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Krefeld
Krefelder spürt vergessene Architektur-Schätze auf

Krefeld: Krefelder spürt vergessene Architektur-Schätze auf
Theater und Kino - hier amüsierten sich Gäste und Patienten einer psychiatrischen Klinik in Italien. FOTO: Sven Fennema
Krefeld. Sven Fennema ist Zauberer und Spürnase: Er macht Dinge sichtbar, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben. Und das gleich in zweierlei Hinsicht. Er fotografiert Architektur, die fast niemandem zugänglich ist, vor allem in seinem Lieblingsland Italien, und er vereint mit Hilfe digitaler Möglichkeiten unterschiedlichste Lichtverhältnisse auf ein Foto. Die Zahl der Fans seiner künstlerischen Bilder wächst stetig. Von Norbert Stirken

Entdecker, Liebhaber, Experte und Ästhet - der 34-jährige Krefelder Sven Fennema ist ein Multi-Begabter. Er holt Vergessenes zurück in die Gegenwart, kitzelt die Schönheit des Verfalls heraus, und begegnet den Menschen und Motiven in den Regionen Südeuropas mit großem Respekt bei der Suche nach verborgenen Schlössern, vom Rost zerfressene Industrieanlagen, aufgegebenen Grabstätten, prachtvollen Villen, plüschigen Kinosälen und Gänsehaut erzeugenden Irrenanstalten.

Fennema hat in kurzer Zeit Karriere als Fotograf gemacht. Die erste Auflage seines Bildbands "Nostalgia" vom Verlag Frederking & Thaler war schnell ausverkauft. Derzeit steht die zweite Auflage in den Regalen der Buchhandlungen. Die Galerie Lumas, die weltweit in mehr als 40 Vertretungen Editionen anbietet, vertreibt die vergrößerte Fotokunst des gebürtigen Xanteners in größeren Auflagen. Auf fünf oder zehn Exemplare sind die Originale im Format 150 x 100 oder 90 x 60 limitiert, die der Fotokünstler selbst veräußert.

Die Natur erobert sich das herrschaftliche Anwesen eines landwirtschaftlichen Betriebs in Italien zurück. FOTO: Sven Fennema

Fennema, der mit schwangerer Frau seit wenigen Wochen in Schicksbaum wohnt, verbringt viel Zeit in Archiven, vor Satellitenkarten und auf Reisen, um außergewöhnliche Locations zu finden. Die Suche nach passenden Motiven ist aufwendig, aber erfolgreich und vor allem ebenso bedeutend wie das Fotografieren selbst. Immobilienanzeigen im Internet und vor allem der Kontakt zu den Einheimischen sind sehr hilfreich. "Es gibt sehr, sehr schöne Anekdoten, märchenhaft wie aus einem Film", erzählt er. Nachdem er eine gebeugte Frau in Schwarz angesprochen hatte, um sich über eine hinter Grün versteckte Hausfassade zu erkundigen, holte die ihr Handy aus der Kittelschürze und tätigte einen Anruf. Wenig später sei ein alter Mann mit langem Vollbart auf einem klapprigen Fahrrad aus dem nahen Nachbarort gekommen, um mit einem riesigen Schlüssel eine Tür aufzuschließen und ihm einen Blick in ein Haus zu gewähren, in dem Jahrzehnte niemand mehr habe eintreten wollen, erzählt der 34-jährige Autodidakt. Hat Fennema erst ein Gebäude gefunden, lässt er sich vor Ort viel Zeit, um den Raum und die Ruhe auf sich wirken zu lassen. Im Kopf entstehen dann sehr konkrete Vorstellungen von der Umsetzung und Gestaltung seiner Arbeiten. Um die oftmals geheimnisvolle Lichtstimmung zu kreieren, die seine Werke prägt, nimmt er das Motiv mit Hilfe eines festen Stativs mehrfach auf. Dabei verändert er allein die Belichtung. Die Einzelbilder führt er anschließend digital zusammen. "Dunkle Wände und gleißendes Sonnenlicht lassen sich mit einem Schnappschuss nicht auf einer Fotografie vereinen", sagt er.

