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Sexualassistentin aus Krefeld
Kuscheln, streicheln, wohlfühlen

Sexualassistentin aus Krefeld: Kuscheln, streicheln, wohlfühlen
Das Zimmer, in dem Sonja ihre Kunden empfängt, hat sie behindertenfreundlich eingerichtet. Die 54-jährige Krefelderin kümmert sich vor allem um ältere Menschen mit körperlichen oder geistigen Gebrechen. FOTO: Gerhard Wollenhaupt
Krefeld. Sonja aus Krefeld hilft älteren und behinderten Menschen beim Ausleben ihrer Sexualität. Die Sexualassistentin arbeitet dabei eng mit Senioreneinrichtungen zusammen, die ihr Kunden vermitteln. Die Nachfrage ist offenbar groß. Von Christian Schwerdtfeger

In einer Ecke des Raumes sitzt ein schwarzer Buddha mit zusammengefalteten Händen. Drei angezündete Kerzen stehen vor der Statue. Die Wände leuchten grasgrün, aus den Lautsprechern erklingt beruhigende Lounge-Musik, wie man sie auch aus Wellness-Tempeln kennt. Eine Atmosphäre, die dazu beitragen soll, dass sich die Menschen wohlfühlen, die im Himmelbett liegen, das den größten und wichtigsten Teil des Zimmers einnimmt. Hier, im "Institut für sinnliche Begegnungen", empfängt Sonja ihre Kunden, Senioren und Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, massiert, streichelt und befriedigt sie.

Die 54-jährige Krefelderin ist eine sogenannte Sexualassistentin. Sie helfe, sagt sie, ihren Kunden beim Ausleben ihrer Lust, also bei etwas ganz Normalem, das die Gesellschaft ihrer Zielgruppe aber in weiten Teilen nicht zugestehen wolle und das Thema stattdessen tabuisiere. "Aber auch für diese Menschen gibt es das Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität. Das ist ein Grundrecht der Menschenwürde", sagt sie. Nur weil man alt und gebrechlich sei, heiße das nicht, dass man keine Bedürfnisse habe.

Mit dem Treppenlift in die erste Etage

Seit 28 Jahren betreibt Sonja ein entsprechendes "Studio" in Krefeld, in dem sie sich mittlerweile auf behinderte und ältere Menschen spezialisiert hat. Vor drei Jahren hat sie eine ganze Etage ihres Hauses behindertenfreundlich ausbauen lassen. Mit einem Treppenlift gelangen die Kunden, wenn sie nicht mehr gut zu Fuß sind, in die Räumlichkeiten in der ersten Etage. Die Sanitäranlagen (Badewanne, Dusche, WC) entsprechen den Standards der Krankenhäuser. Für den medizinischen Notfall steht ein Defibrillator bereit, den sie aber noch nie habe benutzen müssen. Aber bei dem Alter, das die meisten ihrer Kunden hätten, müsste man schließlich auf alles vorbereitet sein.

Die meisten kämen einmal im Monat zu ihr. Sonja nimmt für eine Stunde 100 Euro. Ein Vorgespräch, falls es gewünscht sein sollte, koste bei ihr nichts. Selten übernehme das Sozialamt die Kosten, sagt sie. Viele könnten sich den Service aber nicht leisten - obwohl sie ihn gerne in Anspruch nehmen würden.

Deshalb sollen nach den Vorstellungen einer Grünen-Abgeordneten Pflegebedürftige und Behinderte in Zukunft Sex mit Prostituierten bezahlt bekommen. Die Kommunen könnten "über entsprechende Angebote vor Ort beraten und Zuschüsse gewähren", sagte die pflegepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen, Elisabeth Scharfenberg, zu Wochenbeginn der "Welt".

Obwohl die Nachfrage groß sei, ist Sonja bislang eine von ganz wenigen in der Branche, die diesen Service anbieten. So gibt es in der Region gerade einmal etwas mehr als eine Handvoll qualifizierte Sexualbegleiterinnen und -assistentinnen. "Deshalb nehmen manche meiner Kunden auch eine weite Anreise in Kauf", sagt sie.

Altenheime fahren Kunden ins "Studio"

Die meisten kämen aber aus dem Rheinland zu ihr. Oft aus Altenheimen. "Ich arbeite mit vielen Einrichtungen zusammen", sagt sie. "Die bringen die Kunden zu mir und holen sie auch wieder ab." Anfangs, zu Beginn ihrer Tätigkeit, habe sie in den Seniorenunterkünften noch Informationsblätter verteilt, um auf ihr Angebot aufmerksam zu machen.

