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Kr Wie Krefeld
Lehren aus der Koerver-Halle

Krefeld. Das monatelange Leben in der Turnhalle zehrt offenbar an den Nerven - wie auch nicht. Flüchtlinge brauchen weiter Hilfe - und Mitgefühl hat weiter nichts mit Naivität zu tun.

Die Vorgänge in der Koerver-Halle werfen ein Schlaglicht auf die Lage von Flüchtlingen: Leben ohne Intimsphäre auf engem Raum, Schlimmes hinter sich, Ungewisses vor sich, besitz-, orientierungs- und perspektivlos. Dass es da zu Konflikten kommt, liegt auf der Hand. Das muss man nüchtern in den Blick nehmen; heißt: nicht mit falschem Mitleid übertünchen, aber auch nicht zum Unsicherheitsfanal hochstilisieren. Nicht jeder Ausraster unter diesen Lebensbedingungen ist gleich ein Sicherheitsrisiko, sondern menschlich und psychologisch nachvollziehbar.

Wer als Flüchtling hierher kommt, hat aber sehr wohl eine Bringschuld, indem er Regeln einhält und sich bemüht, die schwierige Lage zu meistern. Wer diesen guten Willen vermissen lässt, muss das spüren - so wie die Gruppe von Syrern, die aus der Koerver-Halle ausgegliedert wurden. Man kann nur hoffen, dass Stadt und Polizei Konsequenz und wo nötig Härte gegenüber Störenfrieden zeigen; es gilt, so früh wie möglich Grenzen zu setzen. Ein Problem, das im Untergrund rumort, ist etwa die Einhaltung der Schulpflicht. Man hört - unsystematisch und vereinzelt - die Klage aus Schulen, dass Stadt und Polizei nicht die Kapazität haben, die Schulpflicht bei Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien durchzusetzen. Es wäre fatal, das hinzunehmen. Nicht nur, dass diese Jugendlichen wenig lernen; sie nehmen bei Nichtstun der Behörden auch noch die Botschaft mit, dass Regeln hier nichts zählen. Es wäre gut, wenn der Staat Möglichkeiten hätte, fühlbar die Eltern in Mithaftung zu nehmen, denn es ist eigentlich nicht Sache des Staates, Kinder in die Schule zu schicken, sondern Sache der Eltern, und zwar egal, wo man herkommt. Umgekehrt gilt aber auch zu betonen: Hüten wir uns davor, dass unser Mitgefühl für all die Menschen abstumpft, die hier um Schutz und Aufnahme bitten. Es gehört ja auch zur Erfahrung, dass die meisten dieser Menschen friedlich sind und dankbar. Mitgefühl ist nicht naiv, sondern bleibt der herzenswarme Blick auf Menschen, die ihre Heimat verloren haben.

Flüchtlinge brauchen weiter Hilfe und offene Arme. Geld ist dabei weniger das Problem - das hat der Hülser Kaplan David Grüntjens wunderbar auf den Punkt gebracht: "Wir brauchen Leute", sagte er. Und das, was bürgerschaftliches Engagement zu leisten vermag, bahnt sich ja auch an. Der Initiativkreis in Hüls ist da nur ein Beispiel für immer noch beeindruckende Hilfsbereitschaft.

Bange ist einem dennoch. Bürgerschaftliches Engagement ist gut, reicht aber nicht aus. Vor allem müssen Bund und Land endlich den Kommunen die Mittel geben, um Flüchtlinge rasch ordentlich aufzunehmen und ihnen rasch den Weg in ein Leben nach der Turnhalle zu ebnen. Oder sie rasch auszuweisen. Die Zeit der Halbherzigkeit ist vorbei. Sonst schaffen wir es nicht.

Jens Voss

Quelle: RP
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