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Krefeld
Krefelder fühlt sich als Klassenkämpfer

Krefeld: Krefelder fühlt sich als Klassenkämpfer
Die Eltern von Mahir Sahin stammen aus Malatya, einem Ort im Südosten der Türkei, der für seine Aprikosen berühmt ist. Viele Krefelder kommen von daher, sagt der 33-Jährige, der in Krefeld geboren wurde. FOTO: Nein
Krefeld. Der 33-jährige am Inrath geborene Mahir Sahin und seine Familie können sich nicht vorstellen, in einer anderen Stadt zu leben. Sein Werdegang zum Gewerkschaftssekretär war gleichsam vorbestimmt. Die gesamte Familie denkt und handelt politisch. Von Norbert Stirken

Mahir Sahin hatte gar keine andere Chance: Der 33-jährige, in Krefeld geborene Familienvater kämpft in seinem Beruf für die Rechte der Arbeitnehmer. Seit einiger Zeit ist er Sekretär der Industriegewerkschaft Bauen, Umwelt und Agrar (IG Bau) in Düsseldorf und zuständig für die gesamte Region inklusive Stadt Krefeld. Der türkischstämmige Deutsche wuchs nämlich in einem politisch eindeutig geprägten familiären Umfeld auf. Sein Vater engagierte sich ebenfalls in der Gewerkschaft und im Betriebsrat, und der Onkel floh nach dem Militärputsch in der Türkei 1980 aus politischen Gründen ins Ausland. Wie sehr sich Politik in allen Ausprägungen selbst in Sahins Alltag wiederfindet, unterstreichen zwei Begebenheiten. Seine beiden Töchter heißen Roza und Clara - nach Rosa Luxemburg und Clara Zetkin - den berühmten Vertreterinnen der Arbeiterbewegung und Frauenrechtlerinnen, und er selbst ist nach dem türkischen Revoluzzer und Führer der 1968-er Bewegung Mahir Çayan benannt.

"Für mich ist Gewerkschaftssekretär der Traumberuf", sagt Sahin, der mit einer Kurdin verheiratet ist und mit der Familie im kleinen Eigenheim in Schicksbaum lebt. Der 33-Jährige ist Krefelder durch und durch. "Ich würde nicht woanders als in Krefeld leben wollen", erklärt er mit Nachdruck. Nach dem Besuch der Grundschule und der Gesamtschule in Hüls begann Sahin seine Ausbildung in der Krawattenindustrie. Typischer für Krefeld hätte seine Wahl nicht ausfallen können. Bei USM (früher Verseidag) lernte er drei Jahre als Produktgestalter Textil und wurde Patroneur, kümmerte sich um die technische Umsetzung der skizzierten Krawattendessins.

Den Kollegen blieb das Engagement des jungen Gesellen nicht lange verborgen. Sie wählten ihn in den Betriebsrat und zum Vertrauensmann der IG Metall. Zehn Jahre lang blieb er im Unternehmen und warb in der Belegschaft für die Gewerkschaft, legte zum Beispiel Kündigungswiedersprüche ein. Im gleichen Maße wie die Arbeitskollegen seinen Einsatz schätzten, ärgerte es die Geschäftsführung.

Bei einem offiziellen Treffen vor sechs Jahren erfuhr der Krefelder, dass die IG Bau einen Gewerkschaftssekretär suchte. Er bewarb sich und wurde angenommen. Zweieinhalb Jahre durchlief er eine interne Ausbildung, besuchte dann die Europäische Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt. Zwölf Monate lang dauerte das Kompaktstudium. Sahin ist stolz auf seinen Werdegang und seine Ausbildung am Main, die auch bekannte Persönlichkeiten wie Walter Riester (der von der Riester-Rente) und Jürgen Peters (früherer IG-Metall-Chef) dort absolviert haben.

Sahin ist in der IG Bau für das Gebäudereinigerhandwerk zuständig. "Das ist genau mein Ding", sagt er. In der Branche gebe es viele Probleme und einen hohen Migrationsanteil bei den Beschäftigten. Dort lasse sich noch etwas aufbauen und bewegen. In Krefeld hat er eine Arbeitsgruppe mit Beschäftigten organisiert. "Wir machen keine Stellvertreterpolitik, sondern aktivieren und motivieren die Beschäftigten, selbst für ihre Rechte einzutreten", betont Sahin. Die Arbeitsgruppe Krefeld sei außer der in Düsseldorf die einzige im Bezirksverband, zu dem die Kreise Neuss, Viersen und Mettmann sowie die Städte Mönchengladbach, Wuppertal, Düsseldorf und Krefeld zählten. "Ich bin ein Klassenkämpfer", sagt der 33-Jährige über sich.

Privat engagiert er sich deshalb im Krefelder Solidaritätshaus am Bleichpfad und in der Föderation Demokratischer Arbeitervereine DIDF. Mahir Sahin gehört keiner Partei an.

Quelle: RP
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