Das sei aber längst nicht mehr nötig. Die Leute kämen mittlerweile auch so zu ihr. Ihre Diskretion habe sich schnell herumgesprochen. Und darauf legten ihre Kunden und die Einrichtungen, die sie ihr vermitteln, größten Wert. Viele Träger sorgten sich vor der Schlagzeile: "Prostitution im Altenheim". Dabei dürfe man die Tätigkeit einer Sexualassistentin nicht gleichsetzen mit der einer "Sexarbeiterin", sagt Sonjas 72-jähriger Ehemann Gerhard Wollenhaupt. "Das, was meine Frau macht, ist keine Prostitution im klassischen Sinne", betont er.

In der Sexualassistenz spiele der Körperkontakt eine sehr große Rolle. Massagen, Streicheln und Umarmungen sind ebenso wichtig wie Unterhaltung und sexualpädagogische Unterstützung wie zum Beispiel die Anleitung zu Selbstbefriedigung, Intimität und Erotik. Es gehe um das Beieinandersein, das gemeinsame Nacktsein und Kuscheln. 

Es gibt auch "schwarze Schafe"

Ein Ausbildungsberuf ist Sexualassistentin oder -begleiterin aber nicht. Auch gesetzlich geschützt ist die Bezeichnung nicht. Deshalb gebe es mittlerweile auch eine Reihe "schwarzer Schafe". Das seien Frauen, die sich als Sexualbegleiterin ausgeben würden, ohne auch nur ansatzweise Kenntnisse im Umgang mit älteren und behinderten Menschen zu haben. Dabei seien entsprechende Schulungen eigentlich zwingend erforderlich, meint die Krefelderin.

Sie selbst habe sich in vielen Bereichen weiterbilden lassen und Kurse absolviert, in denen sie viel über Demenz-, Parkinson- und Autismuserkrankungen gelernt habe. Ihre Erfahrung mit dementen Männern habe ihr zum Beispiel gezeigt, dass ihnen Intimität gut täte, sie ruhiger und ausgeglichener werden und am Alltagsleben wieder teilnehmen würden. "Auf jeden Fall wirkt die erlebte Sexualität länger nach und macht glücklich", sagt sie.

Man müsse auch ein bisschen Krankenschwester sein, betont die 54-Jährige. "Das heißt, dass man bereit sein muss, die Kunden auch mit auf die Toilette zu begleiten."

Es seien aber nicht nur Menschen mit Behinderungen oder Senioren, die Sonjas Dienste in Anspruch nehmen würden, sagt die 54-Jährige. Es kämen auch "Gäste", die wenig oder keine sexuelle Erfahrung hätten oder die extrem schüchtern seien. Ihr Angebot richte sich auch an Frauen.

Unterstützung vom Ehemann

Gerhard Wollenhaupt unterstützt die Arbeit seiner Frau. "Ich stehe voll und ganz dahinter", sagt er. Wenn es nötig sei, packe er auch schon mal mit an. "Wenn etwa jemand Probleme beim Laufen hat oder zu schwer ist, dann helfe ich", sagt der 72-Jährige.

Eifersüchtig sei er nie. Im Gegenteil. "Ich bin stolz auf meine Frau, weil das eine wichtige Aufgabe ist, die sie erfüllt." Kennengelernt haben sich beide Ende der 80er Jahre. Damals sei er Küchenplaner gewesen und habe für sie einen Vorschlag entwerfen müssen. Kurz darauf seien sie ein Paar geworden, seit 16 Jahren sind sie verheiratet.

"Ich habe Gäste, die wollen gar nicht mehr gehen"

Weil der Bedarf an Sexualität von Altenheimbewohnern auch Expertenmeinungen zufolge da sei - und infolge des demografischen Wandels weiter zunehmen werde -, wünscht sich Sonja, dass sich die Mitarbeiter von Seniorenheimen und Pflegediensten in der Thematik fortbilden würden. "Die Folge unterdrückter Intimität zeigt sich bei Männern meist darin, dass sie unruhig und aggressiv sind oder sogar übergriffig gegenüber Bewohnerinnen und dem Personal werden", so die 54-Jährige.

Die Lounge-Musik, die in ihrem "Institut für sinnliche Begegnungen" aus den Boxen kommt, ist speziell auf die jeweiligen Bedürfnisse ihrer Kunden zugeschnitten. "Ich kann etwa Rhythmen für Demenzkranke abspielen, die beruhigend auf sie wirken", sagt sie. "Ich habe Gäste, die wollen gar nicht mehr gehen." In diesen Fällen müsse sie dann sagen, dass das leider nicht gehe, weil bereits der nächste vor der Tür warte.

Unseren Kommentar zum Thema lesen Sie hier.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes stand, Sexual- und Oralverkehr gehöre nicht zur Aufgabe einer Sexualassistentin. Sonja wies unsere Redaktion jedoch darauf hin, dass sie dies sehr wohl anbiete. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. 

Quelle: RP
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