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Krefeld
Krefelder Studie sorgt international für Furore

Krefeld: Krefelder Studie sorgt international für Furore
Ein Beispiel von vielen: Bombus distinguendus, die Deichhummel, ist in unserer Region ausgestorben. Das große Exemplar in der Mitte ist eine Königin. Diese Art braucht offene Kulturlandschaften. Das Foto zeigt einen der Kästen aus der Sammlung des Entomologischen Vereins. FOTO: T.l.
Krefeld. Die Untersuchungen zum unheimlichen Insektenschwund in der Landschaft rufen international Wissenschaftler auf den Plan. Von Jens Voss

Forschungsergebnisse des Krefelder Entomologischen Vereins, wonach ein dramatischer Insektenschwund auch in Krefelder Naturschutzgebieten zu verzeichnen ist, sorgen bundesweit für Furore und stoßen international auf das Interesse von Wissenschaftlern. Vertreter des Entomologischen Vereins berichten jetzt von zahlreichen überregionalen Anfragen. "Offensichtlich sind wir die einzigen, die in dieser Größenordnung über Jahrzehnte mit standardisierter Methode auch Biomassen ermittelt haben und jetzt Anfragen aus aller Welt bekommen. Wir möchten betonen, dass diese Daten nicht nur aus Krefeld, sondern aus dem Rheinland und anderen Bundesländern stammen", sagt dazu Andreas Müller, Vorsitzender des Vereins.

Auslöser für das Interesse ist wohl eine Sitzung des Umweltausschusses im Bundestag zur "Lage der Insekten in Deutschland" mit Experten-Vorträgen. Die Sitzung war auf Initiative des Bundesverbandes des Naturschutzbundes (Nabu) zustande gekommen.

Eine Malaise-Falle zum Fangen von Insekten in der Nähe des Flöthbachs, aufgestellt vom Entomologischen Verein; benannt nach René Edmond Malaise (1892 - 1978). FOTO: Sorg

Der Bundesverband hatte in Berlin auf die bedrohlichen Entwicklungen mit unbekannten Folgen hingewiesen. Der Nabu-Landesvorsitzende aus NRW, Josef Tumbrinck, stellte in der Ausschusssitzung Beispiele der Untersuchungsergebnisse der Krefelder vor und sprach von beängstigenden Beobachtungen. Ohne Fluginsekten gerate die gesamte Nahrungskette in Gefahr, Blumen und Bäume würden nicht mehr bestäubt und Vögeln und Fledermäusen fehle die Nahrung (unsere Redaktion hat mehrfach über Details der Forschungsergebnisse berichtet).

Ehrenamtliche des Entomologischen Vereins hatten seit 1987 an zahlreichen Standorten in NRW und auch anderen Bundesländern fliegende Insekten gesammelt und gewogen. Wahrend sie vor dem Jahr 2000 noch oft mehr als ein Kilogramm pro Jahr mit den Untersuchungsfallen sammelten, sind es heute oft nur noch dreihundert Gramm.

Bewahren beim Krefelder Entomologischen Verein ein kostbares Erbe (v.l.): Vorstandsmitglied Martin Sorg, der Ehrenvorsitzende Heinz Schwan und der amtierende Vorsitzende Andreas Müller. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Seit 110 Jahren studiert der Verein die Insektenwelt in Krefeld, anderen Orten im Rheinland und auf der Welt. Der Befund: In den letzten Jahrzehnten sind nicht nur viele heimische Insektenarten ausgestorben, es gab auch einen Rückgang bei der Masse, der Biomasse von eigentlich häufigen Insektenarten. In den Insektenfallen der Krefelder Entomologen betrug dieser Ruckgang oft 70, an anderen gar 80 Prozent. "Die Zahlen sind erschreckend und alarmierend, zumal der Verein seine Untersuchungen zumeist nur in ausgewiesenen Naturschutzgebieten durchführt", sagt Müller. "In der Zeit vor 1960 gab es in Krefeld beispielsweise noch 63 verschiedene Tagfalterarten, also Schmetterlinge. Heute sind es noch 30 Arten, ein Rückgang von mehr als der Hälfte der Arten." Auch bei allen Hautflüglern, wie Bienen und Hummeln, bei Fliegen, Käfern und anderen Insekten sei dieser Rückgang deutlich nachweisbar. "Es ist nicht die Honigbiene, sondern die Vielfalt Hunderter Arten von Insekten, die für die Blütenbestäubung unverzichtbar sind", erklärt Heinz Schwan, Ehrenvorsitzender des Vereins. In den Sammlungen und dem Archiv des Vereins stecken die Belegexemplare vieler Arten, die heute ausgestorben sind. Der Verlust in der Artenvielfalt am Niederrhein lasse sich damit wissenschaftlich belegen, erklärt Vorstandsmitglied Werner Stenmans. Der Verein führt seine Untersuchungen mit vielen Methoden durch, darunter Malaise-Fallen, benannt nach dem schwedischen Forscher Réne Malaise. "Ihm war es 1934 auf Forschungsreisen in Burma (heute Myanmar) zu warm, den Insekten mit dem Netz hinterherzulaufen", berichtet Müller. Eine Näherei in Rangoon in Myanmar produzierte 1934 den Prototyp. Heute ist es eine Näherei in Uerdingen, die nach dem Schnittmuster des Entomologischen Vereins immer die gleichen Fallen schneidert.

Diese Fallen fangen, in Gramm gerechnet, heute im Jahresdurchschnitt pro Tag etwa die halbe Insekten-Mahlzeit einer einzigen Blaumeise oder Spitzmaus. Trotz der verschwindend geringen Entnahme aus dem Naturhaushalt pro Fallenstandort liefert die Methode ausreichende Zahlen über Biomasse, Arten und Exemplare, um festzustellen, wie sich die Insektenwelt über die Jahre verändert. Das Bild des Insektenkundlers hat sich so in der Vereinsgeschichte stark verändert. Von dem mit dem Netz herumlaufenden Krefelder Entomologen vor einhundert Jahren hin zu den Fallentechnikern, die sich Gedanken machen über Netzwerkfunktionen blütenbestäubender Insekten, Ähnlichkeitskoeffizienten vergleichender Artenspektren und die Statistik wissenschaftlich fundierter Auswertungsmethoden. "Mit dieser und anderen Methoden können wir heute exakt qualitativ und quantitativ bewerten, wie sich die Natur an den Untersuchungsstandorten verändert", erklärt Heinz Schwan.

Die Sitzung des Umweltausschusses ist abrufbar unter www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2016/kw02-pa-umweltausschuss/399986

Quelle: RP
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