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Abrissarbeiten im Hafen
Krefelds höchster Arbeitsplatz - wie ein Schornstein verschwindet

Abrissarbeiten im Hafen: Krefelds höchster Arbeitsplatz - wie ein Schornstein verschwindet
Dominic Jakobi (links) und Baggerführer Philipp Müller, der mit seiner Fernsteuerung den Spezialbagger noch auf dem Schornstein lenkt. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Die Spezialisten Dominic Jakobi und Philipp Müller arbeiten in 120 Meter Höhe auf dem Schornstein des Stärkeproduzenten im Krefelder Hafen - ihr Rekord liegt bei 300 Metern auf einem Kamin in Warschau. Von Norbert Stirken

Der Bagger mit seinen fünf hydraulischen Beinen sitzt über der Öffnung des Schornsteins im Krefelder Hafen und knabbert Meter für Meter die Umrandung aus Stahlbeton weg, auf der er steht. Ein Teil nach dem anderen verschwindet im Innern des Riesenkamins. Der Stärkeproduzent Cargill benötigt den 120 Meter hohen Industrieschlot nicht mehr und hat die Spezialfirma Mende aus Niedersachsen damit beauftragt, ihn zurückzubauen. Dabei gehen Philipp Müller (29) und Dominic Jakobi (36) mit der Erfahrung aus vielen Berufsjahren systematisch vor.

 "Ob 120 oder 300 Meter, das spielt keine Rolle"

Der große Kamin auf dem Firmengelände von Cargill im Rheinhafen: Spezialisten bauen die Stahlbetonkonstruktion schrittweise zurück. FOTO: Michael Such

In Warschau haben die beiden mit ihren Kollegen einen 300 Meter hohen Schornstein aus der Stadtsilhouette verschwinden lassen. "Ob 120 oder 300 Meter, das spielt keine Rolle", sagt der Neu-Brandenburger Müller über den höchsten Arbeitsplatz Krefelds. Mit einer Fernbedienung steuert er von einer Brüstung aus den Spezialbagger.

Ein solcher Spezialbagger der Mende Schornsteinbau GmbH & Co KG aus Lastrup in Niedersachsen baut den Schornstein von Cargill zurück. FOTO: Prospekt Mende

Jakobi durchtrennt mit einem Schweißbrenner das Bewehrungseisen. Der Arm des Baggers drückt die quadratmetergroßen Stücke in den Schornstein hinein. Insgesamt rund 700 Tonnen. Der Bauschutt wird von den Mende-Mitarbeitern anschließend mit einem Radlader durch eine relativ kleine Öffnung herausgeholt und in Container verladen. Ein Spediteur hole die Container ab und entsorge das Material auf einer Mülldeponie, informierte Sascha Geckeler, Projektleiter für den Rückbau des Kamins bei Cargill.

Der Stärkeproduzent hat sich für den Rückbau entschieden, um Kosten zu sparen. Das mehr als 50 Jahre alte Bauwerk wird nicht mehr benötigt und verschlingt regelmäßig Ausgaben für Wartung und Renovierung. "Das ist letztlich auch eine Frage der Sicherheit für Beschäftigte und Besucher", erklärte Unternehmenssprecherin Beate Schierwagen. Ferner müsste für ein 120 Meter in den Abendhimmel ragendes Bauwerk auch die so genannte Flugbefeuerung fortgesetzt werden - das sind rot leuchtende Warnlampen für den Flugverkehr. Ein neun Meter hoher Rest wird allerdings stehenbleiben. Aus statischen Gründen, erklärt Geckeler. Der 1964 erbaute Schornstein ist gleichzeitig auch Stütze für einige Rohrbrücken.

Inzwischen ist der Schlot bereits um 50 Meter kleiner geworden. Von den restlichen 70 Metern sollen 61 weitere möglichst noch in diesem Jahr verschwinden. "Es gibt während der Arbeiten einen Sperrbezirk im Radius von 24 Metern um den Kamin", erzählt Geckeler. Deshalb könnten Durchfahrten und Lagerflächen nicht benutzt werden, störten insofern die Abläufe auf dem Werksgelände.

Müller und Jakobi tun, was sie können. Sie sind täglich gut zehn Stunden im Einsatz, oben auf der Plattform und unten auf der Erde. "Vieles hängt von der Witterung ab", betont der 29-jährige Baggerführer. Sturm und Regen verhinderten den Fortgang des Rückbaus. Nieselregen und leichter Wind wirft die Spezialisten jedoch nicht um. Gesichert an Laufleinen und Sicherheitsgurten trotzen sie Mutter Natur. "Ein hoher Schornstein pendelt übrigens bei Sturm nicht, er dreht sich", erzählt Müller und lobt die Aussicht auf den Rhein. Bei schönem Wetter könne er sogar Einzelheiten in Düsseldorf erkennen, berichtet der Hobby-Angler mit romantischer Ader. Früh morgens oberhalb des niederrheinischen Morgennebels in den klaren blauen Himmel schauen, das sei ein Erlebnis, schwärmt er.

Jacobi lenkt die Aufmerksamkeit auf die Besonderheit seines Berufs. Der Thüringer ist gelernter Schornsteinmaurer und musste einige medizinische Tests überstehen, ehe er seinem Broterwerb in luftiger Höhe nachgehen durfte. Neben allgemeiner Fitness sind spezielle Kenntnisse erforderlich, um der Tätigkeit nachgehen zu dürfen. "Wir mussten zum Beispiel ein Höhenrettungstraining absolvieren", berichtet der 36-Jährige - für den Fall, dass sich ein Kollege in schwindelerregender Höhe einen Fuß bricht oder sonstwie verunglückt.

Der Bagger und dessen fünf Beine sind mit einem Spezialaufzug im Innern des Industrieschlots an die Spitze gehievt und oben zusammengebaut worden. Das trifft auch für die außen hängende Brüstung zu, die mit Stahlseilen an den Baggerfüßen befestigt ist und sich mit dem Bagger nach unten hangelt. Weil der Durchmesser wächst, müssen mit sinkender Höhe zusätzlich Teile montiert werden. Manchmal transportiert auch ein Lastenhubschrauber den Bagger nach oben.

Quelle: RP
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