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Krefeld
Krefelder auf Entdeckungstour mit der Kamera

Krefelder begleitet den Siegeszug der Natur
Krefelder begleitet den Siegeszug der Natur FOTO: Sven Fennema
Krefeld. Der Krefelder Sven Fennema ist ein Romantiker und Ästhet. Den 35-jährigen Vater eines einjährigen Kindes begeistert die Kraft der Natur. Dort, wo der Mensch sie nicht bekämpft, setzt sie sich durch. Von Norbert Stirken

Fennema sucht diese meist verborgenen Orte, um sie zu dokumentieren. Die Ergebnisse seiner Foto-Reisen sind im neuen Bildband "Neuland" zu sehen.

Es ist kaum zu glauben: Die verlassenen und vergessenen Szenarien, die der Krefelder Sven Fennema mit der Fotokamera entdeckt, liegen mitten im dicht besiedelten, industriellen Europa. Der 35-Jährige dokumentiert den Siegeszug der Natur, deren Schönheit und Kraft bei der Zurückeroberung des vom Menschen kultivierten Terrains. Beeindruckende Architektur im Verfall, im aussichtslosen Kampf gegen Jahreszeiten, gegen Moose, Farne, Efeu, Sträucher und Bäume.

Sven Fennema ist ein Multitalent. Er ist hartnäckiger Scout, behutsamer Eroberer, ausgereifter Fotograf und Menschenfreund. Mit seiner sympathischen Art schafft er Vertrauen, erfährt von den Bewohnern fremder Länder und Städte gut gehütete Geheimnisse über verborgene Schätze - mal sind es Schlossruinen, verfallene Fabriken, hochherrschaftliche Palais, Nervenheilanstalten, Kirchen, Kinos oder ganze verlassene Dörfer. In Süditalien entriss der Krefelder in seinem neuen, dritten eigenen Bildband "Neuland" gleich vier Bergdörfer dem Vergessen, deren Bewohner ihre Häuser nach starken Erdbeben und irreparabler Zerstörung verlassen hatten. Fennema warf einen fotografischen Blick in das alte Gotteshaus, einen kleinen Filmpalast, auf vom Grün eroberte Schuttberge und verfaulte Balken im schummrigen Licht. "In der Nähe von Neapel haben die Menschen neben ihrem ramponierten Dorf ein neues gebaut. Sie schauen täglich auf die Ruinen", berichtet der 35-Jährige. In einem Haus am Rand des alten Dorfes sei sogar noch Betrieb. Ein Friseur betreibe dort mit einer Sondergenehmigung sein Handwerk.

In der Toskana begab sich der Krefelder an einen mystischen Platz: einen ambivalenten Ort von Leben und Tod. Fennema spürte die Überbleibsel einer nach dem Zweiten Weltkrieg stillgelegten Dynamitfabrik auf. Das kleine Dorf bestand aus fast 100 Gebäuden. Jeder einzelne Schritt in der Produktion und Lagerung des gefährlichen Sprengstoffs geschah vor Jahrzehnten räumlich streng voneinander getrennt. Deshalb existieren die vielen Häuser, Hallen und Hütten.

Alle Gemäuer verfallen. Die Gewächse benötigen nur ein bisschen Feuchtigkeit, eine Mauerspalte und einen Sonnenstrahl, um zu keimen und zu wachsen. Mit der Zeit beherrscht ein immer dichter werdendes Grün die Szenerie, verwischt die Konturen, verdrängt die Geometrie und beschleunigt den Verfall.

Neben seinem Lieblingsland Italien tummelte sich Fennema im benachbarten Belgien: Dort setzte er einen anderen Schwerpunkt und fotografierte Autowracks und einen Lokomotivenfriedhof. "Um die Karossen aus den 1950er Jahren ranken sich zahlreiche Legenden", erzählt Fennema. Einige erzählen, es handele sich um ein Schrottlager in einer ehemaligen Kaserne, andere berichten, der Betreiber eines illegalen Schrottplatzes habe sein Lager vor vielen Jahren mit Setzlingen bepflanzt. Heute stehen die Fahrzeugwracks unter hohen Bäumen.

Ein anderes Mal habe ein Schrauber in großem Stil ausgediente Militärlastwagen aus Osteuropa, Feuerwehr- und Rettungsfahrzeuge erworben, sie aufgerüstet und nach Afrika verkauft. Die Überbleibsel und Ladenhüter stehen heute verstreut und von Ranken und Moosen überzogen im Grün. Fasziniert haben den Krefelder auch auf Abstellgleisen eines Güterbahnhofs scheinbar vergessene Lokomotiven vergangener Jahrzehnte. Wie in einem verstaubten, vom Publikum nicht mehr besuchten Museum ruhen die Kraftprotze dicht an dicht.

Fennema beschäftigt sich erst wenige Jahre mit der Fotografie. Der Spezialist für Informatik bei der US-amerikanischen Firma mit Sitz in Düsseldorf hat 2007 seine erste Digitalkamera erworben. Die Faszination fürs Fotografieren war vom ersten Tage an da - und wuchs. Die Profession weicht der Obsession, aber nicht radikal. Die Verantwortung für Frau und Kind lässt ihn einen gewissenhaften Kurs einschlagen. Seit 2010 fährt er zweigleisig, hat sich mit der Unternehmung Living Pictures selbstständig gemacht. Inzwischen übt er seinen Broterwerb nur noch in Teilzeit aus.

Neuland, Frederking & Thaler Verlag, ISBN 3954162059

Quelle: RP
 
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