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Heimat in Krefeld
Leben in der alten "Villa Bückeburg"

Leben in der alten „Villa Bückeburg“
Leben in der alten „Villa Bückeburg“ FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Leonie Peuten-Thomas ist begeisterte Bewohnerin der ehemaligen, mehr als 330 Jahre alten Vikarie in Hüls. Wegen der niedrigen Räume nannte sie ihr Vorgänger, der 2011 verstorbene, mehr als 1,90 Meter große Pfarrer Hermann Lunkebein, "Villa Bückeburg". Von Jochen Lenzen

Hüls Sie ist gar nicht besonders groß, aber wenn sie vom Schlaf- ins Badezimmer geht, muss sie schon aufpassen und den Kopf einziehen: Gemeindereferentin Leonie Peuten-Thomas wohnt nämlich in einem Haus, das in einer Zeit gebaut wurde, als die Menschen im Durchschnitt kleiner waren als heute. 1681 ist als Entstehungsjahr des als Vikarie errichteten Gebäudes an der Rektoratsstraße durch ein Chronogramm - eine Inschrift mit Hervorhebung lateinischer Buchstabenzahlen - über der Eingangstür belegt, doch könnte das Haus mit der Barockfassade nach Ansicht von Gottfried Andree, dem Vorsitzenden des Hülser Heimatvereins, auch älter sein.

Vor vier Jahren zog die Gemeindereferentin in das Haus der Pfarrgemeinde ein, das zuvor der 2011 verstorbene Pfarrer Hermann Lunkebein bewohnt hatte. Der beliebte und humorvolle Mundartpfarrer musste seinen Kopf wesentlich häufiger einziehen als Leonie Peuten-Thomas, denn er war mehr als 1,90 Meter groß und nannte das Haus deshalb Villa Bückeburg. "Pfarrer Lunkebein wusste, dass es immer mein Traum war, einmal in diesem Haus zu wohnen, und versprach mir, dass das eines Tages wahr werden würde", sagt die 59-Jährige.

Wer die lange Diele des Hauses betritt, bemerkt gleich hinter der Treppe zum Obergeschoss den großen Ohrensessel. Den hat Peuten-Thomas ebenso von Pfarrer Lunkebein geerbt wie den Küchenschrank aus den 50er Jahren. Ansonsten herrscht als Kontrast zu der alten Bausubstanz mit ihren alten Holzbalken funktionelles, sachliches Mobiliar jüngeren Datums vor.

Satte 116 Quadratmeter Wohnfläche stehen der Bewohnerin in dem Barockhaus zur Verfügung - allerdings verteilt auf Erd- und Obergeschoss, in denen neben Diele, Küche und WC sowie zwei Bädern insgesamt vier weitere Zimmer untergebracht sind. Unten sind es das Ess- und das Wohnzimmer, oben sind es ein Gäste- und ein Arbeitszimmer. Hier führt die Mieterin einen weiteren Effekt vor, der sich in einem solch alten Haus einstellt: Sie setzt sich auf den Stuhl, hebt ihre Beine leicht an - und schon rollt der Stuhl auf die südliche Zimmerwand zu.

Neben den knarrenden Dielen und der extrem steilen Holzstiege zum unbenutzten Speicher hinauf gibt es im Esszimmer einen weiteren Beleg für das Alter des Hauses: An einer Wand ist eine großflächige Vertiefung sichtbar, in der sich früher der offene Kamin befand. Dieses Zimmer dient den Familientreffen, wenn Leonie Peuten-Thomas' Kinder mit ihren Partnern und den vier Enkelkindern zu Besuch kommen. Dort könnte auch der Unterricht stattgefunden haben, als die Vikarie einige Jahrzehnte lang auch als Lateinschule gedient hatte.

Es gibt übrigens weitere Belege für das Alter des Hauses, die allerdings weniger heimelig sind. Einer ist sogar etwas gruselig: "Als ich vor zwei Jahren eines Morgens meine Schlafzimmertür öffnete, war alles - aber auch alles - derart schwarz vor fliegenden Ameisen, dass ich geschrien habe wie am Spieß", bekennt die 59-Jährige. "Zeitgleich war Wasser an einem der alten Balken bis ins Esszimmer hinabgeflossen. Wir haben zuerst keinen Zusammenhang gefunden, aber als der Kammerjäger die Böden öffnete, kamen die von den Ameisen zerfressenen Holzbalken zum Vorschein. Dadurch und durch das Setzen des Holzes über Jahrzehnte hinweg hatten sich Rohre verschoben, so dass Wasser aus der am Vortag gut genutzten Gäste-Toilette hinabfließen konnte." Drei Wochen lang musste Peuten-Thomas den Lärm der Trockner über sich ergehen lassen.

"In einem solchen Haus ist immer wieder etwas zu reparieren oder zu richten", sagt die Mieterin und spricht von den Maßnahmen zur Trocknung der Hausfront-Mauern gleich nach ihrem Einzug, vom Ausfall der Heizung zwei Monate später an Heiligabend und von der kurz darauf notwendig gewordenen Neueindeckung des Dachs. "Ich habe mir den Wahlspruch von Pfarrer Lunkebein zu eigen gemacht, der immer erklärte ,Man kann sich über alles aufregen, man muss es aber nicht'. Nicht nur deshalb wohne ich nach wie vor gerne hier, genieße de Blick durch die schönen Sprossenfester in den Garten und beobachte dort die Vögel, Igel und Eichhörnchen."

Quelle: RP
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