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Tragödie in Krefeld
Mutter bestreitet die Tat - Kinder "stabil"

Krefeld: Kinder aus dem Fenster geworfen - Mutter bestreitet die Tat
Zeichen des Mitgefühls vor dem Haus, in dem das Schreckliche passiert ist. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Die Mutter, die in Krefeld-Hüls ihre drei Kinder aus einem Fenster im zweiten Stock geworfen haben soll, bestreitet die Tat. Sie wird derzeit in einer Psychiatrie behandelt. Der Zustand der Kinder ist den Ärzten zufolge stabil. Von Jens Voss

Der Schock über das schreckliche Geschehen sitzt noch tief. Vor dem Haus in Hüls, in dem sich die Katastrophe abspielte, standen am Dienstag erste Kerzen und Blumen als Bekundungen des Mitgefühls und der Hoffnung, dass die Kinder von ihren schweren Verletzungen vollständig genesen werden. Nach bisherigem Stand der Ermittlungen hatte die Mutter ihre drei Kinder am Montag früh gegen halb fünf aus dem Fenster einer Wohnung im zweiten Stock geworfen. Die Opfer wurden wimmernd und lebensgefährlich verletzt gegen 4.45 Uhr von einem Fahrradfahrer auf dem Gehweg entdeckt. Die Polizei nahm die Mutter wenig später in der Wohnung fest. Sie hatte offenbar versucht, sich das Leben zu nehmen.

Am Tag nach dieser unfassbaren familiären Katastrophe gibt es immerhin eine positive Nachricht: Die drei Kinder im Alter von drei, fünf und sechs Jahren sind nach Mitteilung der Polizei nicht mehr in Lebensgefahr. "Ihr Gesundheitszustand ist ernst, aber stabil", teilte die Polizei knapp mit. Ob die Kinder, die aus mehreren Metern Höhe auf einen Steinweg gefallen sind, bleibende Schäden erlitten haben, lässt sich zurzeit noch nicht sagen. Dies teilte der Sprecher der Staatsanwaltschaft auf Anfrage mit.

Mutter sagt nicht viel, bestreitet aber die Tat

Die tatverdächtige Mutter wurde am Dienstag auf Antrag der Staatsanwaltschaft dem Amtsgericht Krefeld vorgeführt. Das Gericht ordnete ihre einstweilige Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik nach Paragraf 126 a der Strafprozessordnung an. In diesem Paragrafen wird geregelt, wie jemand, der im Verdacht steht, eine rechtswidrige Tat "im Zustand der Schuldunfähigkeit oder verminderten Schuldfähigkeit" begangen zu haben, in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen wird. Die Mutter schweigt bisher weitgehend zu den Hintergründen, teilte die Polizei weiter mit. Komplett geschwiegen hat die 33-jährige Frau aber nicht: Sie hat die Tat, die Kinder aus dem Fenster geworfen zu haben, bestritten.

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Die Frage, die viele Menschen bewegt, lautet, ob man die Katastrophe hätte kommen sehen können; ob die Anzeichen einer psychischen Krise bei der Mutter so stark waren, dass man Hilfe hätte rufen müssen. Es gab Signale, dass die Frau Probleme hatte: Sie soll nach dem Auszug ihres Mannes immer verschlossener geworden sein; sie hat fahrig, teils verwirrt gewirkt und mehreren Bekannten offiziell die Freundschaft gekündigt. Niemand wusste warum, und niemand sah in den Wesensveränderungen Vorboten einer solch furchtbaren Katastrophe.

Beratungsstellen bieten Hilfe an

Dabei gibt es in Krefeld eine Fülle von Stellen, bei denen man sich Rat holen kann - nicht nur als Betroffener, sondern auch als Nachbar, Freund, Lehrer oder Erzieher, der unsicher ist, wie ernst eine sich anbahnende Krise ist. Andrea Vogt, Leiterin der Evangelischen Beratungsstelle der Diakonie Krefeld-Viersen, verweist etwa auf die psychiatrischen Kliniken Alexianer oder Königshof, auf den Sozialpsychologischen Dienst der Stadt, auf das Team Kindeswohl der Stadt, aber auch auf Polizei oder Jugendamt. "Es gibt auch die Möglichkeit anonymer Beratung", sagt sie - darauf wird etwa beim Team Kindeswohl hingewiesen. Die Evangelische Beratungsstelle würde, wenn sie nicht selber berät, auf jeden Fall Wegweiser sein und mit jemandem, der Auffälliges und Besorgniserregendes beobachtet hat, beratschlagen, an wen man sich wenden kann. Vogt betont allerdings auch, dass man die Betroffenen, die in einer Krise stecken, meist nicht dazu zwingen kann, Hilfe anzunehmen. In der Regel muss der psychisch Angeschlagene freiwillig bereit sein, Hilfe zu suchen.

Zu dem Fall in Hüls will Vogt nichts sagen - "wir kennen zu wenige Fakten, jeder Fall ist sehr individuell". Ihr Kollege Christian Wöhrmann, Psychologe bei der Beratungsstelle, geht davon aus, dass in diesem Fall wohl der Sozialpsychologische Dienst der Stadt die geeignete Anlaufstelle gewesen wäre, um Sorgen über die Entwicklung eines anderen Menschen loszuwerden.

Vogt und Wöhrmann sagen zugleich, wie schwierig eine solche Abschätzung ist: Es gebe keine Checkliste, die man abhaken könnte, um zu ermitteln, inwieweit sich eine Krise zuspitzt.

Das hatte am Vortag der Hülser Pfarrer Paul Jansen auf seine Weise zum Ausdruck gebracht: "Niemand kann einem anderen Menschen in den Kopf gucken."

Quelle: RP