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Interview
Krefelderin erklärt ihren Fußmarsch nach Berlin

Krefelderin läuft für Kinderrecht 500 Kilometer nach Berlin
Unter dem Motto "The voice of children" (Die Stimme der Kinder) marschiert Sabrina Tophofen von Krefeld nach Berlin. Ihr Ziel ist es, auf den 580 Kilometern Fußweg in die Hauptstadt 580.000 Luftballons an Straßen und Wegen zu hinterlassen - das Foto zeigt Luftballons am Ostwall. 10.000 Luftballons sind für die Aktion bereits gespendet worden. FOTO: vo
Krefeld. Sabrina Tophofen wurde als Kind sexuell missbraucht, zeigte mit zehn Jahren ihren Vater an, floh von zu Hause und lebte als Obdachlose in Köln auf der Domplatte. Heute ist die 36-Jährige verheiratet, Mutter von fünf Kindern und wohnt in Krefeld. Vor einer Woche startete sie einen Fußmarsch nach Berlin. Von Jens Voss

Unterwegs möchte sie Luftballons hinterlassen - als Zeichen gegen Kindesmissbrauch und um Kindern und Jugendlichen Mut zu machen, sich gegen Missbrauch zu wehren. Wir sprachen mit ihr über ihre Motive und ihr Leben.

Sie haben 2010 und 2014 Bücher über ihr Schicksal veröffentlicht. Wie kamen Sie jetzt auf die Idee zu dem Luftballon-Fußmarsch von Krefeld nach Berlin?

Sabrina Tophofen hat zwei Bücher über ihr Schicksal geschrieben: In "So lange bin ich vogelfrei: Mein Leben als Straßenkind" (Arena Verlag, 2010) beschrieb sie ihre Zeit als Obdachlose. Dieses Buch machte sie bekannt; bei Youtube sind einige TV-Interviewausschnitte dokumentiert. In ihrem zweiten Buch - "Lebenslänglich: "Psst ... wenn nachts der Papa kommt" (BVK Buch Verlag Kempen, 2014) - beschreibt sie den Missbrauch. FOTO: Tophofen

Tophofen Die Idee hatte ich Anfang Mai. Ich war Hauptrednerin bei einer Veranstaltung zum Thema Kindesmissbrauch. Als ich nach Hause kam, sagte ich zu meinem Mann: Ich muss irgendetwas tun, ein Zeichen setzen. Und da kamen mir Luftballons in den Sinn.

Die Öffentlichkeit ist auf Sie aufmerksam geworden, weil sie als Kind auf der Straße gelebt haben. Wie wurde man auf Sie aufmerksam?

Tophofen Der Arena-Verlag suchte jemanden, der auf der Straße gelebt hat; der Verlag wollte ein Buch über dieses Schicksal für Schulen herausgeben. Dann kam der Kölner Express auf mich zu und führte ein Interview mit mir. Danach gab es dann sehr viele Anfragen aus den Medien, bis heute.

Sie sind also weiter aktiv.

Tophofen Ja, Hauptthemen sind Straßenkinder und sexueller Missbrauch, aber auch Menschenrechte im Allgemeinen und der Umgang mit Flüchtlingen.

Sie haben berichtet, Sie hätten Ihren Vater mit zehn Jahren angezeigt. Wie muss man sich das vorstellen: Sind Sie als kleines Mädchen zur Polizei gegangen?

Tophofen Ja. Das war eine dramatische Situation. Meine Mutter hatte meinen Vater überrascht, als er sich an mir verging. Sie war außer sich und hat auf mich eingeprügelt, weil sie mir die Schuld gegeben hat, bis mein Vater eingeschritten ist und gesagt hat: Die bringst sie ja um. Dann ging sie wieder, und ich bin wenig später weggelaufen. Meine Großmutter hat mich später gefunden; auch sie hat mich zunächst verprügelt, weil ich ja weggelaufen war. Dann habe ich ihr erzählt, warum. Da hat sie mir gesagt: Wenn das stimmt, musst du zur Polizei gehen.

Und sie hat Sie nicht begleitet?

Tophofen Nein; ich habe sie gebeten mitzugehen, aber sie hat gesagt, nein, ich sei ein großes Mädchen und müsse da alleine hin. Sie sagte noch: Geh deinen Weg, mach was aus deinem Leben und komm bloß nicht wieder.

Und wie haben die Polizisten reagiert?

Tophofen Ich muss sagen: Die Polizei war großartig. Die haben mir sofort geglaubt und haben sich rührend und liebevoll um mich gekümmert. Aus meiner Sicht war das Verhalten des Jugendamts ein Skandal. Die Dame, die in unserer Familie täglich ein und ausging und mich dann ins Kinderheim gebrachthat, hat gezweifelt und gesagt: "Stimmt das wirklich? Du weißt schon, was das für Konsequenzen hat."

