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Magdalena Holzhey
"Krefeld ist eine Beuys-Stadt"

Krefeld. Heute jährt sich der Todestag des Künstlers zum 30. Mal. Im Kaiser-Wilhelm-Museum steht eines seiner Schlüsselwerke. Die Werkgruppe um "Barraque D'Dull Odde" gilt in Fachkreisen als "unausgesprochenes Weltkulturerbe".

2016 ist ein Joseph-Beuys-Jahr: Heute vor 30 Jahren ist der Künstler in Düsseldorf gestorben. Am 12. Mai wäre sein 95. Geburtstag - er ist 1921 in Krefeld geboren. Seine ersten Monate verbrachte er mit seinen Eltern am Alexanderplatz 5, dann zog die Familie nach Kleve. Krefeld wird seinen bekannten Sohn bei der Wiedereröffnung des sanierten Kaiser-Wilhelm-Museums im Sommer ehren: Ab dann wird der Museumsvorplatz Joseph-Beuys-Platz heißen. Magdalena Holzhey, Kustodin der Krefelder Kunstmuseen, hat über Beuys promoviert. Sie erklärt, warum Beuys heute wieder an Bedeutung gewinnt.

Dass Beuys ein Krefelder Künstler war, hört man in Kleve, wo er aufgewachsen ist, und in Düsseldorf, wo er gewirkt hat, nicht gerne, weil die Familie nur kurz hier gelebt hat. Aber wir haben eine spektakuläre permanente Installation in zwei Räumen des Kaiser-Wilhelm-Museums. Ihr Chef Martin Hentschel hat sie ein "unausgesprochenes Weltkulturerbe" genannt. Ist Krefeld also eine Beuys-Stadt?

Holzhey Selbstverständlich. Hier ist Beuys nicht nur geboren, was er ja selbst als Zufall bezeichnet hat. Krefeld ist ein extrem wichtiger Ort für ihn, dem er eng verbunden war. Hier war er bereits 1948 - als junger, noch wenig bekannter Künstler - an Ausstellungen beteiligt. 1950 begann sein enger Kontakt mit dem damaligen Museumsleiter Paul Wember. Der umfangreiche Briefwechsel wird in den Kunstmuseen aufbewahrt. In Mönchengladbach hatte er seine erste große Ausstellung. Aber nach Krefeld ist Beuys immer wieder zurückgekehrt. Hier befindet sich eines seiner Hauptwerke: die beiden Räume im Kaiser-Wilhelm-Museum, die er eingerichtet hat. Die Werkgruppe ist über die Sammlung Lauffs für Krefeld angekauft worden.

Die Werkgruppe, deren Zentrum die "Barraque D'Dull Odde", zu deutsch: "verlassener Ort" - ein Regal mit Utensilien aus Beuys' Künstler- und Forscherleben - bildet. Was macht ihre Bedeutung aus?

Holzhey 1977 hat Beuys die beiden Räume als permanente Installation erstmals eingerichtet, 1984 dann noch einmal verändert. Das Einzigartige ist, dass es neben dem "Block Beuys" im Hessischen Landesmuseum Darmstadt die einzige Rauminstallation von Beuys ist, die so erhalten ist, wie er sie eingerichtet hat. Die "Barraque D'Dull Odde" trägt den Zusatztitel "Arbeitsplatz eines Wissenschaftlers/Künstlers" - und das umfasst ganz viel, was Beuys' Verständnis von der Kunst ausmacht. Es ist eine sehr persönliche Arbeit, in der die Bereiche von Kunst und Forschung, Mythos und Wirklichkeit zusammenfließen.

Und Beuys hat sogar die Fensterrahmen und -scheiben angestrichen.

Holzhey Ja, genau. Deshalb haben wir das jetzt auch sorgfältig restauriert und nicht einfach überstrichen. Beuys hat eine weiße, deckende Farbe benutzt, so dass die Fenster optisch mit der Wand verschmelzen, um den Kellercharakter zu betonen. Deshalb verstehen wir diesen Anstrich als Teil des Kunstwerks und behandeln ihn auch so.