Fennema beschäftigt sich erst wenige Jahre mit der Fotografie. Der Spezialist für Informatik bei der US-amerikanischen Firma mit Sitz in Düsseldorf hat 2007 seine erste Digitalkamera erworben. Die Faszination fürs Fotografieren war vom ersten Tage an da - und wuchs. Die Profession weicht der Obsession, aber nicht radikal. Die Verantwortung für Frau und demnächst auch Baby lässt ihn einen gewissenhaften Kurs einschlagen. Seit 2010 fährt er zweigleisig, hat sich mit der Unternehmung Living Pictures selbstständig gemacht. Inzwischen übt er seinen Broterwerb nur noch in Teilzeit aus.

FOTO: Lammertz Thomas

Fennema schafft es, den Zauber verlassener Orte zu zeigen. "Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können." Mit diesem Zitat von Jean Paul überschreibt Sven Fennema selbst seine neue Werkreihe "Habitat". Und tatsächlich hätte sich vermutlich vor Jahrzehnten kein Mensch erträumen lassen, dass solch eindrucksvolle Bauwerke, die der Fotograf ausfindig gemacht hat, sich selbst überlassen werden könnten. Was bleibt, sind Erinnerungen an glanzvolle Zeiten, an erlebte Historie, an wohlhabende Bewohner und zahlreiche Gäste.

Die Schönheit der pompösen Architektur ist noch immer ungebrochen: Das beweisen Sven Fennemas stimmungsvolle Fotografien. Diese feudalen Orte sind zu Mysterien geworden, die es zu entdecken lohnt. Er nähert sich den einst prachtvollen Räumen so sensibel, dass man tatsächlich hofft, diese Kulturdenkmäler mögen niemals ihrem Dornröschenschlaf entrissen werden.

Verfall und Grün erzeugen ein malerisches Bild von einer Wand in einem unbewohnten italienischen Haus. FOTO: Sven Fennema

Und damit unterscheidet sich Fennema von vielen Kollegen, die "Lost Places" zum Mainstream gemacht haben. Fremde Grundstücke ohne Einverständnis der Eigentümer betreten und Motive ohne Rücksicht auf Verluste arrangieren. In diese Schublade wolle er nicht gesteckt werden, bat Fennema.

Er geht mit großem Respekt und einer Portion Demut in die verfallenen Häuser, ist sich der Gefahr bewusst. Ein plötzlicher Sturz aus großer Höhe durch eine marode Zwischendecke, ein herunterfallender Balken oder ein einfaches Stolpern über wuchernde Schlinggewächse - die Gefahr lauert an vielen Stellen. "Ich gehe aber kein Risiko ein."

Die Begeisterung für die Prachtbauten vergangener Zeiten sei bei ihm schon in der Kindheit und Jugend entstanden. Seine Eltern lebten im Ruhrgebiet in Essen, und dort habe er einen starken Eindruck von der imposanten Industriearchitektur und ihrer Vergänglichkeit erhalten.

Interesse rufen bei dem weit gereisten Entdecker historischer Immobilien auch zwei denkmalgeschützte Gebäude gleich vor der eigenen Haustür in der Heimatstadt Krefeld hervor. Die alte Kläranlage in Uerdingen am Rundweg machte ihn mit ihren Elementen des Jugendstils neugierig. "Ich war schon darin", sagt er. Ins alte Stadtbad an der Neusser Straße würde er gerne einmal hinein dürfen, um seine Ausrüstung auszupacken und die vielen spannenden Details fotografisch in ein künstlerisches Licht zu setzen. "Das dauert manchmal Stunden, bis der Lichteinfall so ist, wie ich ihn mir wünsche", sagt er. Und wenn er Pech habe, setze sich genau in dem Moment eine Wolke vor die Sonne. Die Belichtungszeit kann schon einmal 15 Minuten betragen. "Da darf für wenige Sekunden ein Vogel durchs Bild fliegen, ohne dass er auf dem Bild zu sehen ist", sagt Fennema.

Am Mittwoch, 15. Juni, widmet die Galerie Lumas den außergewöhnlichen Arbeiten des Krefelders eine Veranstaltung in Dortmund. Im Gespräch mit Julia Scheike-Kemmann, Galerieleitung Lumas Dortmund, berichtet Sven Fennema von aufwendigen Recherchearbeiten, seinen Reiseerlebnissen in Norditalien und den Geschichten hinter den fotografierten Orten.

Vernissage: Sven Fennema, Lumas Galerie, Schwarze-Brüder-Straße 1, Dortmund, 15. Juni, 19 Uhr

Quelle: RP
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