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Krefeld
Krefelder besucht Amazonas-Weltwunder

Krefeld: Krefelder besucht Amazonas-Weltwunder
Pracht so weit das Auge sieht: Rot, Gold und weiches warmes Licht füllen das Teatro Amazonas von innen. 701 Plätze für Opernliebhaber gibt es. Von den Balkonen aus lässt sich das Flair der Belle Epoque besonders schön erleben. FOTO: Marion Zoch
Krefeld. Hans Dieter Zoch hat eine tiefe Leidenschaft für die Oper und fürs Reisen. Der Mann mit drei Doktortiteln hatte ein beeindruckendes Erlebnis. Er besuchte mit seiner Frau das wieder-eröffnete Teatro Ama-zonas. Eine etwas andere Urlaubsgeschichte. Von Hans Dieter Zoch

Wunschträume teilen bisweilen das Schicksal von Luftballons, die jäh zerplatzen und Enttäuschungen hinterlassen. An diese Schicksale musste ich denken, als ich erstmals vor zwölf Jahren nach Manaus (amtlich: Município de Manaus), der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Amazonas, kam. Angelockt von der Erwartung, das legendäre, weltberühmte Opernhaus zu sehen. Meine Hoffnung, hier jemals ein Konzert erleben zu dürfen, verblieb konturlos im Nebel der Träume. Unerwartet wurde am 4. Mai jedoch alles anders.

Alles begann ursprünglich in Manaus mitten im Amazonasgebiet, in einer von der Welt vergessenen Siedlung, die durch Armseligkeit und Bedeutungslosigkeit charakterisiert war. Schlagartig änderte sich die Lage durch den so genannten Kautschuk-Boom, der seine Blüte von Mitte des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts hatte.

Er führte zu märchenhaftem Reichtum der selbst ernannten Gummi-Barone, die ihre Zigarren mit 100-Dollar-Noten anzündeten und Paläste für ihre Pferde bauten. Dem Reichtum stand aber auch die Versklavung der indigenen Ur-Bevölkerung gegenüber.

Bei der Generalprobe zum Festival Amazonas de Opera. Am Mikrofon gibt der künstlerische Direktor Luiz Fernando Malheiro Einweisungen. FOTO: Marion Zoch

Als Brasilien das Monopol der Kautschuk-Gewinnung verlor, weil Henry Wickham 70.000 Samen des Gummi-Baums außer Landes schmuggelte, da fiel beginnend mit 1910 die Region zunehmend in ihre Armut zurück.

Aber noch in die Zeit der finanziellen Verschwendung fiel der Plan, die kulturelle Bedeutung durch den Bau eines Opernhauses zu erhöhen. 1881 wurde das Projekt vorgeschlagen; es gab Debatten um die Finanzierung und zwischen 1886 und 1893 gab es einen Baustopp. Am 31. Dezember 1896 wurde das Theater Amazonas schließlich eingeweiht, und am 7. Januar 1897 fand die Premiere mit der Oper "La Gioconda" von Amilcare Ponchinelli statt.

Ein Blick auf die prachtvollen Logen - von der Bühne aus gesehen. FOTO: Marion Zoch

Es war ein gigantisches Unternehmen, denn in dieser Region des brasilianischen Urwaldes gibt es noch nicht einmal Steine. Sie mussten mit Schiffen aus Europa herbeigeschafft werden. Jeder nur denkbare Luxus wurde dennoch installiert. Es gab und gibt 198 Kronleuchter, von denen 32 aus Murano-Glas hergestellt wurden. Allein die Kuppel des Theaters ist mit 36.000 Keramik-Kacheln in den Farben der brasilianischen Nationalfarben bedeckt. Die Steine vor dem Gebäude bestanden aus einem extra entwickelten Sand-Kautschuk-Gemisch, um die Vorführungen nicht durch vorbeifahrende Pferdekutschen zu stören.

Die insgesamt 701 Plätze sind in den Farben Rot und Gold gehalten und strahlen die Atmosphäre der Belle Epoque aus; bis heute. Immer noch fantastisch.

