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Krefeld
Krefelds Kunst-Bibel

Krefeld: Krefelds Kunst-Bibel
788 Werke aus der Sammlung der Krefelder Kunstmuseen sind im Werkverzeichnis aufgeführt - mit farbigen Abbildungen. 140 Hauptwerke werden mit wissenschaftlichen Beiträgen vorgestellt. So wird der Wälzer zu einer Kunstgeschichte vor dem Hintergrund der eigenen Bestände. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Es ist ein ganz großer Wurf. Der erste Bestandskatalog der Kunstmuseen, der die Werke nach 1945 kom-plett auflistet und wissenschaftlich einordnet, ist jetzt erschienen. Er ist ab 2. Juli erhältlich. Von Petra Diederichs

560 Seiten dick, mehrere Kilo schwer, größer und dicker als "Die Sagen des klassischen Altertums": Einen Katalog von solchem Umfang hat es in der langen Geschichte der Krefelder Kunstmuseen noch nie gegeben. Vier Jahre Teamwork stecken in dem Wälzer "Das Abenteuer unserer Sammlung. Kunst nach 1945 aus den Kunstmuseen", der zur Wiedereröffnung des Kaiser-Wilhelm-Museums am 2. Juli herausgegeben wird. Es ist Krefelds Kunst-Bibel.

"Das war Knochenarbeit", sagt Museumsdirektor Martin Hentschel. Seit Paul Wember habe es immer mal wieder Sammlungsverzeichnisse gegeben, aber niemals eine Komplett-Auflistung der rund 14.000 Werke. Jetzt ist der Anfang gemacht. "Es ist die komplette Sammlung aus der Zeit nach 1945 - ausgenommen der Arbeiten auf Papier", sagt Hentschel. Die Fotografien aber sind miterfasst: 788 Werke insgesamt. Die Werke aus dem Spätmittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg bedeuten weitere Jahre Arbeit, die dann Hentschels Nachfolgerin Katia Baudin in Angriff nehmen muss.

"Weil jedes frühere Verzeichnis jeweils andere Erfassungsparameter hatte, mussten wir von vorn beginnen, um eine Einheitlichkeit zu gewährleisten", so der Museumschef. Das bedeutet, alle Werke, die verpackt ins Übergangsquartier nach Uerdingen gegangen waren, mussten ausgepackt, viele neu vermessen, fotografiert und untersucht werden. 23 Fremdautoren haben das Team um Hentschel dabei unterstützt. "Den Allround-Wissenschaftler gibt es schon lange nicht mehr. Wir haben ausgewiesene Experten gefunden. Das macht das Werk noch einmal reicher", berichtet Hentschel. Dabei seien auch eine Reihe von neuen Erkenntnissen eingeflossen. So mussten Dan Flavins vier blaue Leuchtstoffröhren, die Krefeld 1969 erworben hat, nach Gesprächen mit den Erben auf das Entstehungsjahr 1964 vordatiert werden. Und als Sylvia Martin die Autowrackteile von John Chamberlains Objekt "Dandy Dan-D" mit der Taschenlampe in allen Winkeln ausleuchtete, entdeckte sie erstmals ein verstecktes Emblem eines Morris Minor II. "Wir haben immer auch unser umfangreiches Schriftenarchiv mit Künstlerkorrespondenzen gesichtet", ergänzt Magdalena Holzhey.

Die Erforschung und wissenschaftliche Einordnung des Bestandes ist die ur-eigene Aufgabe von Museen. Und die Wissenschaftler sind mit Forscherfreude herangegangen. 140 Werke von 1950 bis 2014 haben sie ausgewählt, die sie für die besonderen Schätze der Sammlung markieren, ein bisschen subjektiv, aber wissenschaftlich begründbar. Diese werden exponiert erläutert und vorgestellt. So wird der Katalog zum erlesenen Kunstgeschichts-Lesebuch. Denn sie sind chronologisch aufgeführt. "Wir spiegeln quasi die Kunstgeschichte vor der eigenen Sammlung", sagt Martin.

So lässt sich im Buch nachlesen, dass das Museum in diesen entscheidenden Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg nur drei Direktoren hatte, aber deren Sammlungspolitik höchst verschieden war und sie so eine verhältnismäßig heterogene Sammlung zusammengetragen haben - im Gegensatz etwa zu Köln, wo ganze Konvolute von einem Künstler angekauft worden sind. Das ist in Krefeld die absolute Ausnahme: Etwa Joseph Beuys, von dem 1953 bereits der Brunnen und andere Frühwerke erstanden worden waren, und mehrere Arbeiten in den 1970er Jahren hinzukamen. Oder Gerhard Richter. 1966 kaufte Wember das Ölbild "Krankenschwestern", 1977 konnte Storck mit Unterstützung des Landes NRW das berühmte Großformat "1024 Farben" erwerben. Das frühe Ölbild, erzählt Hentschel, habe damals 300 D-Mark gekostet: "Heute ist es unbezahlbar. Unfassbar eigentlich, dass man damals nicht mehr gekauft hat." Seine Erklärung: "Das war die Ankaufspolitik." Denn ab 1968 kam das Ehepaar Lauffs ins Spiel, das seine Sammlung den Krefeldern als Dauerleihgabe ins Haus gab. "Wember hat meist mehrere Werke für diese Sammlung erworben und fürs Museum nur eines. Das ist immer auch eine Frage des Geldes."

Als Hentschel vor 15 Jahren die Leitung der Kunstmuseen übernahm, war der Ankaufsetat auf Null eingefroren - bis die Sammlung Lauffs abgezogen wurde und die Notwendigkeit, selber zu kaufen, 2008 drängte. "Ich habe damals gelernt: Geliehener Ruhm ist nicht gut. Als Konsequenz habe ich daraus gezogen, keine Dauerleihgaben von privat mehr anzunehmen."

Museumsarbeit ist ein Abenteuer. Daher trägt der Almanach seinen Namen, der sich vielfach auslegen lässt. "Es ist auch ein Abenteuer fürs den Leser, sich in den Dschungel der Sammlung zu begeben", findet Hentschel. Deshalb hat er für das Cover des prachtvoll designten Katalogs kein Kunstwerk genommen, sondern einen alten Comic des Schweizers Hansrudi Wäscher: "Nick, der Weltraumfahrer": Eine verwunschene Wildnis, von den Katalogdesignern des Wienand-Verlags noch einmal bearbeitet - und von Wäschers Witwe abgesegnet.

Die Entdeckerlust der Autoren ist in der prachtvollen Gestaltung gewürdigt. Die ausführlichen Betrachtungen der 140 Hauptwerke sind in einem farblich abgesetzten Teil auch in englischer Sprache enthalten. Es gibt einen kompletten Werkkatalog und ein Namensregister aller Künstler.

Quelle: RP
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