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Krefeld
Krefeld sagt: Danke "Schu"

Krefeld: Krefeld sagt:  Danke "Schu"
Ingrid Schupetta vor den Tüchern, in die alle Namen der jüdischen Krefelder eingestickt sind, die deportiert wurden. Die neu konzipierte Ausstellung in der Villa Merländer, die Arbeit mit den Lehrern und Schülern und der neue Katalog zur Villa hat Schupetta engagiert vorangetrieben. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Morgen hat Ingrid Schupetta ihren letzten Arbeitstag. Zum Jahresende geht die Leiterin der NS-Dokumentationsstelle in den Ruhestand. Der Förderverein richtete ihr einen Abschieds-abend aus. Dabei wurde klar: Krefeld hat allen Grund, der Historikerin Danke zu sagen. Die 62-Jährige hinterlässt große Fußstapfen. Von Petra Diederichs

Es gibt einen Satz, den Ingrid Schupetta niemals akzeptiert: "Darüber ist nichts bekannt." Dann fährt die promovierte Historikerin erst recht alle Antennen aus, durchstöbert Archive, gräbt Quellen aus und findet jene Puzzleteilchen, die sich zu einem Schicksal zusammenfügen und das Bild aus einer Zeit, die viele am liebsten vergessen wollten, immer weiter komplettiert. Erinnerungskultur ist ihr Lebenswerk.

Die "Schu", wie Bekannte sie liebevoll nennen, ist der aktivste Part im historischen Gedächtnis Krefelds, wenn es um die dunkle Zeit des Nationalsozialismus geht. Eine "sekundäre Zeitzeugin" nennt sie sich selbst. Sie hat ungezählt viele Gespräche mit Überlebenden und deren Angehörigen geführt. Das prägt. Und dabei sind zahlreiche, herzliche Verbindungen und wertvolle Netzwerke - auch für Krefeld - entstanden. Sie hat eine zeitgemäße Dauerausstellung initiiert und den Wandel der Erinnerungskultur begleitet. Sie hat gegen den Schwarz-Weiß-Zeitgeist informiert, der einen faschistischen Volkscharakter unterstellt, und gegen die mangelnde historische Informationen heutiger Schüler, sie hat Erinnerungskultur als Bildungsauftrag verstanden - für Lehrer, Schüler und alle anderen Zeitgenossen.

Wenn Ingrid Schupetta morgen nach Dienstschluss ihren Schreibtisch in der oberen Etage der Villa Merländer räumt, ist der leere Platz symbolisch. Ihre Stelle als Leiterin der NS-Dokumentationsstelle ist ausgeschrieben, und es liegen mehrere Bewerbungen vor, über die eine Auswahlkommission um Oberbürgermeister Frank Meyer Anfang des Jahres entscheidet. Aber ihr Vermächtnis ist groß.

Schupetta hat das 1991 eröffnete NS-Dokumentationszentrum in der Villa Merländer von Anfang an begleitet. Anfangs gab es kaum historische Quellen. Emsig, fleißig und kundig hat sie geforscht und publiziert. Die Krefelder Geschichte hätte ohne sie deutlich weniger Seiten. In einem Vierteljahrhundert hat sich die Villa des jüdischen Kaufmanns zu einer historischen Gedenkstätte, einer Dokumentationsstelle mit Krefeld verbundener Schicksale, aber zu auch einem Ort der Begegnung entwickelt, an dem auch junge Leute mit ganz verschiedenen Wurzeln über Demokratie, über Rassismus und Diktatur sprechen. Und das ist vornehmlich das Werk dieser engagierten Forscherin. Ausdauernd und mit einer Hartnäckigkeit, der sie die Diplomatie gelegentlich unterordnete, hat sie das Haus an der Friedrich-Ebert-Straße zu einem Menschenrechtsmuseum gemacht. "Die Ideologie von der Minderwertigkeit der Anderen und Ausgrenzung ist nicht verschwundene Geschichte, sondern brandaktuell", ist ihr Credo. Wissenschaftlich immer akribisch bis zur letzten Stelle hinterm Komma, unbeugsam ihrer Sache verpflichtet, in den Begegnungen mit den Menschen, deren Schicksal sich hinter den Fakten und Zahlen verbarg, aber weitherzig und sensibel. Der Förderverein Villa Merländer, deren Geschäftsführerin Schupetta ist, hat ihr einen sehr bewegenden, aber auch heiteren Abschiedsabend organisiert, um für die Jahre des Engagements zu danken. Schupetta und das Haus seien für einander bestimmt gewesen, erklärte Bürgermeisterin Karin Meincke. Heute sei die Dokumentationsstelle nicht mehr aus dem Krefelder Kulturleben wegzudenken. In den 1990er Jahren während der großen Spardebatten war das anders. Auch da war Schupettas Beharrlichkeit entscheidend. Mit der Hilfe etlicher Unterstützer hielt sie das Haus am Leben. Seit diesem Jahr gibt es sogar eine Basisförderung des Landes von 42.000 Euro. Dies ist der Lobbyarbeit des Arbeitskreises der Gedenkstätten und Erinnerungsorte NRW zu verdanken, bei dem Schupetta Gründungsmitglied ist. Eugen Gerritz, langjähriger Vorsitzender des Vereins Villa Merländer, sprach in einer sehr warmherzigen Rede von ihrem Eigen-Sinn, den er unbedingt in zwei Worten geschrieben wissen will. Für die vielen Fortbildungen für Lehrer und die gute Kooperation dankte auch der Vorsitzende des Vereins für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Joachim Klupsch. Und das Kreschtheater, das so alt ist wie das Dokumentationszentrum, steuerte improvisierte Szenen und Gedichte bei. Sehr bewegend war für Schupetta der Moment, in dem sie ihr Geschenk auspackte: Verein und viele Spender in der Stadt hatten zusammengelegt und zwei Tusche-Arbeiten von Will Cassel erworben: ein Marienbild und eine Frühlingsszene. Als Erinnerung.

Quelle: RP
 
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