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Neue Hilfe in Krefeld
Mit der Videobrille gegen Demenz

Krefeld: Videobrille soll Demenzkranken helfen
Chefarzt Friedhelm Caspers mit einem der Geriatriepatienten, der gerade die Videobrille trägt. FOTO: T.L.
Krefeld. In Krefeld gibt es ein bundesweit einmaliges Projekt für Demenz-Kranke. Ein Krankenhaus nutzt Videospiel-Technik, um mit Bildern aus der Vergangenheit dem Gedächtnis der Betroffenen auf die Sprünge zu helfen. Es gibt schon Erfolge.  Von Jens Voss

Die alte Dame hebt den Arm und zeigt nach rechts: "Da war UdU, wo sich die jungen Leute immer getroffen haben." Sie sitzt in einem Raum im Hülser Helios Cäcilien-Hospital und zeigt ins Nichts, denn das, was sie sieht, sieht nur sie - über eine Videobrille. Die Frau aber hat das Gefühl, mitten auf der Haltstelle Ostwall/ Rheinstraße zu stehen; wenn sie den Kopf bewegt, ist es, als schaue sie sich um, als sehe sie gerade eine belebte Straßenszene. Moderne Videospieltechnik mit einer sogenannten "Virtual-Reality-Technology" (Virtuelle-Realität-Technologie) macht es möglich. Die Geriatrie in Hüls nutzt diese Technik für ein bundesweit einmaliges Projekt: Demenzpatienten können mit Hilfe der Brille in die Vergangenheit reisen.

Bilder sollen Gedächtnis stimulieren

Friedhelm Caspers, Chefarzt der Klinik für Akutgeriatrie und Frührehabilitation, hat schon sehr gute Erfahrungen mit dem System gemacht: "Bei den meisten unserer Patienten ist vor allem das Kurzzeit- und das Arbeitsgedächtnis betroffen. Das Langzeitgedächtnis kann leichter stimuliert werden, gerade durch visuelle Reize." Die ersten therapeutische Erfolge sind vielversprechend. "Die Menschen erinnern sich, beginnen zu erzählen, werden lebhaft - drehen sogar ohne Beschwerden den Kopf", berichtet Caspers lächelnd. "Wir stellen fest, dass die Menschen danach lange Zeit aktiver sind im Alltagsleben. Es geht ihnen sichtlich besser; sie bewegen sich mehr und bauen Kommunikation zu anderen auf." Das Gesamtbefinden bessert sich, die Betroffenen essen und trinken sogar wieder besser.

Die Zeitreise wird durch moderne digitale Technik möglich. Das historische Ostwall-Szenario ist von der Agentur "Weltenweber" erstellt worden. Das im Mai gegründete Start-up-Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, solche Szenarien zu schaffen. Zunächst wurden historische Fotos gesammelt. Die Gebäude wurden als 3-D-Modelle isoliert, dann Stück für Stück digital rekonstruiert und in ein Straßenbild montiert. Letzter Schritt: die Belebung der Szenerie mit Figuren, Auto- und Straßenverkehr. "Virtuelle Welten sind unsere Leidenschaft", sagt Lukas Kuhlendahl von Weltenweber, "wenn wir damit etwas Gutes tun können, ist es natürlich umso besser."

Vergangenheit erleben

Das Ganze wirkt verblüffend echt. Wer die Brille aufsetzt, steht plötzlich auf der Haltestelle Ostwall/Rheinstraße der 60er Jahre. An einem fahren Autos aus der Zeit vorbei; neben einem hält gerade eine Straßenbahn aus der Zeit, Menschen gehen vorbei. Dreht man den Kopf, schwenkt auch der Blick über den Ostwall - es ist eine 360-Grad-Szenerie. Unwillkürlich vergleicht man das Gesehene mit den Bildern von heute, unwillkürlich zeigt man auf eine Stelle, wundert sich laut, dass dort die Uhr von UdU noch nicht steht - dass man für die anderen im Raum wie die alte Dame ins Nichts zeigt, vergisst man fast.

Eben das ist der gewünschte Effekt für die Demenzpatienten: Sie erinnern sich, zeigen, erzählen, suchen das Gespräch, denn die Bilder aus der Vergangenheit sind noch in ihrem Kopf. Man kann mit Hilfe der "Virtual-Reality-Brille" und eines Zusatzgerätes sogar auf einen Punkt zeigen und sich dorthin beamen. "Das machen wir mit unseren Patienten aber lieber nicht", sagt Caspers lächelnd, "sonst beamt man sich vor eine Straßenbahn und wird von ihr durchfahren." Die Reise in die Vergangenheit ist die Fortführung einer bereits erprobten Strategie, die in der Geriatrie am Cäcilien-Hospital seit 2011 praktiziert wird. Es gibt dort einen Erinnerungsraum, der im Stil der 50er- und 60er Jahre eingerichtet ist. Die Umgebung hat ähnlich stimulierende Effekte wie die bewegten Bilder der Videobrille. Die Patienten erinnern sich, fühlen sich wohl, werden ruhiger. All das soll dazu dienen, das Wohlbefinden der Menschen zu steigern. "Man schafft Vertrauen, Brücken in die Gegenwart und Brücken untereinander", berichtet Caspers. Die Brillentechnik ist im Übrigen nicht nur für Demenzpatienten geeignet, sondern generell für ältere Menschen, die ihr Gedächtnis stimulieren und trainieren wollen. Die Probe am Donnerstag zeigte: Das Ganze macht auch Jüngeren viel Spaß.

Quelle: RP
 
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