Nach dem pompösen Beginn (inklusive des angeblichen Auftritts von Caruso), sowie dem legendär hohen Champagner-Verbrauch und den rekordverdächtigen Umsätzen der Juweliere, kehrte mit Ende des Kautschuk-Monopols die Armut zurück. 1907 gab es die letzte Aufführung.

Als die brasilianische Zentralregierung die gewinnbringende Idee hatte, Manaus für zollfrei zu erklären, kehrte ein gewisser Wohlstand zurück. Das Opernhaus wurde schließlich Ende der 1980er Jahre komplett restauriert. Die Hitze, die Feuchtigkeit und vor allem die Termiten hatten massive Schäden bewirkt. Mit dem morbiden Charme des langsamen aber stetigen Verfalls des Hauses in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten paart sich nun - dank umfangreicher Renovierungen - der alte Glanz und jene unglaubliche Pracht, die das Haus bei seiner Eröffnung zeigte.

Am 17. März 1990 wurde das 'Teatro Amazonas' unter Mitwirkung von Plácido Domingo und Marcia Haydée wieder eröffnet. Durch den Film "Fitzcarraldo" von Werner Herzog wurde das Opernhaus 1982 wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. In dem Film gab es auch einen Auftritt von Caruso, der mit Sicherheit jedoch niemals stattgefunden hat. Der verwendete Soundtrack des Filmes stammte zudem von anderen Auftritten. Christoph Schlingensief inszenierte 2007 den "Fliegenden Holländer" von Wagner in Manaus. Die Premiere wurde am 22. April 2007 gefeiert.

Die jetzige Bedeutung des 'Teatro Amazonas' wurde 1996 durch den deutschen Geiger Michael Jelden geschaffen, der mit der Gründung des "Festival de Manaus" das größte Musikfestival in Lateinamerika ins Leben rief. Aktuell findet das 'Festival Amazônas de Opera' jedes Jahr im April statt.

Bedeutsam waren auch die Pläne des damaligen Gouverneurs Amazonino Medes, der ein professionelles Orchester samt Chor und Ballett schaffen wollte und die entsprechenden Gelder zur Verfügung stellte. Hierzu wurden aus Europa besonders osteuropäische Musiker - unter anderem aus dem "Kirov" - in Manaus verpflichtet. Denen gefielen die attraktiven Gehälter und möglicherweise auch der Charme der hübschen Landestöchter so sehr, dass viele nicht in ihre Heimatländer zurückkehrten. Noch heute stammen 39 der 54 Mitglieder des "Amazonas Orchestra Filharmônica" aus Bulgarien, Russland und Weißrussland.

Unterschiedlich und kontrovers wird die Frage diskutiert, wer die erste brasilianische Oper geschrieben hat. Ob es die Oper "A Noite de São João" von Elias Álvares Lôbo ist, die 1860 als erste brasilianische Oper aufgeführt wurde, oder ob es "Il Guarany" von Antônio Carlos Gomes ist, die als Oper aus dem romantischen Genre bezeichnet wird, und die am 18. März 1870 in der Mailänder Scala uraufgeführt wurde, das sei dahingestellt.

In diesem Jahr fand das Festival Amazônas de Opera vom 7. Mai bis zum 4. Juni statt. Ich hatte das unglaubliche Glück, der Generalprobe für dieses Ereignis beiwohnen zu dürfen. Es war ein sehr berührendes Erlebnis. Die Akustik wurde auf allen drei Rängen als perfekt wahrgenommen. Die Musiker waren exzellent. Dabei wurden auch Teile der Oper "Il Guarany" von Antônio Carlos Gomes aufgeführt.

Es muss tatsächlich nicht immer Caruso sein. Das Teatro Amazonas und seine Künstler faszinieren so überwältigend, dass alle Sinne mit künstlerischem Genuss hinreichend verwöhnt werden.

Die Oper "Il Guarany" hat einen unglaublichen Reiz ausgeübt. Ich würde mir wünschen, dass die Verantwortlichen unserer Theaterszene doch einmal die Noten der Opern "A Noite de São João" und "Il Guarany" prüfen würden, und eine Aufführung im Theater Krefeld Mönchengladbach in die Wege leiten könnten. Das wäre ein fantastisches Ereignis für Krefeld - und ein weiterer Wunschtraum von mir.

Quelle: RP
 
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