der Altarraum, dort wo Becker und Band, The Tiny Teeth, knapp zwei Stunden lang einen surrealen Klangkosmos erschaffen werden, ist feierlich geschmückt. Es brennen Kerzen, über den Köpfen der Gäste thront ein leuchtender Stern. Ein bisschen erinnert all das an die Anmutung einer Christmette, und so falsch ist dieser Eindruck gar nicht. Dann kommt Meret. Aus einem Raum im Seitenschiff der Kirche läuft sie vor den Zuschauerreihen einfach auf die Bühne. Einen großen Auftritt braucht sie nicht, solche Star-Allüren sind ihr fremd.

Es beginnt sanft und leise, die Backgroundsängerinnen mäandern ihre Stimmen beinahe zu dem Klang einer Panflöte. Und dann legt Becker los. Ihr Ton ist ernst, der Gesang bewegt sich in musicalreifen Frequenzen, irgendwo zwischen frech und zerbrechlich. Auf das Singen folgt Reden. Sie begrüßt ihre Gäste, direkt stimmt alles. Sie lacht, scherzt, grinst, das Publikum tut es ihr gleich. Irgendwann sagt sie: "Ich kann eigentlich gar keine Gitarre spielen. Nur, dass ihr es wisst." Da hat sie schon dutzende Riffs entfacht. Gelächter.

Über ihr Album, dass offiziell auch in einer Kategorie namens "Singer-Songwriting" beworben wird, geht es um die Liebe, sagt sie. "Verlorene Liebe." Bei einer solchen Kombination müssten eigentlich jedem Musikliebhaber sofort die Alarmglocken zerschellen. Es kann nur Kitsch aus sowas triefen. Nur nicht hier, bei Meret Becker, bei den kleinen Fluchten und den großen Ängsten, die sie für alle sichtbar macht. Sie wagt eine Reise durch die Genres, durch Jazz und Country, sie transzendiert die Musik und schafft etwas Surreales. Wer hier rausgeht, der kann nur schwer beschreiben, was er an diesem Abend gehört und gesehen hat.

Gegen halb acht, da ist der erste Ton noch eine halbe Stunde entfernt, nehmen viele Zuschauer bereits Platz in der Kirche. Eine Frau trifft eine alte Bekannte. "Was machst du denn hier", fragt sie erstaunt. "Ach, eben ein bisschen Kultur", sagt die andere. Für den Tatort kann man das vielleicht so stehen lassen. Für Meret Becker gleicht es fast einer Beleidigung.

Quelle: RP
 
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