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Krefeld
Kriegsbunker für 12.000 Krefelder

Krefeld: Kriegsbunker für 12.000 Krefelder
Der Bunker und ein darüber liegender Bau an der Hansastraße bot im Zweiten Weltkrieg bis zu 12 000 Bürgern Sicherheit bei Bombenangriffen. Im Rahmen des Perspektivwechsels konnte er jetzt begangen werden. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Mehr Besucher als erwartet wollten beim Perspektivwechsel markante Krefelder Bauwerke "unten" erleben. Von Otmar Sprothen

"Glück Auf Krefeld! - Zeit für Tiefgang" hat das Krefelder Stadtmarketing die Veranstaltung genannt, die die Krefelder am Samstag einen Blick aus dem Untergrund auf ihre gewohnte Umgebung werfen ließ. Festes Schuhwerk, Schwindelfreiheit und Gelenkigkeit waren beim Gang durch schmale Gänge, dunkle Gewölbe und über steile Treppen gefragt. Alltägliche Krefelder Bauten verwandelten sich durch den ungewöhnlichen Ausblick aus der Kellerperspektive in geheimnisvolle Orte.

Vor dem Bunker an der Hansastraße hatte sich schon am frühen Vormittag eine lange Schlange Neugieriger gebildet: Krefelder Neubürger, darunter auch einige Migranten, neugierige Einheimische, Familien mit Kindern und eine Menge Fotografen, aus deren Rucksäcken die Teleskopbeine von Stativen herausragten.

Auf staubigem Untergrund geht es die breit-geschwungene Rampe hinab in das Untergeschoss, vorbei an verblichenen Aufschriften wie "Vorsicht! Bitte rechts gehen" an der farbigen Darstellung eines wie zu einem Spaziergang gekleideten Paares vorbei mit den Hinweisen "Restaurant" und "Unterkunft". Unten öffnete sich ein 165 Meter langer breiter Raum, der sich neben den wuchtigen Stützen in durchnummerierte Abteile gliederte. Auf den vordersten Pfeiler gemalt der Hinweis "Toiletten". 6000 Menschen sollten hier Platz bei Luftalarm Platz finden, die gleiche Anzahl noch mal in dem gleichgroßen ebenerdigen Geschoss darüber.

Der Bunker Hansastraße, gebaut direkt neben der im Hansa-Haus untergebrachten Kreisleitung der NSDAP und der Gestapo, war der größte Krefelder Bunker als Ergebnis eines Luftschutzprogramms, das seit 1935 den Bau von Luftschutzkellern und ab Oktober 1940 den Bau von Luftschutzbunkern vorschrieb. Mit Hilfe von "Fremdarbeitern" sollte das Programm in kürzester Zeit durchgezogen werden, denn ein Krieg war für die Menschen nur denkbar, wenn zumindest die Illusion bestand, man könne ihn überleben.

Krefeld erwies sich beim Bau der 24 Bunker und 45 Stollenanlagen, die bis zum Stop des Programms Ende 1944 für 170000 Krefelder immerhin 70000 Bunkerplätze und 8000 Stollenplätze bereitstellten, im Vergleich zu Nachbarstädten wie Düsseldorf oder Mönchengladbach als besonders findig. Zu den Bunkerbauplätzen verlegte man Straßenbahnschienen und transportierte das Baumaterial mit Straßenbahnen, an die man Güterwagen anhängte. Die so eingesparten Benzinbezugsscheine tauschte die Stadt in Köln gegen Zement ein, der auf Rheinschiffen nach Krefeld kam. Krefelder Eisenbahnern gelang es, einen ganzen Eisenbahnzug voll Rundeisen nach Krefeld zu lenken. Damit konnte man Schiffsmotoren aus Bremen eintauschen und diese zu Notstromaggregaten für die Belüftung der Bunker umbauen. Diese Umtriebigkeit des Krefelder Luftschutzamtes, in dem neben der Polizei und der Feuerwehr auch alle anderen für den Zivilschutz zuständigen Dienste ebenfalls im Hansahaus zusammengefasst waren, rettete sicherlich vielen Krefeldern das Leben.

Krefeld lag im Bereich der Einflugschneide englischer Bomber in das Ruhrgebiet und besaß selber kriegswichtige Betriebe wie die Edelstahlwerke, deren Betriebsleiter Walter Rohland den auch in Großbritannien bekannten Beinamen "Panzer-Rohland" führte, das IG-Farben-Werk (später Bayer) oder Boley in Uerdingen, die einzige Firma, die einen wichtigen Zusatz für Flugbenzin herstellte, die Linner Rheika (Rheinische Kunstseide) oder die Firma Kleinewefers, die die Hälfte der Flutklappen- und Schnorchelventile der deutschen U-Boote herstellte. Niemand kennt die genaue Zahl der Fliegeralarme. Die Zahl der Krefeld betreffenden Vollalarme wird von damaligen Beobachtern auf etwa 1200 geschätzt bei etwa 2000 Fliegeralarmen insgesamt.

Der größte Angriff aus der Luft auf Krefeld erfolgte in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1943. 708 britische Bomber ließen in sechs aufeinander folgenden Wellen über 2000 Tonnen Spreng- und Brandbomben auf die Stadt niedergehen. Die Innenstadt und die nördlichen Stadtteile wurden vernichtet. Dabei hatte Krefeld Glück im Unglück: Da das Zielflugzeug die Markierungen, im Volksmund Christbäume genannt, falsch gesetzt hatte, fiel ein großer Teil der Bomben ins Hülser Bruch und Kempener Feld.

Nach Kriegsende sollte der Hansa-Bunker entmilitarisiert werden. 1949 ließ die britische Militärregierung 30 Fenster in den Betonkoloss sprengen, um ihn für eine Garage mit 100 bis 150 Stellplätzen zu öffnen. 1965, in der Hochzeit des Kalten Krieges, sollte der Bunker für den Atomkrieg umgerüstet werden. Land und Bund fehlten aber die Mittel. Daher schlug die Rheinische Post 1967 vor, den Bunker durch das Überwachsen mit Efeu unsichtbar zu machen. Nach für Krefeld kurzer Planungszeit von rund 12 Jahren wurde der Bunker mit 2,6 Millionen DM des Landes NRW zu einem Parkhaus mit 451 Stellplätzen umgebaut. 1994 folgen das 2000 Plätze bietende Großkino Cinemaxx und das Ibis-Budget-Hotel sowie die Abteilung des Ordnungsamtes für Bußgeldangelegenheiten.

Quelle: RP
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