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Professor Wolfgang Dresen
Krefelds Umgang mit der NS-Vergangenheit

Professor Wolfgang Dresen: Krefelds Umgang mit der NS-Vergangenheit
FOTO: nos
Krefeld. Der Politikwissenschaftler Professor Wolfgang Dreßen hat an der Hochschule Düsseldorf die Arbeitsstelle Neonazismus geleitet. Der 75-Jährige ist in Krefeld aufgewachsen und engagiert sich sehr für seine Heimatstadt.

Professor Dr. Wolfgang Dreßen (75) hat an der Hochschule Düsseldorf Politikwissenschaften gelehrt und die Arbeitsstelle Neonazismus geleitet. Er ist in Düsseldorf geboren und in Krefeld aufgewachsen.

Seit wann beschäftigen Sie sich intensiv mit den Folgen der Aufarbeitung des Nationalsozialismus?

Dresen Erste politische Erfahrungen hatte ich in den 1950er Jahren als Schüler des Moltke-Gymnasiums. Da gab es ernsthafte Bestrebungen, das Gymnasium wieder wie in der Nazizeit in Schäfer-Voss-Schule umzubenennen. werner Voss und Emil Schäfer waren Jagdflieger im Ersten Weltkrieg. Die Umbenennung traf auf Widerstand, auch unter den Schülern. Sie konnte verhindert werden.

Zurück in die Aktualität. Die Umbenennung der Hans-Günther-Sohl-Straße in Düsseldorf hat Sie animiert, dieses Thema in Krefeld wieder aufzugreifen?

Dresen: Ja. Krefeld ist offenbar die einzige Kommune in ganz Deutschland, in der es noch eine Hans-Günther Sohl-Straße gibt. Er war 1933 in die NSDAP eingetreten, Vorstandsmitglied der Vereinigten Stahlwerke Thyssen und mit verantwortlich für den Einsatz von Zwangsarbeitern. Als Fraktionsgeschäftsführer der "Linken" in Krefeld habe ich in der Fraktionsvorsitzendenkonferenz vorgeschlagen, wenigstens eine Hinweisplakette anzubringen, die Auskunft über die nationalsozialistische Vergangenheit Sohls gibt.

Hatten Sie Erfolg mit Ihrem Vorschlag?

Dresen Nein. Oberbürgermeister Frank Meyer ( SPD ) hatte erklärt, dass der Rat eine hochkarätige Straßennamenkommission eingesetzt hatte, um, so Meyer, entsprechende Diskussionen in öffentlicher Ratssitzung zu vermeiden. Die Kommission hatte sich gegen die Umbenennung und gegen eine Plakette ausgesprochen. Meyer hielt es nicht für zielführend, wenn der Rat die Entscheidungen der Kommission nicht anerkennen würde.

Hat Sie die Antwort geärgert? Warum?

Dresen Warum sollen Auseinandersetzungen über die NS Vergangenheit nicht öffentlich geführt werden? Sie gehören in die Öffentlichkeit, besonders in einer Gegenwart, die wieder, vorsichtig gesagt, auch von Rechtstendenzen geprägt ist. Die "Linke" im Rat der Stadt Krefeld hat seit 2010 immer wieder darauf gedrängt, belastende Straßennamen zu ändern. Dann sind die Vorschläge der Kommission nicht in Stein gemeißelt. Erkenntnisse, die die Stadt Düsseldorf zur Umbenennung bewogen hat, sollten in Krefeld berücksichtigt werden.

Welche Straßen sind damals umbenannt worden?

Dresen Der Axel-Holst-Weg und der Carl-Diem-Weg wurden umbenannt. Am Axel-Holst-Weg am Egelsberg wohnte niemand. Holst war SS-Sturmführer, als Turnierreiter eine große Hoffnung für die Olympischen Spiele 1936. Carl Diem hielt noch kurz vor Kriegsende in Berlin fanatische Reden vor Jugendlichen und schickte sie damit in den für sie meist tödlichen "Endkampf".

