| 00.00 Uhr

Krefeld
Krefelder Tafel: Es begann vor 20 Jahren auf der Herbertzstraße

Krefeld. Auch wenn man sie zu kennen glaubt: Die Fakten sind immer wieder beklemmend. In einer kleinen Ausstellung in der Sparkasse am Ostwall wird die Geschichte der Krefelder Tafel erzählt. Von Jens Voss

Es sind die Zahlen, die einen sofort gefangen nehmen. In Deutschland werden pro Jahr 20 Millionen Tonnen Lebensmittel vernichtet; jeder von uns wirft pro Jahr 81 Kilogramm Lebensmittel weg. 12,5 Millionen Menschen in Deutschland gelten statistisch als arm oder an der Schwelle zur Armut lebend, 530.000 Rentner brauchen Sozialhilfe, jedes sechste Kind lebt von Hartz IV, in Krefeld sogar jedes vierte.

Nichts liegt tatsächlich näher, das Essen, das in einer Wohlstandsgesellschaft auf dem Müll zu landen droht, an die zu geben, die es brauchen. Das ist die einfache Idee der Tafel-Bewegung, die 1993 von Frauen in Berlin ins Leben gerufen und 1996 auch in Krefeld gegründet wurde - vor 20 Jahren. Eine Ausstellung in der Sparkasse am Ostwall erinnert an die Geschichte dieser Idee.

In Krefeld begann es mit einem Lieferwagen, der auf der Herbertzstraße Station machte - jener Straße, die mit ihren Obdachlosenwohnungen Inbegriff war für Armut in Krefeld. Das Foto dazu zeigt einen kleinen Lkw, umringt von Menschen, viele unterwegs mit Tüten, wohl auch um wegzuschaffen, was ihnen an Nahrung geschenkt wird. Diese Geste hat bis heute nichts von ihrer elementaren Wucht verloren: nicht das abstrakte Tauschmittel Geld, sondern reales Essen zum Leben zu geben. Die Gefühle, die damit verbunden sind, sind anders, stärker, fühlbarer als Zahlen, und seien sie noch so beeindruckend. So gibt unser Staat 41 Prozent seiner Einnahmen für Soziales aus - eine erhebliche strukturelle Anstrengung, die manche steile These von angeblicher sozialer Kälte im Land Lügen straft. Dennoch: Wärme geht nicht von solchen Proportionen aus, Wärme geht von der Geschichte aus, dass Menschen essen einsammeln und es an andere verteilen, die es benötigen. Wir brauchen am Ende beides: Die strukturelle Etat-Anstrengung eines Fürsorgestaates, der in Deutschland manchen Unkenrufen zum Trotz sehr fürsorglich ist - und Geschichten von tätiger Nächstenliebe, die das Gefühl wachhalten, dass am Ende jeder Statistik immer Menschen auf Menschen treffen.

Eine solche warme Heldengeschichte ist die der Krefelder Tafel. Heute gibt es bundesweit 920 Tafeln im Bundesverband Tafeln. In Krefeld arbeiten rund 140 Ehrenamtliche, die täglich in fünf Fahrzeugen 2,5 Tonnen Lebensmittel sammeln, um sie an sechs Ausgabestellen pro Woche an 4000 Bedürftige zu verteilen. Bei der Mittagstafel im Pfarrheim Herz Jesu werden 400 Bedürftige pro Woche mit einem warmen Mittagsessen versorgt. Seit 2007 gibt es in Krefeld auch die Kindertafel; seit 2010 werden an 22 Grund- und Förderschulen bedürftige Kinder mit Milch und Kakao versorgt. Bedürftige Kinder - es mag einem auch der Gedanke kommen, dass die Bedürftigkeit vieler Kinder durch die Unfähigkeit mancher Eltern, mit ihrem Geld ordentlich zu wirtschaften, noch verschärft wird. Aber was hilft's? Ein Kind ohne Milch ist ein Kind ohne Milch. Der Geist der Tafel antwortet darauf: Geben wir dem Kind Milch, bestrafen wir es nicht für seine Eltern.

Knapp geht es mit Sicherheit bei allen zu, die bei der Tafel zu essen und zu trinken bekommen: Jeder muss seine Bedürftigkeit nachweisen. So kommt das Essen sicher bei den Richtigen an.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Krefeld: Krefelder Tafel: Es begann vor 20 Jahren auf der Herbertzstraße


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.