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Weihnachtsmärchen in Krefeld-Uerdingen
Premiere der Emotionen

Krefeld: Premiere der Emotionen beim Weihnachtsmärchen
Der Prolog von "Aschenputtel": Die guten Feen werden auf den Kampf gegen die böse Fee eingestimmt und ermahnt, keine Fehler zu machen. FOTO: Lammertz
Krefeld. Letztes Weihnachtsmärchen in Uerdingen im Bay-Treff: Findet sich keine neue Unterkunft, geht ein wichtiges Stück Kultur in Uerdingen verloren. Die Premiere von "Aschenputtel" geriet zu einer Liebeserklärung an diese Tradition. Von Otmar Sprothen

In unserer Umgangssprache verstehen wir unter einem Aschenputtel ein farbloses junges Mädchen, also eine Art Mauerblümchen. Die Bühnenfassung des Aschenputtel-Märchens der Bayer-Laienspielgruppe stellt das von Jill Königs gespielte Aschenputtel als eine durchaus selbstbewusste junge Dame vor, die sich der niederschmetternden Wucht der sozialen Verhältnisse beugen muss, in die sie durch den Tod der Mutter und der Blindheit des Vaters Albert (Peter Koppers) hineingeraten ist.

Liebevoll gestaltete Kostüme, eine mit viel Sinn fürs Detail gestaltete Kulisse und Schauspieler, die mit Herzblut bei der Sache sind. FOTO: Lammertz Thomas

Über 500 Besucher sind zur Premiere in den Uerdinger Bay-Treff gekommen. Das vordere Drittel der Plätze nehmen Kinder jeden Alters ein, dahinter haben die Begleitpersonen mit ihrem Anhang Platz genommen. Ein Prolog der Elfen führt in die Handlung ein, in der die Oberfee mit ihrer Assistentin die guten Handlungsstränge verkörpert, die die böse Fee Hutzliportla mit ihrem buckligen Schreiber Quasimodo ins Negative umzubiegen versucht. König Waldemar (Simon Quade) ist amtsmüde und möchte endlich sein Leben genießen. Zum Ärger seiner Gemahlin Gertrud (Ingeborg Praus) vertreibt er mit seinen jähen Zornesausbrüchen eine Hauslehrerin seines Sohnes Ferdinand (Roland Lipski) nach der anderen. Gerade ist es Adele Sonnentau (Ramona Quade), der gekündigt wird. Jetzt soll Ferdinand die Arbeit des Regierens übernehmen. Dazu benötigt er eine Königin, die unter den Töchtern des Landes gesucht wird. Das ist der Weckruf für Aschenputtels Stiefmutter, temperamentvoll und herrschsüchtig gespielt von Dorothea Sinsteden, ihre beiden verwöhnten, aber strohdummen Töchter (Johanna Rips und Chiara Sinsteden) am Königshofe einzuführen, während Aschenputtel mit sinnlosen Aufgaben wie dem Auslesen von Linsen beschäftigt wird.

Unterstützt von den guten Feen in Vogelgestalt gelingt es Aschenputtel ebenfalls, zum Debütantinnenball des Königssohnes zu erscheinen, muss aber die von den Feen beschaffte Kleidung bis 24 Uhr wieder zurückgeben. Prinz Waldemar verliebt sich in das schöne unnahbare Mädchen, das am dritten Balltage einen Schuh verliert. Diesen versucht Waldemar allen Mädchen anzupassen, wobei Aschenputtels böse Stiefmutter ihren Töchtern Zeh und Ferse abschneidet, damit der Schuh passt. Durch das Eingreifen der Feen -"Rucke die Kuh, rucke die Kuh, Blut ist im Schuh" - wird der Schuh schließlich der legitimen Trägerin angepasst. Aschenputtel wird Königin, während ihre Familie vom Hofe gejagt wird.

Szenen aus dem "Aschenputtel"-Weihnachtsmärchen. FOTO: Lammertz Thomas

Matthias Oelrich, seit einigen Jahren Texter und Regisseur der Bayer-Laienspielgruppe, hat die Eindimensionalität der Märchenfiguren im Grundsatz nicht angetastet, denen die Kostümschneiderinnen Andrea Führ, Helga Landwehr und Rita Toups Biedermeier-Gewänder genäht haben. "Das Stück soll nicht im Biedermeier hängenbleiben", erklärt Oelrich die Grundidee des Märchens. "Die Kinder sollen die heutige Verteilung der Rollen in der Familie und die damit verbundenen Verhaltensformen wiedererkennen." So hat der Regisseur keine Angst, heutige Jugendsprache in das Grimmsche Märchen zu implantieren. Felix (10) ist von dem Stück begeistert. Am meisten gefällt ihm der ständig explodierende König. So sollte sich seiner Meinung nach kein Erwachsener zeigen. Tanja Drescher hat das Uerdinger Weihnachtsmärchen schon als Kind besucht. Heute begleitet sie ihre Kinder. "Ich finde die Möglichkeit der Übertragung der einzelnen Rollen in die Jetztzeit gelungen. Dass der Bay-Treff jetzt schließt, ist ein gewaltiger Verlust für Uerdingen. Viele Vereine stehen jetzt auf der Straße." Fast unbemerkt von der Krefelder Politik hat die Bayer - Nachfolgefirma Covestro angekündigt, zum Ende dieses Jahres den vielfältig genutzten Bay-Treff zu schließen. In den 61 Jahren ihres Bestehens hat die Bayer-Theatergruppe eine hohe Professionalität erworben. Beleuchtung, Szenenbild, schauspielerische Leistungen sind aus einem Guss. Am Ende der Premiere spendeten Kinder wie Erwachsene stehend langanhaltenden Beifall. Alle Mitwirkenden traten noch einmal auf die Bühne und verabschiedeten sich mit einem Schlusslied "für all die Jahre".

Karten 6 Euro. Info: www.laienspielgruppe-bayer.de

Quelle: RP
 
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