Gab es weitere Beschlüsse der Kommission?

Dresen Einige Straßen erhielten Zusatztafeln. Es gibt in Krefeld Straßen mit den Namen "Freizeitanger", "Arbeitsfrieden", "Heimatplan" und "Feierabend". Es gibt sie seit Januar 1939. Auf dem Zusatzschild ist nun zu lesen, um was es dabei angeblich ging: "das Zusammengehörigkeitsgefühl der Berufstätigen zu verherrlichen". Das ist sehr ungenau. Es sind ideologische Bezeichnungen der NS Zwangsorganisation "Deutsche Arbeitsfront", die nach der Zerschlagung der Gewerkschaften keine Interessenvertretung der Arbeiter und Angestellten mehr zuließ. Vorgespiegelt wurde eine "Volksgemeinschaft", der sich alle "Berufstätigen" einzufügen hatten.

Gibt es weitere Zusatzschilder?

Dresen Ja. Bei den Straßen für den Heimatschriftsteller Otto Brues, den langjährigen Herausgeber der "Heimat" Karl Wilhelm Rembert und den Architekten Karl Buschhüter. Ihre "Verdienste" werden gewürdigt, die jeweiligen "antidemokratischen und rassistischen Schriften" würden aber, so der Text auf den Schildern, "von einer weltoffenen, liberalen und toleranten Bürgerschaft verurteilt". Diese Schilder sind Musterbeispiele für eine beliebte Ideologie der Verdrängung. Nur ein Beispiel: Im September 1938 bezieht Rembert in der Zeitschrift "Die Heimat" sein Heimatverständnis unmittelbar auf die NS Ideologie, um mit einem "Heil Hitler" für den Reichsleiter Rosenberg und den damaligen Gauleiter seinen Beitrag abzuschließen.

Was wäre zu tun?

Dresen Darzustellen wäre, in wieweit die "Verdienste" sich auf die NS Ideologie beziehen konnten. Das gilt für alle drei Namen. Und dann das Lob der weltoffenen Bürgerschaft! Welche Bürgerschaft ist gemeint? Nur ein Beispiel: Die antijüdischen bis antisemitischen Einstellungen der Pastoren der Mennonitengemeinde schon in den 20er Jahren und dann während der NS Zeit. Im Konsistorium der Gemeinde waren tonangebende Namen der Krefelder Bürgerschaft versammelt. Auch nach 1945 ist von der "weltoffenen Bürgerschaft" wenig zu hören, wenn es um die Rückgabe des Eigentums der beraubten, vertriebenen, deportierten und ermordeten Krefelder jüdischen Glaubens ging.

Wie kann der Krefelder sich über die Zusammenhänge informieren?

Dresen In diesem Zusammenhang möchte ich ein Buch erwähnen, das in dieser Gründlichkeit über keine andere deutsche oder österreichische Stadt zu finden ist. Claudia Flümann hat in ihrem Buch mit dem bezeichnenden Titel "... doch nicht bei uns in Krefeld" für die Zeit zwischen 1933 und 1963 die Enteignungen der jüdischen "Mitbürger" und den oft erfolgreichen Widerstand der nicht jüdischen Krefelder gegen Rückgabe und Entschädigung nach 1945 dargestellt.

Das Bayer-Kreuz ist aus Krefeld verschwunden, aber die Wurzeln reichen bis zu den IG Farben: Haben Sie sich auch damit beschäftigt?

Dresen Die IG Farben waren mit verantwortlich für den Vernichtungs- und Produktionsstandort Auschwitz. Hier standen ihre Werke, die IG Auschwitz. Die Chemiefabrik ter Meer in Uerdingen war ein Teil der IG Farben geworden. Im Vorstand saß Fritz ter Meer, der auch wegen seiner Tätigkeit in Auschwitz nach 1945 verurteilt, dann aber in den Vorstand der Bayer Werke berufen wurde. Er hat gleich nach Kriegsende in der Haft eine Sprachregelung entwickelt, die immer noch wiederholt wird. In dieser nach seinem Haftort benannten "Kransberger Denkschrift" trennt er die deutschen Firmen von den "Nazis". Den Verantwortlichen sei es nur um die Rettung ihrer Firmen gegangen. Von den durch Krieg und Massenmord erzielten Profiten wird in dieser "Denkschrift" nicht gesprochen.

