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Zum Tage
Leben geschieht im Augenblick

Krefeld. Es ist Halbzeit. Nicht beim Fußball, sondern im Jahr 2016. Das erste Halbjahr ist vorbei. In zehn Wochen gibt es wieder Weihnachtsgebäck in den Läden. Kaum zu glauben, es war doch noch gar nicht richtig Sommer. Können Sie sich noch an Ihre guten Vorsätze vor einem halben Jahr erinnern? Welche davon haben Sie gehalten? Oder rauchen Sie doch wieder, haben doch nichts abgenommen, keine Zeit gehabt, um endlich Sport zu treiben . . .? Neujahr ist schon so lange her und doch noch ganz nah, als ob es gestern gewesen wäre.

Ich gehöre zu den Menschen, bei denen altersbedingt die Zeit angeblich viel schneller vorbeigeht als bei den Jüngeren. Diese schielen nach vorn, um endlich 14 oder 16 oder 18 Jahre zu werden, während andere zurückblicken und mit allen Tricks versuchen, ihr Älterwerden zu kaschieren.

Wann leben wir? Gewiss nicht im "Nach vorne Drängeln", auch nicht im "Zurückschielen". Leben geschieht immer im Augenblick. Es ist eine Kunst, dies zu üben. In einer kleinen Geschichte wird es so überliefert: Ein Europäer fragte einen Asiaten, warum er immer so gelassen erscheine. Der Asiate sagte: "Wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich und wenn ich gehe, dann gehe ich." - "Aber das tue ich doch auch", erwiderte der Europäer. "Nein", antwortete der Asiate, "wenn du sitzt, dann gehst du schon, wenn du gehst, dann sitzt du schon, und wenn du isst, dann gehst du schon....".

Es ist wie verhext, wie viele sind gedanklich schon beim nächsten.... Hinzu kommt die neuerdings verstärkte unersättliche Angst, etwas zu verpassen. In der Bahn, auf der Straße als Fußgänger, kann man Menschen beobachten, die ständig mit ihrem Smartphone beschäftigt sind. Achten Sie einmal darauf, wie viele Autofahrer an der Ampel mal eben einen Blick aufs Handy werfen und die beginnende Grünphase nicht mitbekommen, - was ist so wichtig? Meist sind es Belanglosigkeiten, die ständig ausgetauscht werden.

Welche Sehnsüchte werden mit diesem elektronischen Teil befriedigt? Eine Schülerin erzählte, sie sei neulich ganz bewusst im Zug nach Köln gefahren, ohne ihr Handy zu benutzen. Keine Ohrstöpsel, keine WhatsApp. Sie sagte, es sei so schön gewesen, über den Rhein zu fahren, den Dom zu sehen, was vorher kaum eine Rolle spielte. Im Augenblick liegt das Leben!

Ich habe keine Vorstellungen, wie das nächste halbe Jahr sein soll. Das ist gut so, dann kann ich auch nicht enttäuscht werden. Ich habe keine guten Vorsätze, dann habe ich auch kein schlechtes Gewissen, wenn ich nichts einhalte.... "Kaufet die Zeit aus" schreibt Paulus an die Epheser, das heißt: erfüllt sie mit Sinn und jagt keinen Trugbildern hinterher.

Eine schöne Übung für die zweite Halbzeit 2016!

UWE KAISER BERUFSSCHULPFARRER

Quelle: RP
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