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Krefeld
Macbeth - ein blutiger Alptraum

Krefeld: Macbeth - ein blutiger Alptraum
Blutiges Rot dominiert die Mittelbühne. Die Nebelschwaden wirken wie blutige Luftströme aus der Hölle, als Macduffs Sohn (Ronny Tomiska) ermordet wird. Macbeth (Paul Steinbach, r.) und Macduff (Cornelius Gebert) blicken auf das tote Kind. FOTO: Matthias Stutte
Krefeld. In "Macbeth" gibt es nur ein Thema: Mord. Hüseyin Michael Cirpici inszeniert Shakespeares blutigstes Drama als düsteren Alptraum, in dem der Mensch zur Mordmaschine wird. Trotz bewegender Bilder stellt sich beim Zuschauen keine Gänsehaut ein. Brüht die Wirklichkeit des Terrors uns ab? Von Petra Diederichs

Zu den großen Theaterskandalen dieses Jahrhunderts zählt Jürgen Groschs Inszenierung von Macbeth. Die höchst unappetitliche Darstellung menschlicher Säfte auf der Bühne empörte 2005 das Publikum. Ein Jahr später wurde Grosch für den "Ekel-Macbeth" mit dem Deutschen Theaterpreis "Der Faust" geehrt.

Die Krefelder Inszenierung des wohl blutigsten Theaterstückes von Shakespeare wird keine derartigen Wellen schlagen. Sie ist weniger provokativ. Und trifft weniger ins Mark. Wenn der letzte - üppig eingesetzte - Bühnennebel verzogen ist und das Licht im Theatersaal die Düsternis vertreibt, müssen die Metaphern sich bewähren gegen die Bilder von Krieg, Hinrichtungen und Anschläge, die derzeit zum Nachrichtenalltag zählen.

In einer Zeit, in der Terror und Gewalt und die Angst davor ganz nahe gerückt sind, ist es ein Drahtseilakt, das Thema auf dem Theater auszubalancieren. Hüseyin Michael Cirpici hat Verweise auf IS und Bürgerkriege bewusst außen vor gelassen. Er hebt die Morderei aus Zeit und Raum - und bleibt dabei nah bei Shakespeare, der 1606 einen Alptraum von abschreckender Wirkung verfasste: Aus Machtgier tötet ein Mann den König und muss fortan immer weiter morden, um seine Haut zu retten. Ein Teufelskreis. Der Tod als einziger Ausweg ist Programm - letztlich auch für Macbeth.

Die Unschuld ist schon vor der ersten Szene gestorben. In blutbefleckten Unterhemden treten die Männer auf - Opfer wie Täter, alle sichtbar und gleich besudelt. Wo Menschen zu Tötungsmaschinen werden, ist Gleichmacherei geboten. Die Welt ist ein Schlachtfeld. Sigi Colpe hat die Mittelbühne mit roter Folie ausgelegt, auf die es aus antiseptisch wirkenden Metallrohren regnet. Im roten Licht glitzert der Boden gefährlich, spiegelt die Szenerie. Die Akteure scheinen durch Blutlachen zu waten: Jeder hat sinnbildlich Blut an den Füßen. Für Mitgefühl gibt es kein Schlupfloch. Cirpici hat das sich ständig steigernde Grauen als Höllenspirale komprimiert. In gut anderthalb Stunden bleibt keine Zeit für tiefe Zweifel, kaum einmal für ruhige Töne. Paul Steinbach hetzt als Macbeth durch sein Schicksal. Er will den Thron und die Macht. Die Hexen, die ihm Königreich und Untergang prophezeien, werden zu quälenden Stimmen, die sich ihm tief einbrennen. Esther Keil, Helen Wendt und Lena Eikenbusch zischeln sich in sein Unterbewusstsein. Kein Wunder, dass er keine Ruhe mehr finden wird. Der lodernde Wahnsinn in seinem Inneren frisst ihn auf. Den Verfall schreit Steinbach heraus. Mitgefühl verdient er ebenso wenig wie seine Lady (Eva Spott), die mit Eisköniginnenmiene im weißen Pelz seine Männlichkeit in Frage stellt und ihn zum ersten Mord drängt. Eiskalt tut sie seine Skrupel ab: "Morden ohne Glücksgefühl ist sinnlos!" Mit der gleichen Besessenheit wäscht sie später manisch ihre Hände, um sie von der Blutschuld zu reinigen. Perfiderweise ist ihr Wassereimer mit Theaterblut gefüllt, das sich vor ihrer weißen Luxuswäsche brutal ausnimmt. Wie ein Fremdkörper wirkt in der düsteren Szenerie der Pförtner, der Witze mit langem Bart kalauert (Marke: Rheinische Gottheit mit einem Buchstaben: Jott), auch wenn mancher im Publikum dankbar auflacht.

"Macbeth" muss man aushalten. Und das Ensemble gibt viel, um der Sprache und der Brutalität der Handlung gerecht zu werden: Joachim Henschke als König Duncan, Christopher Wintgens (Malcolm), Cornelius Gebert (Macduff) sowie Michael Ophelders mit einem soliden Debüt als Banquo und in mehreren Rollen Ronny Tomiska und Bruno Winzen.

Eine Hauptrolle hatte Julia Klomfaß. Am offenen Klavier, dessen Saiten sie zupfe, mit Cello, Stahlfedern, Zither und Blechen begleitet sie den gesamten Abend auf der Hinterbühne mit sphärischen Klängen. Mal schürt sie Spannung wie im Thriller, mal donnert sie Naturgewalten ins Geschehen. Leise Töne, die nicht sofort alarmieren, sind die wichtigen. Dafür braucht man gerade heute aufnahmebereite Sinne. Viel Applaus vom Premierenpublikum.

Weitere Vorstellungen: 3., 12. 26. und 28. Februar, 2. März, 24. April und 12. Mai. Kartentelefon 02151 805125.

Quelle: RP
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