Ihre Familie wurde vom Jugendamt betreut?

Tophofen Ja. Meine beiden älteren Schwestern wurden auch von meinem Vater missbraucht.

Was? Und dann hat man Sie in der Familie gelassen?

Tophofen Ja. Auch sie haben meinen Vater angezeigt. Aber man hat meinen Schwestern nicht geglaubt; sie wurden als notorische Lügnerinnen dargestellt.

Können Sie sich erklären, warum man Ihren Schwestern nicht glaubte?

Tophofen Ich glaube, das lag an der Zeit. Dieser Missbrauch ist Anfang der 70er Jahre passiert; da stand das Thema noch nicht so im Fokus wie heute.

Sie sind dann rasch aus dem Kinderheim geflohen. Warum?

Tophofen Das war ein Heim für Mädchen; ich war eine Sinti; vielleicht lag es auch daran, dass ich die Neue war. Jedenfalls haben die anderen Mädchen mir das Leben zur Hölle gemacht, mich gequält. Ich hab es nicht mehr ausgehalten und bin weggelaufen.

Und dann haben Sie als zehnjähriges Kind auf der Kölner Domplatte gelebt. Wie ging das?

Tophofen Ich will das auf keinen Fall verherrlichen, aber es ging deshalb, weil die Älteren sich um mich als die Jüngste gekümmert haben. Sie gaben mir zu essen und achteten zum Beispiel darauf, dass ich nicht in die Prostitution abdriftete. Einer sagte zu mir: "Sehe ich dich am Eigelstein in Köln, dann hast du ein Problem." Eigelstein war der Kölner Straßenstrich, wo junge Mädchen anschaffen gingen.

Sind Sie mit Drogen in Berührung gekommen?

Tophofen Ich habe LSD und Speed genommen; man fühlte sich stark und unverwundbar. Gott sei Dank bin ich nie an Heroin geraten. Ich war immer viel zu entsetzt über die heroinabhängigen Prostituierten. Das waren körperliche und psychische Wracks.

Sie haben sechs Jahre auf der Domplatte gelebt. Wie kam die Wende?

Tophofen Ich habe von der Obdachlosen-Organisation Treberhilfe e.V. meine erste eigene Wohnung bekommen. Die hab ich aber wieder verloren, weil ich immer meinen Freundeskreis von der Domplatte bei mir hab schlafen lassen. Später hatte ich dann meinen ersten Freund. Mit ihm habe ich auch zusammengelebt und zwei Kinder gehabt. Die Beziehung hielt sechs Jahre. Eigentlich war es eine Katastrophe. Er hat mich geschlagen, gedemütigt, ich war wieder die ganz Kleine.

Wieso sind Sie geblieben?

Tophofen Heute glaube ich: Weil ich es aus meiner Kindheit nicht anders kannte; ich dachte, es sei normal, geschlagen und gedemütigt zu werden und dass ich selber schuld bin, dass das so passiert. Dann habe ich meinen Mann kennengelernt, und alles änderte sich. Er sagte Dinge wie: "Niemand hat das Recht, dir wehzutun; es gibt keinen Grund, dir oder überhaupt einem Menschen wehzutun." Das waren Worte, die ich gar nicht kannte. Drei Jahre später haben wir geheiratet.

Sie sind jahrelang nicht zur Schule gegangen. Konnten Sie überhaupt lesen und schreiben?

Tophofen Ja, ich konnte ein bisschen lesen, schreiben und rechnen. Ich bin als Kind von zu Hause weglaufen, um zur Schule gehen zu können. Meiner Mutter war es egal, ob ich zur Schule gehe. Danach bin ich erstmals wieder mit 22 Jahren normal zur Schule gegangen. Das war etwas Großes für mich. Ich glaube, ich war voll die Streberin (lacht) und habe gute Noten gehabt und den Realschulabschluss und die Fachoberschlulreife gemacht. Danach habe ich Ausbildungen zur Zahntechnikerin und zur Gesundheitspflegerin gemacht.

Kann man nach solchen Erlebnissen noch eine erfüllte Beziehung haben?

Tophofen Es geht. Ich lebe heute aus dem Bewusstsein heraus: Mein Körper ist meine Angelegenheit, ich entscheide, was damit passiert. Ich habe einen Weg gefunden zu sagen: Das, was mir als Kind zu Hause passiert ist, das waren mein Vater und meine Familie, die mir das angetan haben.

Quelle: RP
 
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