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Krefeld
Krefelds Botschafterin für China

Krefeld: Krefelds Botschafterin für China
Traute Nieter ist "zwischen 50 und 100 Jahren" alt. Sie hat die Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft 30 Jahre lang geleitet. FOTO: Strücken
Krefeld. 57 Mal war Traute Nieter schon im bevölkerungsreichsten Staat der Erde. Sie hat ein Stück chinesischer Kultur mitgebracht. Von Henning Rasche

Ganz unvermittelt steht sie da. Hält zwei Paar Stäbchen in der Hand, lacht, und sagt: "Essen Sie gern chinesisch? Dann schenke ich Ihnen die hier." Eigentlich wartet sie die Antwort auf ihre Frage gar nicht ab, sie entscheidet das einfach. Sie lächelt, lacht, freut sich. Dann ist sie verschwunden. Und eigentlich sollte man diesen Raum auch gar nicht sehen. "Zu chaotisch" sei ihr Büro. Deswegen wühlt sie schnell darin herum, weil sie ihre Verdienstmedaille sucht, findet die zwei Paar Stäbchen und zieht die Tür ganz schnell wieder hinter sich zu. Ein Blick, nur ein ganz kurzer Blick in ihr Büro, ihre Schaltzentrale, ist möglich.

Traute Nieter hat eine große schwarze DIN A3-Mappe auf den Tisch gelegt, neben Schachbrettkeksen und einer weißen Kaffeekanne aus Porzellan. In der Mappe sind zwölf Klarsichttaschen, in die ihr Mann, Hans-Ulrich Nieter, sehr sorgfältig sämtliche Zeitungsartikel über seine Frau einsortiert hat. Die Mappe darf der Gast genauso mitnehmen wie die Essstäbchen. Aber er muss unterschreiben, dass er sie wieder zurückbringt. Alles hat seine Ordnung, aber das ist doch klar.

Wenn man Traute Nieter nach ihrem Alter fragt, dann wird sie nebulös. Sie macht ein Geheimnis daraus und auch einen Scherz: "Zwischen 50 und 100". Da bleibt genügend Raum für Wünsche. Im vergangenen November hat Traute Nieter nicht mehr für den Vorsitz der Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft (GDCF) Krefeld kandidiert. Nach 30 Jahren wurde es Zeit, die Dinge in andere Hände zu übergeben, findet sie. "Irgendwann muss man ja mal aufhören", sagt sie. Gesundheitlich sei sie in Ordnung - "und der Kopf auch". Aber irgendwann muss auch mal gut sein, wenn man so zwischen 50 und 100 Jahre alt ist.

Derzeit sind 20 Schüler und Lehrer aus Hangzhou in Krefeld und erkunden den Niederrhein. Seit 1992 besteht die Partnerschaft mit Gymnasien der Stadt, und sie wurde, natürlich, von Traute Nieter und der Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft entwickelt. 20 Chinesen lernen Deutschland kennen, und im Austausch dafür lernen heute 20 Deutsche China kennen. Die Partnerschaften sind, genau wie der Chinesischunterricht in manchen Gymnasien, Ergebnis der Arbeit der GDCF.

Traute Nieter hat drei Kinder, vier Enkelkinder, ist mit Hans-Ulrich Nieter, dem Gründer der Zeitschrift "Eltern" verheiratet, hat Politikwissenschaft und Religionspädagogik studiert, ist Lektorin und geprüfte Hauswirtschaftsmeisterin, hat den VHS-Arbeitskreis Frauen über 40 geleitet, ist Trägerin des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und natürlich auch Inhaberin des Silbernen Reiter- und des Silbernen Skiabzeichens. Und sie war bisher 57 Mal in ihrem Leben in China. Viel mehr geht eigentlich gar nicht.

Doch warum überhaupt China? Und nicht etwa Russland oder Japan oder Frankreich? Traute Nieter ist fasziniert von China. "Die Andersartigkeit der Kultur", beeindruckt sie. "Vor allem, wenn man auf dem Land ist, und China ist ja größtenteils Land", sagt sie. Vor einem Jahr ist sie einem jungen Chinesen begegnet, der mit seinem Smartphone die Straße überquert hat. Warum er das tue, wollte Nieter von ihm wissen. "Go west is the best", hatte er gesagt, und sie war berührt.

Wenn Traute Nieter überlegt, was Deutsche von Chinesen lernen können, dann sagt sie zu allererst: Fleiß. Sie hat festgestellt, so überlegt sie, dass sich die Arbeitsmoral in Deutschland verändert habe. "Viele gehen montags zur Arbeit und fangen am Dienstag an zu arbeiten", sagt sie, "und hören Donnerstag wieder auf." Das sei in China anders. Und sie bezweifelt, dass sich Deutschland das leisten könne.

2008 hat Traute Nieter das Bundesverdienstkreuz, den Verdienstorden, bekommen. Zu der Feier war auch der damalige chinesische Botschafter Wu Hongbo gekommen. Und der frühere Oberbürgermeister Georg Kathstede hatte Krefeld bei seiner Rede zur "wahrscheinlich chinesischsten Stadt Deutschlands" erklärt. "Das möchte ich nicht behaupten", sagt Traute Nieter heute dazu. Und lacht wieder.

Ihr absoluter Lieblingsort in China ist Peking. Dort ist alles, was sie anspricht, was sie mag und gut findet. Vor vielen Jahren hatte sie damit begonnen, wissenschaftliche Reiseleitungen in China zu übernehmen. Das Land hat sie dann nie wieder losgelassen. Es war der Ausgangspunkt für die Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft in Krefeld. Was sie erreichen wollte? "Die Menschen für eine andere Kultur zu begeistern", erzählt sie.

Auf der Internetseite der GDCF ist Traute Nieter immer noch als Vorsitzende angegeben. Ihre Nachfolgerin ist Professorin Marie-Louise Klotz - eine "gebildete Frau", wie Traute Nieter sagt. Chinaerfahren sei sie auch. Sie wird sich jetzt darum kümmern, Krefeld für China zu begeistern. Und vielleicht doch noch zur chinesischsten Stadt Deutschlands zu machen.

Quelle: RP
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