Mit der Wiedereröffnung des KWM sind die Räume wieder zugänglich. Warum sollte man sie besuchen?

Holzhey Es ist schon eine magische Atmosphäre, die man dort spürt. Einmal, weil sie vom Künstler selbst eingerichtet worden sind. Und dann auch im Vergleich: Wie hat er den Raum eingerichtet, und wie richten Museumsleute heute Installationen von Beuys ein. Bei Beuys hat jedes Teil seinen festen Platz. Alles hängt mit allem zusammen, die Dinge sprechen miteinander, sie bilden einen nachvollziehbaren Parcours.

Was hat Beuys uns heute noch zu sagen? Lässt sich das kurz zusammenfassen?

Holzhey Schwer. Denn Beuys hat uns noch eine Menge zu sagen, und zwar auf verschiedenen Ebenen. Seine künstlerischen Einflüsse sind unbestritten, und gerade heute sieht man in der jüngeren Kunst wieder viele, die sich auf Beuys beziehen. Auf seine Vorstellung von Energie zum Beispiel. Und auch gesellschaftspolitisch ist Beuys aktuell, in der Rolle des Künstlers, der die Diskussion befeuert, der die Teilhabe des Betrachters forderte, sich mit politischen und ökologischen Fragen beschäftigte. Als er sich mit der Umwelt auseinandersetzte, war Klimawandel noch kein allgemein verbreiteter Begriff. Beuys' Arbeiten provozieren noch immer, sie sind nicht einfach, aber wenn man sich auf sie einlässt, dann ist das ein großer Gewinn.

Mit seinem "erweiterten Kunstbegriff" hat Beuys provoziert. Dass jeder ein Künstler sein sollte, dass Kunst zur Diskussion gestellt und in Verbindung zum wirklichen Leben gestellt wurde - das machen heute die digitalen Möglichkeiten und sozialen Netzwerke möglich. Hat Beuys zu früh gelebt?

Holzhey Ja und nein. Ich weiß nicht, ob ihm das so gefallen hätte, aber ich bin sicher, dass er einen Weg gefunden hätte, diese Möglichkeiten für sich zu nutzen, sie sich für sein Werk einzuverleiben. Aber Beuys kann uns durch sein komplexes Weltbild - nicht nur in der Kunst, sondern auch in den unterschiedlichen Lebensbereichen - lehren, wie wir Menschen uns die Lebenswirklichkeit aneignen, wie wir damit umgehen und welche Möglichkeiten uns zur Verfügung stehen, um uns mit ihr auseinanderzusetzen. Das Materielle und das Metaphorische zu verbinden, das können wir aus seiner Kunst lernen. Wir könnten in unserer digitalen Welt, die uns oft von der wirklichen Welt entfremdet, gut jemanden wie ihn gebrauchen, der uns hilft, die natürlichen Phänomene, die unsere Lebensgrundlage bilden, mit den virtuellen in Einklang zu bringen.

Wann hat Ihre Begeisterung für Beuys und seine Kunst begonnen?

Holzhey Während meines Kunstgeschichtsstudiums hat mich seine Kunst eher irritiert. Die Liebe ist später entstanden. Als ich mein Promotionsthema suchte, hat es mich gekitzelt, ich wollte Beuys verstehen. Ein wichtiges Erlebnis war dabei, als ich im Kaiser-Wilhelm-Museum zum ersten Mal die "Anschwebende plastische Ladung" gegenüber der "Barraque" gesehen habe. Ich habe lange davor gesessen und war fasziniert. Ich sah den Schnitt - wie ein Blitz - unter der transparenten Hülle. Er wirkte wie eine Wunde. Die roten Partien erinnerten an Blut - und plötzlich fügte sich alles zusammen: Natur, Blitz, Wunde, Verletzlichkeit, Hülle und Schutz. Es war eine körperliche Erfahrung, die man sich allerdings erarbeiten muss.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE PETRA DIEDERICHS

Quelle: RP
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