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Krefeld
Kurdin berichtet aus der Türkei

Krefeld. Es war ein beklemmender Abend, der am Ende auch zwiespältige Gefühle hinterließ: Die Krefelder Gewerkschaften hatten die ehemalige Generalsekretärin der türkischen Lehrergewerkschaft Egitim Sen, Sakine Esen-Yilmaz, eingeladen, über ihr Leben in der Türkei zu berichten. Die Kurdin ist dort zu insgesamt 22 Jahren Haft verurteilt worden und deshalb mit nichts als einem Rucksack nach Deutschland geflohen. Sie hat Asyl beantragt und lebt zurzeit in einem Flüchtlingslager in Essen. In der Türkei hat sie die letzten Monate vor der Flucht im Untergrund gelebt.

Wer hoffte, eine Lebenserzählung zu hören, wurde enttäuscht. Sakine Esen-Yilmaz sagte nur wenig über sich und viel über allgemeine Dinge in der Türkei. Ihr Referat durchsetzte sie zudem mit ideologischer Begrifflichkeit über Faschismus und Kapitalismus, mit Kritik am "Neoliberalismus", den sie mit der Verfolgungspolitik des türkischen Präsidenten Erdogan gleichsetzte. Der Vortrag war begleitet von Fotos, die zum Teil nichtssagend waren und doch haarsträubende Geschichten belegen sollten. So nahm man als Zuhörer fast verstört zur Kenntnis, dass das Ganze Züge von Propaganda hatte und wenig von detailgetreuer Zeugenschaft aus dem Reiche Erdogans.

Dabei berichtete die Frau von grauenhaften Dingen. In kurdischen Städten soll es demnach zu willkürlichen Erschießungen kommen; Esen-Yilmaz erwähnte unter anderem das Schicksal der jungen Kurdin Dilek Dogan, die nach Internetberichten 2015 bei einer Polizeirazzia aus nichtigem Grund in ihrem Haus erschossen worden sein soll. Esen-Yilmaz berichtete von Leichenschändungen, davon, dass getötete Kurden tagelang auf offener Straße liegengelassen werden. Bei dem Anschlag in Ankara im Oktober 2015, bei dem mehr als 100 Friedensaktivisten getötet wurden, sollen türkische Sicherheitskräfte verhindert haben, dass Krankenwagen zu den Verletzten gelangten. Vor den Leichenschauhäusern mit den Opfern des Bombenanschlags sollen zur Verhöhnung der Toten Feuerwerkskörper gezündet worden sein. Hintergrund: Die Demonstration war auch von der kurdischen Organisation Demokratische Partei der Völker organisiert worden. Esen-Yilmaz behauptete auch, dass Erdogan von Umsturzplänen wusste und den Putsch im Juli zugelassen habe, um alle oppositionellen Kräfte beseitigen zu können.

In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem erwogen, als Zeichen der Solidarität eine Delegation von deutschen Gewerkschaftern in die Türkei zu entsenden. Wenn das, was Esen-Yilmaz berichtet, stimmt - eine Illusion.

(vo)
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