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Krefeld
Machtgetriebene Politiker? - Krefelder forscht

Krefeld: Machtgetriebene Politiker? - Krefelder forscht
Florian Philipp Ott, Krefelder FDP-Ratsherr, mit seiner Masterarbeit. Er fragt sich: Was treibt Politiker in Bund, Land und Europa an? FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Der FDP-Ratsherr Florian Philipp Ott hat in einer Masterarbeit untersucht, warum Menschen Politik machen. 2590 Abgeordnete schrieb er an. Seine Frage: Streben Politiker Macht an oder wollen sie Applaus? Das Ergebnis seiner Untersuchung verblüfft. Von Sebastian Peters

Natürlich hatte Florian-Philipp Ott seinen eigenen Eindruck - er sitzt seit dieser Legislaturperiode für die FDP im Krefelder Stadtrat, hat also die Spezies Politiker aus nächster Nähe kennenlernen dürfen. Für seine wissenschaftliche Masterarbeit wollte der 26-Jährige aber losgelöst von seiner eigenen Biografie untersuchen, wie der Typus Politiker tickt, was ihn antreibt. "Machtmensch Politiker?" heißt die Arbeit, die vor wenigen Wochen an der NRW School Of Governance mit "1,0" benotet wurde. Florian Philipp Ott trieb die Frage um, ob Politiker wirklich so machtbesessen sind, wie es gemeinhin behauptet wird. "Nicht nur an Stammtischen, auch in der politischen Theorie liest man immer, dass Macht der wahre Antrieb der Politiker ist." Das wollte er nicht glauben. Das Ergebnis seiner Arbeit verblüfft. Vielleicht muss man gar das stereotype Bild des Politikers als Machtstreber, als machtgeil gar, revidieren?

Florian Philipp Ott hat Politik an der NRW School of Governance in Duisburg studiert, sich aber immer auch für Psychologie interessiert. Seine Arbeit schrieb er im Fachgebiet "politische Psychologie". "In Deutschland ist das noch eine junge Disziplin", sagt Ott. "In Amerika ist die Forschung da schon weiter."

Im Kern wollte er wissen, welche "soziogenen Motive" die Politiker antreiben. Ist es das Machtmotiv? Ist es das Anschlussmotiv, also die Suche nach Bestätigung durch Applaus, menschliche Kontakte, persönliche Gespräche? Oder ist es das Leistungsmotiv, also die Suche nach der eigenen Herausforderung. Ott erarbeitete dafür einen Fragebogen, den er an 2590 Politiker in den Landtagen aller Bundesländern, an die Bundestagsabgeordneten und deutschen Europaabgeordneten sendete. "Das war ein Kraftakt", bilanziert er. 18 große Kartons mit den schriftlichen Einladungen an die Parlamente versendete er. Seine Professorin habe ihm gesagt, dass er zufrieden sein könnte, wenn insgesamt 50 Politiker antworten. Ott wurde positiv überrascht. 359 Politiker haben den Bogen komplett ausgewertet, überproportional beteiligten sich Abgeordnete von Grünen, Linke und FDP. Deutlich unterrepräsentiert ist hingegen die CDU bei der Befragung. Die Rücklaufquote insgesamt liegt bei 13,9 Prozent. "Das ist nicht repräsentativ, aber dennoch gab es eine solche Umfrage zu dem Thema auf einer solch breiten Basis bisher meines Wissens nicht." Die meisten Teilnehmer kamen aus den großen Landtagen, 39 Bundestagsabgeordnete haben mitgemacht.

Ott wandte einen Fragebogen namens "Multi Motiv Gitter" des Wissenschaftlers Heinz-Dieter Schmalt an - dieses Testverfahren ermittelt die individuelle Ausprägung der Motive Macht, Leistung und Anschluss. Die Politiker als Probanden sahen mehrdeutig interpretierbare Bilder, sollten dann entscheiden, welche unter dem Bild stehende Aussage am besten zum Bild passt. Ergebnis seiner Forschung: "In erster Linie ist es die Anschlussmotivation, also Applaus oder zwischenmenschlicher Kontakt, der Politiker antreibt, danach kommt das Machtmotiv, erst dann das Leistungsmotiv". Auffällig: Die Ergebnisse gelten für Männer wie Frauen gleichermaßen. Ott ging bei seinen Fragen auch weiter ins Detail, im Ergebnis stellte sich heraus, dass bei den Grünen, der Linkspartei und den Piraten die Furcht vor dem Kontrollverlust am größten ist. Bei der FDP ist die Hoffnung auf Kontrolle am größten.

Er habe immer wieder vermutet, dass nicht das Machtmotiv bei Politikern dominiert, sagt Ott; auch durch die persönlichen Begegnung mit Krefelder Politikern habe sich dies bestätigt. Aber er wollte dies aber auch wissenschaftlich bestätigt sehen.

"Es war eine völlig anonyme Befragung, ich weiß nicht, welcher Abgeordnete teilgenommen hat", versichert er. Er habe auch im Vorfeld keinem der Angeschriebenen mitgeteilt, dass er FDP-Mitglied ist, für die Jungen Liberalen sogar im Bundesvorstand sitzt. Bei den Krefelder Politikern, die an der Umfrage teilgenommen haben, hat sich Ott schon persönlich bedankt. Einzelnen, etwa dem SPD-Landtagsabgeordneten Ulrich Hahnen und dem SPD-Bundestagsabgeordneten Siegmund Ehrmann, hat er die Studie auch zur Verfügung gestellt.

Was bedeutet sein Befund für seine eigene politische Arbeit im Krefelder Rat? Ott sagt: "Machtstreben ist ja nicht unbedingt schlecht. Und der Einzelne kann da ja nichts für." Im Internetportal Facebook hat er vom Ergebnis berichtet. 327 "Likes" von Freunden gab es, auch viele von Krefelder Ratpolitikern, die der FDP nicht nahe stehen. Das zeigt: Ott hat sich von seiner eigenen Parteizugehörigkeit gelöst, eine Arbeit vorgelegt, die einen anderen Blick auf den Typus Politiker gewährt. Ott selbst übrigens wirkt nicht wie ein Machtpolitiker. Auf der Internetseite des JuLi-Bundesvorstandes gibt er als "Herzthemen" die Punkte "Arbeit und Soziales, Kinder- und Jugendhilfe, Integration, Haushalt, Kirche und Religion" an.

Man müsse die Ansicht revidieren, dass Politiker stets nach Macht streben, schlussfolgert Florian Philipp Ott in seinem Fazit der Masterarbeit - und er gelangt zu einem positiven Politikerbild. Kernarbeit der Abgeordneten sei weniger die Kontrolle, als vielmehr die Beziehung zu Menschen. Der Arbeitsalltag der Politiker bestehe zu einem relevanten Teil aus Gesprächen, größeren Gremiensitzungen, Parteiveranstaltungen oder Vorträgen vor Publikum. Ott fragt sich dennoch, warum die Politiker viel weniger nach Macht streben als gemeinhin angenommen. Die Antwort liegt für ihn im demokratischen System begründet. Ott hält es für denkbar, dass die Beschaffenheit der parlamentarischen Strukturen des politischen Systems in Deutschland es einzelnen Politikern nur selten ermöglicht, Gefühle von Selbstwirksamkeit und Kontrolle zu erleben. "Schließlich beinhalten demokratische Entscheidungsprozesse immer, dass unterschiedliche Gremien und zahlreiche Personen über die gleiche Thematik beraten und befinden."

Quelle: RP
 
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