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Zurück am Unfallort in Krefeld
Polizisten erinnern sich: "Schlimm waren die ganzen Gaffer"

Krefeld: Zurück am Unfallort - Polizisten erinnern sich an Tod einer Frau
Mehrere hundert Meter war das Motorrad bei dem Unfall am 21. Juni 2014 über den Kreuzungsbereich hinausgerutscht. FOTO: StRücken
Krefeld. Im Rahmen des Blitzmarathons wurde am Donnerstag in Krefeld bewusst an der Kreuzung St.-Töniser Straße/Schicksbaum kontrolliert. Dort starb 2014 eine Motorradbeifahrerin. Die Polizisten, die den Unfall aufnahmen, erinnern sich. Von Joachim Niessen

Datum und Uhrzeit haben sich bei Polizeikommissarin Theresa Schmidt in den Kopf eingebrannt. Es war der 21. Juni 2014 gegen 21 Uhr, als die Meldung über die Leitstelle kam: schwerer Unfall im Kreuzungsbereich St.-Töniser Straße/Schicksbaum. Ein Motorradfahrer war mit mindestens 115 Stundenkilometern stadtauswärts in die Kreuzung gerast. Die Maschine prallte gegen einen abbiegenden Kleinwagen.

In dieser Sekunde änderte sich schlagartig für viele Menschen das Leben: Die 47-jährige Sozia konnte reanimiert werden, starb aber kurze Zeit später an den schweren Verletzungen. Ihr Lebengefährte überlebte und musste sich vor Gericht verantworten. Die Fahrerin des Kleinwagens erlitt leichte Verletzungen. Die 25-jährige Polizeibeamtin Theresa Schmidt und ihr fünf Jahre älterer Kollege André Wagner waren - neben der Besatzung eines Rettungswagens - die ersten am Unfallort. Auch sie hat der Einsatz vom Juni 2014 entscheidend geprägt. Am Donnerstag standen beide im Rahmen des Blitzmarathons an derselben Stelle.

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Dabei ist die Kreuzung laut Polizei gar kein Unfallschwerpunkt. Trotzdem lädt die zweispurige Ausfallstraße - auf der hier Tempo 50 erlaubt ist - zum schnellen Fahren ein. "Überhöhte Geschwindigkeit war damals auch die Ursache", erinnert sich die junge Beamtin. Mindestens 115 km/h muss die Nadel auf dem Tacho des 47-jährigen Fahrers angezeigt haben. Das hatten Experten später rekonstruiert. Das Motorrad rutschte mehrere hundert Meter hinter die Kreuzung. "Es war das erste Mal, dass ich bei einem tödlichen Unfall war", ergänzt sie leise.

Doch dann sprudelt ganz plötzlich eine Mischung aus Wut und Ärger aus der 25-Jährigen heraus: "Schlimm waren die ganzen Gaffer. Vom Knirps bis zum Greis. Kinder standen in der ersten Reihe. Einfach grausam. Mein Kollege und ich konnten nichts machen. Wir hatten mit dem Verkehr und den Verletzten alle Hände voll zu tun. Vergeblich habe ich immer wieder versucht, den Bürgersteig zu räumen." Im Gegenteil: Immer mehr Schaulustige strömten damals an die Unfallstelle. Die ersten zückten die Handys, während wenige Meter weiter die Einsatzkräfte um das Leben der Verletzten kämpften. Selbst in der vorbeifahrenden Straßenbahn wurden der Unfall und die Opfer als mediales Spektakel für das weltweite Netz genutzt. "Nur wenige Minuten später waren die ersten Filme bei Facebook zu sehen", sagt André Wagner.

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Und dann ereignete sich das, was für Manuela Letzelter und Rainer Behrens vom Kommissariat Opferschutz der "blanke Horror" ist: "Verwandte haben die Filme im Internet gesehen und schon durch das Kennzeichen sofort erkannt, dass es sich um das Motorrad des 45-Jährigen handelt." Ohne die Möglichkeit einer sofortigen Betreuung trafen Angehörige an der Unfallstelle ein. "Und daneben Gaffer, die weiter filmten, Leute, die in den Fenstern der umliegenden Häuser hingen", erinnert sich Theresa Schmidt. Dazwischen kämpften zahlreiche Sanitäter noch immer um das Leben der 47-jährigen Mutter.

"Das alles nimmt einen mit und lässt einen nicht mehr los", räumt die junge Polizeikommissarin auch knapp zwei Jahre nach dem Unfall ein. Kollege André Wagner - selbst begeisterter Motorradfahrer- nickt zustimmend: "Ich fahre seit diesem Tag noch aufmerksamer. Vor allem überhöhte Geschwindigkeit wird schnell zur Todesfalle."

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Inzwischen ist der 45-jährige Lebensgefährte von einem Gericht verurteilt worden. 18 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung lautete der Richterspruch. "Doch auch der Unfallfahrer ist am Ende ein Opfer", sagt Rainer Behrens. "Diese Menschen brauchen ebenfalls seelische Betreuung. Manche sogar lebenslänglich."

Quelle: RP
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