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Prügelei bei Hochzeit
Jetzt spricht der Standesbeamte

Krefeld: Schlägerei im Standesamt
Krefeld: Schlägerei im Standesamt FOTO: Str�cken,Lothar
Krefeld. Nach der Eskalation einer Großhochzeit in Krefeld berichtet nun der Standesbeamte Achim Kesseler: Auslöser für die Prügelei sei eine Beschimpfung gewesen, doch dahinter stecke eine Familienfehde. Das Brautpaar muss für den Schaden aufkommen. Von Sebastian Peters

"Wie im Film, wirklich wie im Film" – auch am Tag nach der Hochzeitsschlägerei im Standesamt Stadtpalais ist Achim Kesseler (49), Leiter des Krefelder Standesamtes Mitte, immer noch fassungslos über das, was sich da am Montagmorgen ereignet hat: Eine Hochzeit, bei der sich die Gäste blutige Nasen prügeln, bei der Scheiben zerbrechen und wertvoller Marmorboden ramponiert wird, und mittendrin das traurige Brautpaar. Das Filmgenre für die Szenerie, die sich da abspielte, muss erst noch erfunden werden: Action-Liebes-Drama?

Standesbeamter Achim Kesseler vor einer zerstörten Vitrine im Trauzimmer. Eine derartige Eskalation bei einer Trauung hat er bisher noch nicht erlebt. FOTO: Str�cken,Lothar

Dabei begann alles so romantisch. Am Tag danach erinnert sich Achim Kesseler: Gegen 11.15 Uhr habe er erstmals aus seinem Fenster auf das Brautpaar und die Gäste geschaut. "Es sah so harmonisch aus, viele Frauen hatten tolle Kleider an. Ich habe mich richtig auf die Hochzeit gefreut", sagt der Krefelder, der seit 1999 Standesbeamter ist und dies mit großer Leidenschaft betreibt. Nur gute Worte findet er für das tragische Brautpaar ("superlieb"), keine Ahnung habe er im Vorfeld gehabt. "Als die Gäste reinkamen, war alles wie immer."

"Die Frauen zogen ihre Stöckelschuhe aus und schmissen sich ins Gewühl"

Auslöser des Streits war wohl eine Beleidigung auf Türkisch: Zunächst habe die Mutter der Braut nicht den gewünschten Sitzplatz gefunden. "Dabei gab es eigentlich genug Sitzplätze", sagt Kesseler. Die Mutter sei aufgestanden und habe sich hinten mit einem Mann besprochen. Als sie wieder nach vorne ging, habe ein junger Mann hinter ihr etwas auf Türkisch gerufen.

Unmittelbar danach habe die Prügelei begonnen. "Die fielen alle übereinander her, zuerst die Männer. Man sah oben aus einem Haufen von Menschen Beine rausgucken. Die Frauen zogen vorher ihre Stöckelschuhe aus und schmissen sich ins Gewühl, Kleidung wurde zerrissen, Blut spritzte. Manche Erwachsenen haben sich mit ihren kleinen Kindern unter Schreibtischen versteckt. So etwas habe ich noch nicht erlebt."

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Kesseler hatte währenddessen nur eines im Sinn: sein Brautpaar zu schützen. "Das war meine Verantwortung für die beiden." Den Bräutigam habe er zurückhalten wollen – "er wollte schlichten, aber das wäre ihm wohl nicht gelungen." Kollegen Kesselers alarmierten währenddessen die Polizei. Die ersten Polizistinnen, die ankamen, waren machtlos. Erst später eintreffende Beamte konnten die Massenschlägerei mit Hilfe von Pfefferspray und Tränengas auflösen. "Sogar Schlagstöcke führten die mit sich."

Wenig später gab es die nächste Trauung

Und was machte der Standesbeamte Achim Kesseler nach dem aufwühlendsten Erlebnis seines Berufslebens? "Um 12 Uhr hatte ich die nächste Trauung. Und den Termin wollte ich auch einhalten." Er habe also alles notdürftig aufgeräumt, habe dann das nächste Brautpaar durch eine Wolke von Reizgas in das Trauzimmer geführt und sie vermählt.

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Ob die zerstrittenen Familien sich nun noch einmal für das Brautpaar zusammenraufen, ob die beiden sich zur Trauung trauen, ist ungewiss. Den von der Stadt angebotenen Alternativ-Termin am Montag um 14 Uhr sagten sie wieder ab. Gäste berichteten nach der Schlägerei, dass man sich ohnehin gewundert habe, dass die beiden angesichts der komplizierten Familienrivalität den Bund der Ehe eingehen wollten.

Zunächst einmal wird es teuer: Die Krefelder Stadtverwaltung muss dem Brautpaar die Kosten in Rechnung stellen, denn die Stadt selbst ist nur Mieter der Immobilie. Am Dienstag hat Achim Kesseler mit dem Eigentümer, einem Architekten, der oben im Objekt wohnt, den Schaden begutachtet. Mehrere tausend Euro Schaden dürften zusammenkommen, schätzt Kesseler. Macken seien jetzt im Marmorboden, bei Vitrinen fehlten die Fenster, die Wände seien voll von Kampfspuren.

Am Dienstag rief Kesseler noch einmal bei dem Brautpaar an. "Sie sind völlig konsterniert und wollen nicht mehr über die Hochzeit reden."

Quelle: RP
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