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Krefeld
Kleists "Krug": Ein Erfolg - nur mit Goethe nicht

Krefeld: Kleists "Krug": Ein Erfolg - nur mit Goethe nicht
Der große Emil Jannings in der Verfilmung von "Der zerbrochne Krug" aus dem Jahr 1937. FOTO: dpa
Krefeld. Zum Spielzeitbeginn hat "Der zerbrochne Krug" morgen Abend Premiere im Theater. Dorfrichter Adam ist eine Paraderolle für Charakterschauspieler. In Krefeld spielt Bruno Winzen. Die Uraufführung 1808 in Weimar war ein immenser Flop. Von Petra Diederichs

Auf Hüseyin Michael Cirpicis persönlicher Hitliste steht Heinrich von Kleist ganz weit oben. Entsprechend begeistert ist er von seinem Auftrag des Theaters: In seiner Geburtsstadt Krefeld inszeniert er Kleists bekanntestes Schauspiel "Der zerbrochne Krug". Morgen, 20 Uhr, ist Premiere. Und Cirpici, der zum vierten Mal gemeinsam mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Sigi Colpe fürs hiesige Haus arbeitet, ist guter Dinge, dass das 210 Jahre alte Stück zieht. Zumindest ist er gewiss, dass der Autor ihm hinterher nicht nach Leib und Leben trachten wird.

Bei der Uraufführung 1808 am Hoftheater Weimar war das anders. Damals hat sich ein berühmter Kollege an der Geschichte vom korrupten Dorfrichter Adam, der sich selbst den Prozess machen muss und sich dabei immer fester in einem Strickwerk aus Lügen und Vertuschungen verfängt, tüchtig verhoben. Johann Wolfgang von Goethes Inszenierung endete mit einem entrüsteten Pfeif- und Zischkonzert. Zeitgenössische Zeitungen berichten von einem "Heidenlärm im Theater". Es war der Ausbruch eines extrem gelangweilten Publikums, das von einer als "Lustspiel" angekündigten Aufführung etwas gänzlich anderes erwartet. Die Kritiker zerrissen das Werk in der Luft und zielten dabei fast ausnahmslos auf Kleist. Der freilich sah die Schuld beim wesentlich berühmteren Goethe. Denn Goethe hatte, was Kleist ihm ehrerbietend anvertraut hatte - "auf den Knien meines Herzens", heißt es in einem Brief - in drei Akte zerlegt und die sparsame Handlung mit Pausen noch weiter in die Länge gezogen. Die Struktur des Entwicklungsdramas, das im natürlichen Zeitverlauf einer Gerichtsverhandlung die früheren Geschehen erst aufrollt, hat der Meister nicht verstanden oder schlichtweg ignoriert. Die Geduld des Publikums war ohnehin strapaziert, da es zuvor schon eine Oper von Domenico Dalla Maria serviert bekommen hatte. Als Eve dann ihre Rechtfertigungsrede mit Überlänge hielt, brach der Unmut sich Bahn. Das Duell trugen die Herren schließlich mit Edelfedern in berühmten Schriftwechseln aus.

FOTO: dpa

Erst zehn Jahre später begann die Erfolgsgeschichte des "Krugs", der bis heute das meistgespielte Kleist-Stück ist. In Krefeld war es 2007/08 zuletzt zu sehen in der Inszenierung des damaligen Intendanten Jens Pesel. Dorfrichter Adam war eine Paraderolle für Matthias Kniesbeck, den das Publikum auch als Regisseur (von Johnny Cash bis Elvis-Revuen) und aus der Hunsrück-Saga "Heimat" kannte.

Der erste legendäre Adam war Emil Jannings. Er hat ihn nicht nur nach dem Ersten Weltkrieg auf der Theaterbühne gespielt, sondern auch in einem Film von 1937, der über Jahrzehnte Maßstäbe setzte. Manfred Krug ist 1985 als Adam auf Tournee durch die Bundesrepublik gegangen, Klaus Maria Brandauer feierte Adam-Kult ab 2008 in der Regie von Peter Stein. Und Edgar Selge gab den Dorfrichter in einer umstrittenen Inszenierung von Jan Bosse, unter anderem am Maxim Gorki Theater, in Stuttgart und bei den Ruhrfestspielen.

"Tatort"-Kommissar als Dorfrichter: Dietmar Bär im Schauspielhaus Bochum. FOTO: HJ Landes

Morgen Abend wird Bruno Winzen den Adam 2017 geben. Und an ihm wird vieles hängen. "Wie der Witz und die Komik aus dem Stück herüberkommen, liegt vor allem bei den Schauspielern", sagt Regisseur Cirpici. Er erinnert sich an die 80er Jahre, als er sich an der Schauspielschule bewarb und aus dem "Krug" vorsprechen wollte. "Damals habe ich Uwe Friedrichsen in Düsseldorf als Adam erlebt, das war grandios."

Er sei aber damals verblüfft gewesen, "wie wenig man lachen kann". Als er den Regieauftrag fürs Gemeinschaftstheater übernahm, hat er sich damit auseinandergesetzt, wie der Begriff Lustspiel zu deuten sei. "Unterhaltsam ist das Stück sehr, aber lustig ist anders", sagt er. Hier spiele das Moment der Vorahnungen eine Rolle, dieses Surreale, nicht Greifbare. "Es ist ein Traum, der für den Richter immer mehr zum Alptraum wird", sagt er.

Auf charismatische Rollen abonniert: Klaus Maria Brandauer als Adam bei Peter Stein. FOTO: dpa

Das soll atmosphärisch die Livemusik von Julia Klomfaß vermitteln. Und auch die Bühne arbeitet mit: Die Holzrückwand mit Fenstern und Türen ist auf dem Boden gedoppelt. Aus unterschiedlichen Fenstern und Türen gibt es Zugänge auf die Bühne. "Das zeigt, dass man Dinge entlarven kann, wenn man die Perspektive wechselt", erklärt Sigi Colpe. Aber die Zuschauer sollen nicht nur den Blick auf die Bühne haben. Kameras nehmen Sequenzen des Geschehens auf und projizieren es live in die Szenerie. "So ist gut zu verfolgen, was Adam macht, wie er sich verstrickt. Das führt zur zentralen Frage: Was ist das für eine Justiz, die nicht nach dem Recht richtet, sondern nach eigenem Gewinn?" Bei den Proben habe sie immer wieder Silvio Berlusconi vor Augen gehabt. Cirpici, Sohn eines türkischen Vaters, hat an Erdogan gedacht. Auch Assoziationen zu Donald Trump und anderen "Meistern alternativer Fakten" seien aufgeblitzt. "Aber für die Inszenierung spielen sie keine Rolle. Die ist zeitlos", betont der Regisseur.

Zeitlosigkeit gelte auch für die Sprache. "Nicht jedes Stück kommt so frisch daher nach 210 Jahren", findet Dramaturg Martin Vöhringer. Deshalb habe man den "Krug" als erstes Kleist-Stück in der Intendanz Michael Grosses gewählt.

Quelle: RP
 
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