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Krefeld
Krefeld-Besuch im Jahr 1789

Krefeld: Krefeld-Besuch im Jahr 1789
Der Baron Ladoucette. FOTO: RPO
Krefeld. Heute startet unsere Zeitung eine neue Serie zur Krefelder Stadtgeschichte. In den einzelnen Folgen lassen wir verschiedene historische Persönlichkeiten und Menschen der Zeitgeschichte zu Wort kommen. Zum Auftakt: Joachim Heinrich Campe und Baron de Ladoucette. Von Irmgard Bernrieder

Im Juli des Revolutionsjahres 1789 besucht der Verleger und Pädagoge Joachim Heinrich Campe Krefeld. In einem Brief an seine Tochter Lotte schwelgt der Aufklärer: "Ich nenne dir, indem ich Krefeld hinschreibe, den Namen der niedlichsten, saubersten, freundlichsten und blühendsten Manufakturstadt, die ich je gesehen habe. Der bloße Anblick macht den Fremden heiter und froh. Das schöne, längs den Häusern ausgelegte Straßenpflaster ist so rein, als wenn es täglich gewaschen würde, und so eben, als wenn die Steine abgeschliffen wären. Die Häuser sind alle von Backsteinen und in holländischem Geschmack, aber doch mit mehr Abwechslung erbaut als der holländischen Bauart sonst eigen zu sein pflegt."

Den Briefschreiber erstaunen die Schilder an den Häusern, die er für Gasthäuser hält. Man belehrt ihn, dass die Schilder "nur zur bequemen Unterscheidung der Häuser" dienen. Diese "industriöse" Stadt enthalte 700 Gebäude, berichtet er weiter, um dann auszuführen: "Bei einer gewöhnlichen Bevölkerung würde sie also ohngefähr viertausend Einwohner zählen. Man rechnet aber die hiesige Volksmenge bis auf siebentausend Seelen. Dies würde unglaublich klingen, wenn man nicht dabei in Erwägung zöge, dass die meisten Häuser von Fabrikanten bewohnt werden und nicht bloß eine Familie, sondern auch Werksgesellen und Lehrburschen in sich fassen." Begeistert schreibt er auch über seine Besichtigung der Seidenmanufakturen der Herren von der Leyen, die "nicht bloß dieser Familie und nicht bloß diesem Orte, sondern ganz Deutschland Ehre macht."

Er sieht sich nach England versetzt, "in eine der blühendsten Fabrikstätte, so groß ist der Umfang dieser Anstalt, so sinnreich das Maschinenwerk, so musterhaft die dabei überall herrschende Ordnung und Reinlichkeit!" Um sich die Größe der Anlage vor Augen zu führen, solle sie sich vorstellen, dass hier 6000 Menschen beschäftigt seien und dass neben einigen "palastartige Gebäuden" ganze Straßen kleinerer Häuser dazuhörten. Von diesen Weberhäusern berichtet Campe, dass sie "inwendig durchbrochen sind, so dass man aus einer Werkstatt in die andere tritt und alle unter einem Dach zu sein scheinen." Er lobt den Einsatz eines Pferdes, das einen ganzen Saal voll Abhaspelungsmaschinen antreibt, indem es mit verbundenen Augen auf der Stelle tritt, und er gesteht, dass er die Damastweberei nicht durchschaut. Im Vergleich zu westfälischen Städten schneidet Krefeld bestens ab: "Hier ist alles munter, alles tätig, alles betriebsam! Hier ist überall Wohlstand und bürgerliche Glückseligkeit!""Freiheit und Duldung", so Campe, seien die beiden Zauberworte, die diesen Unterschied begründen.

Auch der französische Präfekt Baron de Ladoucette preist Krefeld als "eine der schönsten Städte an den Ufern des Rheins". Der hohe Beamte analysiert, Krefeld habe schon Ende des 17. Jahrhunderts Moers, die Hauptstadt des Fürstentums, in den Schatten gestellt, weil es die "Industrie" nutzte, die verbannte Religionsanhänger aus Frankreich, den Niederlanden, dem Herzogtum Berg und aus Köln mitbrachten. 13 002 Bürger zählen Stadt und Herrlichkeit Krefeld im Jahr 1815. Die meisten von ihnen sind Katholiken. Der Besucher vermerkt, dass es ein hebräisches Konsistorium und eine Synagoge sowie calvinistische und lutherische Gebetshäuser und ein Andachtshaus für die Mennoniten gibt. Aus deren Gemeinde hebt er die Familien von der Leyen und Floh hervor, die zu den "meistgeachteten Manufakturisten" zählen. Als Handeltreibende beschreibt der Baron die Protestanten, die "ein Haus der Arbeit" haben; gemeint ist eine Vorläufereinrichtung der heutigen Industrie- und Handelskammer, der unter dem Vorsitz Bürgermeister Friedrich Heinrich von der Leyens 1804 gegründet wurde.

Der Gast beschreibt die Stadt als ein längliches Viereck mit vier Toren, das regelmäßig bebaut ist. Damit entspricht der Grundriss dem Idealbild dieser Epoche, der geometrischen Planfigur. Er hebt den mit Linden bepflanzten Marktplatz hervor, gesäumt von prächtigen Häusern. Ebenso die 2000 Gärten rings um die Stadt. Ladoucette nimmt an, dass viele der Gebäude auf diesen grünen Parzellen "zum Vergnügen" da sind. Die Straße von Wesel nach Aachen über Uerdingen erleichtere die städtischen Verbindungen zum Rhein und die Versorgung mit Steinkohle. Den lokalen Färbereien, Seidenfabriken und Baumwollspinnerein gilt sein besonderes Augenmerk. So schreibt er den hiesigen stehenden Gewässern die Fähigkeit zu, der Seide jene besondere Schwärze zu verleihen, für die sie berühmt ist. "Die wichtigsten Fabriken sind die für Samt im Stück und in Bändern", notiert der Besucher. "Wie sie an einem beengten Ort, fern von Rohmaterialien und ohne Rückhalt einer großen Bevölkerung die Konkurrenz mit den Erzeugnissen aus Lyon aufrechterhalten haben," fand seine Bewunderung. "In Schönheit und Geschmack ihrer Waren" überträfen sie alle Stoffe in Europa. Der freie Handel im Norden und Süden habe ein Übriges zum Aufschwung getan.

Quelle: RP
 
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