Auf dem ehemaligen Bayer-Werksgelände soll ein alter jüdischer Friedhof gelegen haben. Wissen Sie etwas davon?

Dresen Im Jahr 1942 ist das Friedhofsgrundstück an die IG Farben verkauft worden. Eine Gedenktafel wäre angebracht. Bis jetzt gibt es die Tafel nicht, obwohl sie seit Jahren gefordert wird.

Sie erwähnten Schulnamen, die zu ändern oder mit Informationstafeln auszustatten wären?

Dresen Ich denke an Johann Gottlieb Fichte und Ernst Moritz Arndt als Namensgeber. Die Schulen erhielten ihre Namen 1937 und 1938.

Was haben Sie an Fichte und Arndt zu bemängeln?

Dresen Beide waren beliebte Namen in der NS Zeit. Beide stehen in der Tradition der Deutschen Befreiungskriege, eine nationale Befreiung gegen die Emanzipationsansprüche der Französischen Revolution, Befreiung wurde autoritär und bei Fichte und Arndt auch antisemitisch verstanden.

Es gibt Umbenennungen von Straßen, schon gleich nach der NS Zeit, die Sie aber bemängeln.

Dresen Georg Opdenberg hat in seinem verdienstvollen Buch über "Schildbürger und ihre Vorgänger" darauf aufmerksam gemacht. Nur ein Beispiel. Während der NS Zeit wurden die Straßen in einer damaligen SA Siedlung nach "Opfern" der "Bewegung" benannt. Danach waren diese Namen nicht mehr zu halten. Nun heißen diese Straßen nach Flüssen, die an zentralen Orten der "Bewegung" vorbei fließen: Lechstraße verweist auf Landsberg, wo Hitler inhaftiert war, Isarstraße verweist auf München, also auf den "Marsch" auf die Feldherrenhalle, die Donaustraße auf Wien, erinnert also an den "Anschluss" Österreichs. Man zog nur einen leichten Vorhang vor das, was die Straßen einmal signalisierten.

Sie können noch viele Stichwörter nennen, über die zu reden lohnt. Ist Krefeld in der Aufarbeitung nationalsozialistischer und antisemitischer Vergangenheit besonders schwerfällig?

Dresen Das will ich nicht unbedingt sagen. Viele Städte dieser Größenordnung tun sich schwer damit. Ich würde mir wünschen, dass die Thematik offensiv aufgearbeitet würde. Warum sollte die Stadt nicht einmal einen externen Historiker beauftragen, um zu erfahren, was hinter den Namen steckt? Bei der Besetzung der neuen Leitung der Villa Merländer sollten Öffentlichkeit und Politik in einem transparentem Verfahren beteiligt werden.

Wer sollte Ihrer Meinung nach mit der Benennung einer Straße geehrt werden?

Dresen Da denke ich zunächst an Rudolf Hirsch. Er stammte aus einer alten jüdischen Krefelder Familie, die enteignet wurde, seine Mutter wurde ermordet. Eine Entschädigung gab es nie. Er war Schüler des Moltke-Gymnasiums, er hat oft und kritisch über seine Heimatstadt geschrieben, zusammen mit seiner Frau gab er das Buch über den "Gelben Stern" heraus, eine frühe Darstellung der Judenverfolgung. Wie wäre es, den Platz, der jetzt nach dem nicht gerade friedliebenden Moltke benannt wurde, nach Rudolf Hirsch zu benennen? Es gäbe dann ein"Gymnasium am Rudolf Hirsch Platz". Ein sehr guter Kenner Krefelds sagte mir allerdings: Da müssen in Krefeld so dicke Bretter gebohrt werden, dafür gibt es keine Instrumente.

NORBERT STIRKEN FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
 
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