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Krefeld
Krefeld hat kleinsten Webstuhl der Welt

Krefeld: Krefeld hat kleinsten Webstuhl der Welt
Der Moment der Übergabe: Rainer Bartlesheim (2.v.l.) überreicht seinen Miniatur-Webstuhl an Hansgeorg Hauser vom Haus der Seidenkultur. Mit im Bild: Günter Oehms (l.) und Willi Wolters FOTO: T.Lammertz
Krefeld. Im Guinnessbuch der Rekorde steht er bereits. Jetzt ist der goldene Webstuhl funktions-tüchtig. Juwelier Rainer Bartelsheim hat ihn dem Haus der Seidenkultur geschenkt. Von Petra Diederichs

Er ist kaum größer als eine Schachtel Zigaretten, aber er ist eine Sensation: Der goldene Webstuhl ist der kleinste der Welt, auf dem sich tatsächlich Fäden weben lassen. Seit gestern gehört er dem Haus der Seidenkultur (HdS). Und dort ist man mächtig stolz: "Das ist unser zweites Alleinstellungsmerkmal", sagt HdS-Sprecher Dieter Brenner. "Das Erste ist die Tatsache, dass wir den einzigen erhaltenen Jacquard-Websaal an authentischer Stelle in Europa haben."

Für das erlesene Museum in der ehemaligen Paramentenweberei an der Luisenstraße 15 hat Handwebmeister Günter Oehms (83) jüngst noch einen alten Borden-Webstuhl gangbar gemacht, auf dem früher die Bordüren für Priestergewänder gefertigt wurden. Dann kam die Spezialaufgabe, den weltkleinsten Webstuhl zu ertüchtigen. Oehms, zuständig für die Webtechnik, und Willi Wolters, der Mann für die Mechanik, haben monatelang getüftelt. Denn es gab keinerlei Unterlagen, wie diese Art von Webstuhl einst bedient wurde. "Im Guinnessbuch galt das Modell zwar als funktionierend, aber eigentlich konnte man nur die Fäden hin und her bewegen", berichtet Brenner.

Größenvergleich: Auf dem Marmorsockel neben dem kleinsten funktionierenden Webstuhl der Welt steht ein handelsüblicher Lippenstift. FOTO: pe

Jetzt arbeitet der Apparat, der 300-mal kleiner ist als ein Original-Handwebstuhl. Zum Beweis hat Oehms ein etwa zwei Zentimeter breites Stoffbähnchen in Rot, Gold und Schwarz gewebt - mit einem Schiffchen, das so lang ist wie die Spitze einer Kugelschreibermine. Um die Technik herzurichten, ist das Team unterwegs in zahlreichen alten Webereien und Museen gewesen, hat Experten befragt und von überall Informationen zusammengetragen, die dann ein Bild ergaben. "Wir konnten ja keine moderne Technik einsetzen, alles musste authentisch sein", sagt Brenner.

Geduld und Fingerfertigkeit waren schon bei der Entstehung vor 30 Jahren gefragt gewesen. Mehr als 400 Arbeitsstunden hatten Goldschmiedemeister Rainer Bartelsheim und seine Auszubildenden 1988 investiert. "Ich hatte die Idee, ein Unikat zu schaffen", erzählt Bartelsheim.

Tüftler bei der Arbeit: Günter Oehms (l.) und Willi Wolters setzen den Webstuhl in Gang. FOTO: Wolters

Im Museum Schloss Rheydt hat er einen historischen Webstuhl abfotografiert, dazu eine Zeichnung entworfen und danach im Maßstab 1:300 in reiner Handarbeit das Einzelstück gefertigt. Die Mechanik ist nicht größer als das Werk in einer Armbanduhr. Aus Silber und Messing hat Bartlesheim das Stück gefertigt und anschließend vergoldet. "Die kleine Kurbel ist aus Ebenholz handgefeilt", sagt er. "Meine Lehrlinge haben mich verflucht, weil ich so pingelig war." Dieses besondere Stück wollte er nun nicht in einer Vorstandsetage oder einem Büro wissen. "Es gab da mehrere Anfragen. Aber ich möchte, dass es der Öffentlichkeit präsentiert wird. Denn so etwas kann ich heute nicht mehr machen - und es ist auch für andere nicht leicht möglich." Ja, gibt er zu, ein bisschen habe ihn damals auch der Wunsch angetrieben, ein Pendant zum Modepreis "Das goldene Spinnrad", das Juwelierkollege Kammen gefertigt hatte, zu schaffen. "Franz Schmitz, der das Rad bei Kammen gebaut hat, war der erste Lehrling meines Vaters gewesen", erzählt er. Aber er wollte nichts, was reproduziert werden würde - und die vielen technischen Finessen eines solchen kleinen Wunderwerks hätten ihn doch auch mehr interessiert.

Alles Handarbeit: Das Räderwerk ist nicht größer als in einer Uhr. Die Miniatur-Kurbel aus Ebenholz ist handgefeilt. FOTO: Wolters

Den Webstuhl zählt der heute 72-Jährige zu den Besonderheiten seines mehr als 50-jährigen Berufslebens. "Die Krönung war ein Collier, das ich für Kaiserin Soraya gemacht habe", erklärt Bartelsheim. Doch ins Buch der Rekorde ist er nur mit dem Webstuhl gekommen - "auf Initiative meiner Lehrlinge, die sagten, das sei doch was ganz Besonderes", erzählt der Goldschmied. Und deshalb sei das Meisterstück ein Fall fürs Museum.

Quelle: RP
 
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